Aloan suchen die Intimität
Text: Ko:L
Bilder:
ckphoto.ch
Manchmal sind es die kleinen Geschichten, die das Leben schreibt, die selbiges gross werden lassen. Es war der Ex-Freund der Nachbarin des Chronisten, der bei einem Bier mal sagte: „Hey, Aloan musst du dir reinziehen.“ Als die Genfer Band, gelobt für ihren unvergleichlichen Mix aus Triphop und Electro, wenig später im Lineup der Waldbühne am Gurtenfestival auftauchte, war es nur logisch, dass Trespass.ch ein Interview haben musste – und so eines der ersten Medien in der deutschsprachigen Schweiz wurde, das über die Genfer schrieb. Der Sieg beim DRS3-Talentwettbewerb Swiss Talent wurde erst gute zwei Jahre später Tatsache – und jetzt trifft man sich hoch oben im Jura wieder; am Chant du Gros in Le Noirmont. Die Sonne scheint, der Himmel strahlend blau, der Soundcheck ist gemacht. Jetzt geniesst die Band die wohlige Spätsommerwärme in den Bergen. „Wir kamen direkt aus dem Wallis, wo wir gestern Abend gespielt haben“, erklärt Aloan-Gründer Alain. Sängerin Lyn M. sagt. „Das ist Rock'n'Roll – von einem Konzert zum nächsten. Aber halt auch viel Warten.“ Dann lächelt sie und setzt die Sonnenbrille auf.
Ihr aktuelles Album „Pretty Freaks“ hat Aloan vor allem in der Deutschschweiz Türen geöffnet. Der erdige Mix aus Electro, Pop und Rockabilly-Elementen – Aloan selber bezeichnen ihn als „Electrobillypop“ - kommt diesseits des Röschtigrabens gut an. „Aber wir würden gerne noch mehr in der Deutschschweiz spielen“, sagt Alain, und erklärt: „Wenn einem Türen geöffnet werden, heisst das nicht, dass einem der rote Teppich ausgerollt wird und alles von selber geht. Du musst weiter hart arbeiten.“ Eine Erfahrung, welche die Genfer auch von ihrer dreiwöchigen Frankreich-Tour mit der US-Kultband Blue Man Group mitgenommen haben. „Beim ersten Konzert hatten wir sieben Minuten Zeit für den Soundcheck. Da heisst es einfach, friss oder stirb“, erinnert sich Alain. „Die ersten Tage waren wirklich hart und wir mussten unser bestes geben, um akzeptiert zu werden.“ Doch der Dank war prompt: „Die Crew und auch die Musiker merkten bald, dass wir sehr professionell an unsere Arbeit gehen.“
Doch bekanntlich ist nicht alles Gold, was glänzt. „Wir haben auch gesehen, dass da eine riesige Maschinerie im Hintergrund ist“, erklärt Lyn M. „Eine Band in dieser Grössenordnung ist wie ein Eisberg“, sagt Alain. „Was man auf der Bühne sieht, ist nur die Spitze des Ganzen.“ Ist es denn nun Aloans Absicht, selber auch einmal ein solcher Eisberg zu werden? „Ich glaube nicht“, sagt Lyn M. Alain fügt an: „Selbst wenn wir einmal wirklich bekannt werden sollten, werden wir wohl immer die Lust am Kleinen und am Intimen haben – glaube ich heute.“
Eine Lust, die Aloan schon heute lebt. Ein gutes Jahr nach der Veröffentlichung von „Pretty Freaks“ sind das Trio und seine Live-Musiker daran, ein Unplugged-Set für eine Clubtour zusammenzustellen. „Wir wollen den Weg, den wir bei den Aufnahmen zu 'Pretty Freaks' eingeschlagen haben, weiter gehen“, erklärt Lyn M. Erstmals haben die Genfer für die Songs eines Albums nicht auf bekannte Samples gesetzt, sonder sämtliche Instrumente, die gesampelt wurden, selber eingespielt. „Jetzt versuchen wir, die Songs so abzuspecken, dass sie auch akustisch funktionieren – sehr minimal, vielleicht mal nur mit einer Gesangs- und einer Basslinie“, beschreibt Alain das Vorhaben. „Die Komposition eines Liedes umfasst ganz Vieles“, erklärt Lyn M., „das schreiben, das Arrangieren, das Produzieren und so weiter. Aber nur wenn man ihn wieder ganz auf seine eigentliche Essenz reduziert und er immer noch funktioniert, ist es ein guter Song.“ Und den Weg dahin wollen Aloan weitergehen. Hin zur Intimität, hin zu den kleinen Geschichten, die das Leben schreibt – ohne dabei auf dessen grosser Bühnen unterzugehen...