Anshelle's Kampf der Gladiolen
Text: Monthy
Bilder: Sonjka
Wer Anshelle von früher kennt, darf sie mittlerweile neu entdecken. Die einstige Hiphop-Newcomerin hat sich über Soul/R'n'B zur Sängerin mit akustischer Band entwickelt und präsentiert mit "Betty's Garden" ihre nunmehr dritte CD. Einleitend wollte ich deshalb im Talk wissen, ob es für sie überhaupt eine Rolle spielt, welche Musik nun genau gespielt wird? Anshelle: "Grundsätzlich war es bei Neuland (ihrer ersten Band, der Red.) und bei 'Part of the Game' so, dass ich einen Produzenten hatte. Böbu ist zwar immer sehr gut auf mich eingegangen, aber weil er älter und erfahrener war und ich damals noch kein Instrument spielte, habe ich mich trotzdem immer auf Kompromisse eingelassen. Seit 'Rewind Please' schreiben wir die Song nun als Band und ich trage öfter selbst mit der Gitarre einige Akkorde bei. Es ist also mehr von mir persönlich drin in den letzten beiden Alben - obwohl das wohl alle Musiker jeweils sagen, wenn sie ein neues Album veröffentlichen. So habe ich jedenfalls die Freiheit, meine eigenen Songs zu schreiben. Und weil ich eigentlich schon immer Pop-Rock machen wollte, hat es sich nun in diese Richtung entwickelt. Ich mag dieses Gitarren-Zeugs..." Obwohl Michèle Bachmann, wie Anschelle eigentlich heisst, damit meine Frage nicht wirklich beantwortet hat, vermittelt sie mir doch die Hintergründe für den wechselnden Grundton.
Ich schliesse mich dem Urteil an, es sei jetzt mehr Herz drin - will aber doch noch versuchen zu erfahren, was Anshelle denn vom Hiphop weggelotst hat? - "Es war eine extrem gute Zeit, diese acht Jahre, die ich mit und im Hiphop verbracht habe. Ich habe mich von der Szene schliesslich distanziert, weil damals in meinem Umkreis diverse Leute im Hiphop mit Drogen experimentierten oder agressiv drauf waren. Dies hat für mich nach einer Weile alles positive wie das Rappen, Breaken und Sprayen etc. überschattet. Aber es gibt natürlich auch viele positive Leute im Hiphop die Gutes bewirken und viel draufhaben. Ich habe mich schon gefragt, wo ich denn heute wäre, wenn die Hiphop-Szene nicht so negativ belastet wäre. Ich glaube aber trotzdem, dass ich hier und jetzt am richtigen Ort bin..." Die musikalsiche Entwicklung von Anshelle lässt sich an einem neuen Song wunderbar demonstrieren - "Don't talk about leaving" inszeniert sie nämlich quasi als Soul-Sängerin über akustischem Rock. Das macht dann auch gleich einen Teil der musikalischen Identität der neuen Anshelle aus. - "Das ist so. Und es entwickelt sich auch ständig. Man erfährt immer wie mehr, was man eigentlich will. Zwischen dem ersten Album und jetzt liegen immerhin sieben Jahre. Schlussendlich habe ich zehn Jahre gebraucht, bis ich die Leute zusammen hatte, um das zu machen, was ich will. Jetzt habe ich auch das Gefühl, das zu haben. Das ist genau so wichtig wie die Musik dahinter."
Anshelle wirkt tatsächlich mehr wie aus einem Guss, vergleicht man heute mit früher. Die Identität einer Band kommt heute aber sehr oft einfach daher, dass man ihre Songs vom Radio her kennt. Gerade im gewählten Bereich gibt es ja ziemlich viele Bands, die mit Eigenheiten um die Gunst des Publikums werben. Anshelle: "Ich weiss worauf du hinaus willst. Früher habe ich mir diese Gedanken auch gemacht. Und das war wohl auch genau der Grund, weshalb ich nicht voran kam. Heute überlege ich nicht mehr, ob ich speziell genug bin, ob meine Stimme genug berühren kann, ob ich eine Schöne und Nette bin... Heute mache ich einfach, was mir Spass macht und uns gefällt es so. Wir haben im Bandraum sehr viel Spass. Wenn's anderen auch noch gefällt, umso besser. Ich versuche heute nicht mehr, kramphaft speziell zu sein. Ich weiss, wenn ich es schaffe, die Leute mit meiner Stimme zu berühren, habe ich diese Identität. Wenn ich nur so ein Popsternchen wäre mit gewöhnlicher Stimme und platten Texten, wäre das etwas anderes. Gerade die Texte haben aber viel an Tiefgang gewonnen in den letzten Jahren. Die Stimme hat glaube ich einen gewissen Wiedererkennungswert." Geändert hat indes vor allem die Inszenierung dieser Stimme. Während früher mehr eine Beyoncé oder J-Lo die natürliche Referzenz darstellten, erinnert Anshelle heute mehr an eine Madonna. Der Eindruck wird durch die Band nochmals verstärkt. Seit 'Music' hängt der First Lady der Popmusik der Ruf einer innovativen Künstlerin nach. Auch Anshelle's Band macht ziemlich ungewöhnliche Sachen für den Bereich akustische Rockmusik. So spielt beispielsweise der Gitarrist gerne mit Rückkopplungen, die er generiert, indem er sein Instrument direkt an die Lautsprecherboxe hält. Anshelle ist sich der Qualität natürlich bewusst und will Relais spielen: "Ich werde ihm erzählen, dass dir das aufgefallen ist - da schläft er dann besonders gut heute Nacht!"
Ich fokussiere nun endgültig aufs neue Album, den eigentlichen Grund für unser Wiedersehen nach Jahren. Die Plattentaufe im Gaskessel Bern findet in einem nach oben gestuften Zuschaueraum statt, einem kleinen römischen Amphitheater gleich. In Bezug auf den CD-Titel "Betty's Garden" nenne ich das Premieren-Konzert deshalb den "Kampf der Gladiolen", was Anshelle mit begeisterndem Lachen quittiert. Ist sie in Betty's Garten denn schon heimisch geworden? - "Sehr... Wobei es gerade eben erst anfängt. Ich sage immer, ich bin 34 und habe noch kein Kind. Deshalb ist das ein bisschen mein Kind. Ein Wunder, wenn ich es abends nicht ins Bett bringe und zudecke... Wir hatten soooo viel Stress und Ängste. Der Bammel - wie kommt das an? Heute konnten wir eigentlich erstmals ein bisschen loslassen und geniessen. Ich fühle mich wohl, war schon immer ein gemütlicher Mensch. Und im Garten gefällt es mir einfach." Betty's Garten ist - nehmen wir mal das Cover als Massstab - eher ein verwilderter. Anshelle habe zwar keinen grünen Daumen geerbt - aber nach Aussage vom Konzert fast... Wie also sieht ihr privater Garten aus? - "Ich habe zuhause eben keinen Garten sondern nur einen Balkon. Ich war aber tatsächlich neulich im Baumarkt und stand vor den Geranien und habe überlegt, aber mich dann doch dagegen entschieden. Ich bin einfach noch zu jung, um Geranien zu kaufen. Aber solche Sachen fangen schon langsam an..."
Nach "Rewind please" hatte Anshelle unter anderem die Möglichkeit, eine Tour in Irland zu machen. Der allgemein grüne Grundton von "Betty's Garden" hat damit aber nichts zu tun, oder? - Anshelle: "Vielleicht doch ein bisschen... Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen, ein Landei. Auch 'Rewind please' erzählt ja von Kornfeldern und wie wir im Wald Indianer und Cowboy gespielt hatten. Ich dachte also, das hätten wir schon abgehakt. Als ich aber dann in Irland war, schien mir plätzlich alles noch viel grüner zu sein. Das eine war die Kindheit, jetzt kommt der Garten... Ich gehe zwar nicht gerne wandern und so, aber ich bin doch sehr naturverbunden. Bäume, Wiesen - das gibt alles so viel Kraft..." Genauso natürlich präsentiert Anshelle ihre Musik auch im Konzertsaal.
Im Foyer hatte ich via Pressewand erfahren, dass Anshelle's Schlagzeuger auf die Frage eines Journalisten, wer denn diese Betty sei, gesagt hatte, es gebe sie gar nicht, der Name sei vor allem deshalb gewählt worden, weil er etwas anrüchig sei. Ich nehme das nun auf und lege Michèle nahe, wenn sie einen wirklich anrüchigen Namen gewollt hätte, müsste das Album eigentlich "Piggy's Garden" heissen. Nach einer kurzen Lachpause entgegnet die schwarz gelockte Frohnatur: "Siehst du, das ist genau der Grund, weshalb mein Drummer keine Fragen zu den Songs mehr beantworten darf...", Betty gab oder gibt es nämlich wirklich... "Es gibt sie und sie ist eine tragische Figur. Es handelt sich um jemanden, der vor zehn Jahren mit Minijupe, Trägershirt und Plastiksack nach Bern kam und eben Karriere machen wollte. Ich kenne sie immer noch und habe über die Jahre mitgekriegt, wie die Träume immer kleiner geworden sind. Aufs Album bezogen entspricht das zur Hälfte der Wahrheit - die andere Hälfte ist fiktiv. Das 'anrüchig' gründete also wohl in ihrem Minijupe und Tanktop..." Oder eben doch: Kampf der Gladiolen...