Aextra: Sechs Freunde wollen Qualität und lernen
Zweieinhalb Jahre sind vergangen, seit die Thuner Mundart-Metaller Aextra ihr letztes Album „Aecht“ veröffentlichten. In Zeiten, in denen nach anderthalb Jahren Pause zwischen einer CD und der nächsten von einem Comeback die Rede ist, ein Ewigkeit. „Wenn der Blick oder trespass.ch oder Ko:L das Gefühl haben, wir lassen uns für das Album viel oder sogar zu viel Zeit, dann kümmert uns das nicht gross. Wir wollen ein gutes Album abliefern. Qualität geht bei uns vor Quantität“, sagt Sänger Schibä auf dem Oberdeck der MS Berner Oberland. Das Konzert auf dem Thunersee war der letzte einer Handvoll von Gigs welche die Jungs dieses Jahr spielten – und sie machten mächtig Dampf, es war offensichtlich: Aextra sind mit viel Spass und Herz bei der Sache. „Mit den Jungs macht einfach jedes Konzert Spass, die Band fägt; da sind nicht nur Musiker zusammen unterwegs, sondern echte Freunde.“
Was rein rechtlich immer noch ein Quartett mit zwei Gastmusikern ist, ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem echten Sixpack zusammengewachsen, das es in sich hat und bei dem jeder seinen Part beiträgt. „Schibä, Kusi, Ändu und Rolf liefern das Grundgerüst der Songs und wir helfen mit, sie zu verfeinern“, erklärt Tastenmann Sigi. „Ich sagte immer, ich will auf der Bühne das spielen, was mir Spass macht und was dem Song gut tut. Und das kann ich bereits in der Entstehung beitragen“, sagt der, der sich mittlerweile zum einzigen wirklichen Musiker bei Aextra aufgeschwungen hat, wie Schibä mit einem Augenzwinkern einwirft: „Ich gratuliere ihm zum Abschluss seiner Ausbildung zum diplomierten Musiker!“ Heisst also: Schibä, Kusi, Ändu und Rolf tüfteln ihre eigenen Ideen zusammen und elektronisch werden dann Soundfiles mit Maso und Sigi ausgetauscht, die dann ihre „Fachlichkeit“, wie Sigi sagt, mit einbringen.
Straighter Rock, versetzt mit der einen oder anderen Ballade – immer aber mit viel Emotionen, dafür stehen Aextra. Emotionen, welche inhaltlich aber auch musikalisch transportiert werden. Drängt sich die Frage auf, wie ein Musiker diese Emotionen noch umsetzt wenn er wie Sigi bei Siegenthalers Soundography oder Ändu bei Christian Tschanz oder DJ Bobo eine ähnliche Rolle hat – mit anderem Sound und anderen Emotionen. „Zentral ist das Zeitmanagement“, meint Sigi nüchtern, „und dass man sich hundert Prozent für die Musik einsetzt und nur noch für sie lebt.“ Ändu erklärt unmissverständlich, dass sein ganzes Herzblut Aextra gehöre. „Bei anderen Bands wie Tschanz oder Bobo bin ich einfach der Gitarrist, der seine Parts spielt. Das ist klar so geregelt... Aber gäu, i bi haut efiach Musiker u weni Musig mache, bini i mim Elemänt“, sagt Ändu mit einem riesigen Strahlen im Gesicht.
Angenehmer Nebeneffekt von solchen Engagements ausserhalb von Aextra: „Du lernst immer dazu“, sagt Ändu. Dieses Lernen müsse allerdings nicht zwingend immer nur im Business und der grossen Glamourwelt passieren: „Du musst offen sein, etwa wenn ein Gitarrenschüler, der seit einem Monat spielt, ein Lick spielt, das dir gar nicht in den Sinn kommen würde, weil du dafür schon zu gescheit bist“, erzählt der Gitarrist, fügt dann aber doch noch an: „Und ein Bobo, der kennt Stories und Geschichten – da kannst du nur dazulernen!“ Von solchen Konstellationen profitieren am Ende nicht nur jene, die „fremdgehen“, sondern die ganze Band, wie Schibä betont. „Ändu erlebt bei Bobo eine Welt, die musikalisch überhaupt nichts mit uns zu tun hat. Sigi hat neben Aextra vieles in den Bereichen Jazz oder Bigband am laufen. Auch von dort wo ich mit anderen Musikern zusammenarbeiten durfte brachte ich Inputs mit zu Aextra – und das tun alle und davon haben alle einen Gewinn.“ So könne jeder von den Erfahrungen eines anderen zehren. „Ich lerne böse gesagt auf Kosten von Sigi, weil ich von seiner Ausbildung profitieren kann.“
Diese Gier nach Lernen ist mitunter auch ein Grund, warum Aextra, insbesondere Kusi und Ändu das neue Album – ja, Aextra arbeiten an einem! – nicht selber produzieren. Obschon die beiden bei Pleromas „Para:Noia King“ als Produzienten amteten. „Ein Produzent bringt immer die Sichtweise des Aussenstehenden mit sich“, erklärt Sigi, „das ist besonders wichtig, wenn du dich schon so lange mit einem Song befasst und daran arbeitest, dass du vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr siehst.“ Ändu fügt an: „Wenn wir schon die Möglichkeit und eine starke Plattenfirma im Rücken haben, sollten wir die Chance, einen guten Produzenten zu engagieren unbedingt packen – denn nur so können wir noch mehr lernen und Erfahrungen sammeln.“ Erfahrungen, die ganz sicher auch ins dritte Aextra-Album einfliessen sollen, das irgendwann nächstes Jahr - „am liebsten im Frühling“, wie Schibä sagt - einfliessen sollen. Und wie wird es tönen? „Frecher und rockiger“, sagt Ändu nur – aber mit dem selben Strahlen, das schon wenige Minuten zuvor über sein Gesicht huschte.