Unter Druck am besten: 6ergascho
Der Auftritt des Berner Sixpacks am Openair Frauenfeld, versetzte sogar Szenekenner in Erstaunen. Vielleicht war es zwar nicht der Auftritt selber, der die Augen gross und grösser werden liess, vielleicht war es auch die Reaktion des Publikums auf die Crew: Das Zelt war bereits am Nachmittag um viertel nach vier sehr gut gefüllt und zumindest die vordere Hälfte des Publikums zog brutal ab. Kurz gesagt: Die Zeltbühne am Openair Frauenfeld kochte bereits am Freitag Nachmittag zum ersten Mal. Kein Wunder, ist Yuri auch eine Stunde nach der Show noch völlig durch den Wind: „Nach so einer Show kommst du raus und möchtest mal irgendwo reinhauen. Da ist diese ganze Energie, die von den Fans kommt, die Zugabe ist gespielt, sie schreien nach noch mehr und du willst am liebsten noch mal auf die Bühne und weiter abdrücken!“ – „Wahnsinn“, meint Nestor schlicht – und beide sind sich einig: Shows wie jene in Frauenfeld sind Lohn für Jahre harter Arbeit. Und weil 6ergascho mehr sind, als einfach eine HipHop-Crew, ist der Gig an einem Tag, wie dem in Frauenfeld, zwar „ganz klar das wichtigste“, wie Nestor betont, „aber die Stunden davor und vor allem jene danach fast genauso. Besonders wenn man wie hier nach dem Auftritt nicht ein geiles Gefühl hat, sondern ein Wahnsinns-Gefühl, sind die Stunden dannach umso wichtiger.“
Aber: Der Auftritt von 6ergascho am Openair Frauenfeld war auch mit Blick in die Zukunft schlicht perfekt getimt: Am 14. August erscheint nach knapp anderthalb Jahren bereits „Jugendstil“, das zweite Album der Berner. „Klar wollten wir die Gelegenheit nutzen und zum ersten Mal Material ab dem neuen Album präsentieren“, sagt Nestor und Yuri doppelt nach: „Es wäre ein leichtes gewesen, die bekannten Songs zu spielen, sodass das Publikum jeden Hook mitsingen kann. Aber wir suchten den Challenge und wollten natürlich die Tracks promoten und das Release-Datum mal durchgeben.“ Heiss seien sie, neues Material zu bringen, sagt Yuri, das Energiebündel. „Die Leute geben uns soviel – das wollen wir zurückgeben! Wir wollen den Leuten geilen Sound mit geilen Beats und harten Rhymes bringen.“
Trotzdem: „Jugendstil“ ist auch unter einem gewissen Druck entstanden. Da war zum einen der Stress neben der Band, der es beispielsweise fast verunmöglichte, dass 6ergascho eigene Beats zum Album beisteuern konnten – was allerdings halb so tragisch ist, wenn man wie sie einen Mann vom Format Sad im Hintergrund hat, der derzeit einer der angesagtesten und fähigsten Beat-Schmiede der Schweiz ist. Zum anderen der Faktor Zeit und der Erfolg des Debuts „Itz oder nie“. „Wir haben uns schon gefragt, wie wir das toppen wollen“, gesteht Yuri, „denn das Album war frisch von Leber weg. Jetzt wollten wir besser werden, schärfere Rhymes, präzise Flows und auch in Sachen Beats.“ Doch er ist überzeugt: „’Jugendstil’ ist geil geworden – hey Leute: Kauft euch den shit!“ Und Jones bringt am Ende eine ganz einfache Erklärung für diese Überzeugung: „Unter Druck arbeiten wir am besten. Denn wenn wir Druck haben, dann geht’s voran!“
Und dann landen wir mitten in den Inhalten, welche die Berner vermitteln: Geschichten aus dem Leben sechs ganz normaler Homies, die ganz normal aufgewachsen sind, ohne soziale Tiefpunkte. Keine aufgesetzten Ghetto-Stories, kein Gepose. „Die Leute sollen das Album an Ende gleich noch einmal anhören wollen, weil sie sagen: ‚Yeah, ich wills noch einmal hören weil ich Lachen konnte“, erklärt Yuri. „Der Sound ist schliesslich auch das, was uns zusammenhält“, weiss Nestor, „denn auch wenn wir alle super Freunde sind, so gibt es Dinge wie Job und so, die uns manchmal auseinander zu bringen drohen. Dagegen wollen wir etwas machen. Dank dem Sound sehen wir uns öfter und machen auch was zusammen.“ – „Schon nur gemeinsam unterwegs sein zu können – auch mit den Jungs, mit denen wir früher rumgehangen sind – ist für uns alles. Was dazu kommt ist Zugabe!“, bringts Yuri auf den Punkt. Logisch, dass sie sich nicht überlegen mögen, ob sie jetzt mehr Band oder mehr Familie sind. „Beides!“, macht Nestor klar. Eine Familie, die seit der ersten Klasse – und das ist in der Zeit auch gegen 15 Jahre her – zusammen unterwegs ist, und in der jeder seine Rolle gefunden hat. „Ich konnte nicht rappen“, gibt DJ Jones zu, „und deshalb und weil mich das Scratchen und die Arbeit mit den technischen Geräten immer fasziniert hat.“