Anshelles grosser Traum
Es könnte ein romantisches Tête-à-Tête sein, so kurz nach Sonnenuntergang am Ufer des Brienzersees. Aber Michèle vermasselt ihrem Kumpel die Tour: „Sorry, aber der Schreiberling da würde gerne mit uns ein Interview machen – hier auf diesem Stein am Seeufer“, erklärt sie dem jungen Mann. Er zieht von dannen, die blonde Begleitung im Schlepptau – und wir setzen uns. Tastenmann Sandro, Bassist Phil und Frontfrau Michèle – zu dritt sind sie so was wie der „harte Kern“ von Anshelle. Wobei „harter“ Kern insofern falsch ist, als dass das Trio mit „hart“ gar nichts am Hut hat. Im Gegenteil: Es sind Szenen, wie jene vor dem Interview am Seeufer oder wenn sich Michèle auf dem Weg dorthin entschuldigt, dass sie den Schreiberling hat warten lassen – „Sorry, aber weisch, we öpper mau wott e CD choufe, de isch das o wichtig…“, die Anshelle ausmachen. Bodenständig. Freundlich. Herzlich. Eigentlich alles andere als hart. Und trotzdem: Wer bei den Bernern anheuert, muss sich rein knien.
Das erfährt jetzt gerade Gitarrist Manuel, der neu an Bord ist. Vor ihm war es Drummer Tinu, vorher war es Phil und noch vorher Tästeler Sändu. „Mich habt ihr nach dem Vorspielen einfach sitzen lassen und ich musste dann mal fragen, obs gut war oder nicht. Da habt ihr mir erst gesagt, dass ich dabei bin“ , erinnert sich Phil. Tinu habe sich mittlerweile „hochgearbeitet“, sagt Michèle. Der Trommler holt beispielsweise einen grossen Teil der Anshelle-Gigs an Land. Manuel hat sich im letzten Frühling auf den Anshelle-Aufruf gemeldet, in dem es hiess: „Wir suchen ein festes Bandmitglied, das den Sound von Anshelle mitgestaltet und den eingeschlagenen Weg mit uns weitergeht. Halt jemand der wirklich will und Biss hat.“ Jetzt fährt Manuel regelmässig von Wallisellen ins Bernbiet zum Proben. „Und wenn er das nach der Tour immer noch tut und Spass daran hat, dann ist gut“, sagt Michèle und lacht. „Dann müssen wir schauen, welchen Zusatz-Job wir ihm in der Band noch geben wollen…“ Und wieder lacht die Runde am See!
Seit anderthalb Jahren sind Anshelle jetzt mit „Betty’s Garden“ unterwegs; seit dem Release von „Rewind please“ sind rund drei Jahre vergangen. Seit diesem Quasi-Neustart hat die Berner Band über 80 Konzerte gespielt und sich eine breite Fanbasis erarbeitet. „’Erarbeitet’ ist das richtige Wort“, sagt Michèle. „Egal ob wir in Montreux spielen durften oder irgend in einem Club: Das meiste von dem, was wir erreicht haben, haben wir uns selber hart erarbeitet.“ Das werde sich auch in Zukunft nicht ändern. Gefragt, ob man schon an ein neues Album denke, sehen sich die drei grinsend an und Michèle antwortet: „Ja, das tun wir. Aber ob wir ein Album machen können, wissen wir erst, wenn wir wissen, ob wir das Geld zusammenbringen.“
Überhaupt: Wenn andere Musiker nach einem Album und einer zweijährigen Tour untertauchen, dann ein halbes Jahr lang eine neue Platte und dann wieder an den Start gehen, fuchst das die Bernerin schon ein wenig: „Das ist der einzige Punkt, in dem ich auf andere manchmal ein wenig eifersüchtig bin: Wenn die sagen können, ‚Ich fahre jetzt nach Frankreich in mein Haus und schreibe drei Monate an einem neuen Album.’ Wenn wir das auch einmal sagen können, sind wir möglicherweise am Ziel angelangt.“ Drei Monate ein Album in einem Haus in Frankreich schreiben als höchstes aller Ziele? Es sind und bleiben Bescheidenheit und Fleiss, die Anshelle auszeichnen – und in sympathischer Art und Weise von der Masse abheben…
So wollen die Berner auch nicht dem modernen Trend armer Bands folgen, und nach und nach einen Song gratis ins Netz stellen, um dann nach ein paar Monaten die Songs auf einem Album zu sammeln und rauszugeben. „Ich glaube nicht, dass wir eine Band sind, die Songs einfach verschenken will. Und vor allem wollen wir nicht einfach Lieder rausgeben, die eigentlich keinen Zusammenhang haben“, erklärt Phil. „Ein Album ist eine Geschichte in sich und dafür schreiben wir gezielt Songs, die unter einander ein einem Zusammenhang stehen. Zusammen mit Cover, Fotos und und und ergibt das ein Gesamtbild, das man kaum kreieren kann, wenn man einfach scheinbar planlos Songs aneinander reiht.“
Und wieder landen wir bei Fleiss und Geld, wenn Michèle erklärt, dass es eben trotz allem auch finanzielle Gründe hat, warum sich Anshelle gegen Gratis-Massendownloads im Internet entscheiden: „Man darf das in der Schweiz zwar kaum sagen, aber wir möchten wirklich gerne einmal von unserer Musik leben können – oder zumindest unsere Jobs soweit zurückfahren, dass wir uns noch mehr für unsere Musik, unsere Songs und unsere Band einsetzen können.“ Deshalb wäre der einzige Grund, weshalb sich Anschelle den Gang weg vom traditionellen Album-Release weg hin zur „Song Salami-Taktik“ überlegen könnten, das Geld. „Wenn wir das Geld für ein Album nicht aufbringen könnten, werden wir auch darüber nachdenken müssen“, sagt Michèle. „Aber ein Album, das man in Händen hält, mit einem Booklet, das eine Geschichte erzählt, ist nach wie vor unersetzbar – vor allem auch bei den Radios. Da kommt man einfacher rein, wenn man ein Album promoten kann.“ Und wer im Radio ist, kann auf Konzert-Engagements hoffen. Und wer Konzerte spielt, kann seine Fan-Basis erweitern. Und wer eine breite Fan-Basis hat, kann eben vielleicht dann tatsächlich eines Tages zum Chef ins Büro gehen und sagen: „Tschau, ich mach jetzt nur noch Musik!“