Ein Drink für Anshelle
Text/Bilder: MonthyChristo
Mitarbeit: Ko:L
Seit Anshelle volles Risiko auf das Pferdchen Musik gesetzt hat, sind die Ansprüche an die junge Bernerin gestiegen. Vor allem, so scheint es, die Ansprüche, die sie selbst an sich stellt. Die Single-Release-Party vom 25. Oktober im Berner City-Fit zeigte Anshelle denn nicht nur als Haupt-Act, sondern auch Michelle, wie ihr bürgerlicher Vorname lautet, als Organisatorin.
Aus diesem Grunde - Zitat: "ich war die letzten acht Monate so in Anspruch genommen, dass ich mich überhaupt nicht mehr entspannen konnte." - sahen wir es als der Duden Pflicht, unserer Power-Frau nach grösstenteils getaner Arbeit an diesem Abend einen Drink zu servieren. Symbolisch sozusagen. Das Gebräu - stilecht ein "Anshelles Knockout" - spielte auf das Thema des Abends an. Die Bühne als Box-Ring und die Hoster als Sparing-Partner im Kleid der aktuellen Anshelle-CD "Part of the game" gestylt wurde das Konzert zu einem heissen Fight und das Publikum zum Ringrichter. Vor geldadenen Gästen viel gelöster als noch auf dem Hoch Ybrig, wo ich sie letztmals live gesehen hatte, punktete Anshelle Runde für Runde mit den Waffen einer Frau: Lasziv und doch mit viel Punch, leidenschaftlich und gerade heraus. "Sexy Baby - clever Lady" landete Treffer um Treffer und als schliesslich ihre eigens fürs anstehende DJBobo-Vorprogramm im Hallenstadion zusammengestellte Tanztruppe in Aktion trat und die Single "one step" offiziell vorgestellt wurde, stand Anshelles Sieg längst einstimmig fest.
Im Gespräch zwischen Gig und Drink erläuterte uns die Soul-Lady aber erstmal ihre verschiedenen Rollen an diesem Abend etwas ausführlicher. "Die wichtigste Rolle ist immer noch die der Sängerin. Ich habe mir dick hinter die Ohren geschrieben, dass, egal ob die Hosters nun die richtigen Hosen tragen, die Pflanzen richtig stehen oder genug Bier da ist, die Leute vor allem kommen, um mich singen zu hören. Deshalb habe ich mich dann auch eine halbe Stunde vor dem Konzert zurückgezogen un die anderen machen lassen. Es nützt schliesslich nichts, wenn das Event perfekt organisiert ist, aber die Hauptdarstellerin ausgelaugt und ohne Stimme auftritt..."
Warum Anshelle dies alles auf sich nimmt und das Event auch noch selbst organisierte, wo doch spezialisierte Kräfte auch in ihrem Umfeld dafür aufzutreiben wären, erklärt sich aus ihrer Person - gut 50 Kg reine Energie und ein helles Köpfchen. "Ich bin eben nicht mehr 16 sondern 28 und habe dabei gelernt, dass einem nichts geschenkt wird. Gerade deshalb muss ich doch meiner Plattenfirma und meinem Management zeigen, dass ich will und dass ich die Zeit und das Geld wert bin, das sie in mich investieren."
Dass da die Entspannung auf der Strecke bleibt, versteht sich. Anshelle scheint beinahe von Rastlosigkeit getrieben, es richtig zu machen. "Ich habe mir gesagt, ich mache nun seit 14 Jahren Musik und jetzt will ich es wissen, jetzt gebe ich alles. Danach kann ich dann ein halbes Jahr schlafen. Vielleicht kommt diese Rastlosigkeit daher , dass ich einer der wenigen Newcomer-Acts bin, die geschnallt haben, dass egal wie viel man macht, es immer zu wenig sein wird. Man kann immer mehr machen. Dabei geht es nicht um Geld, sondern um den Anspruch eine gute Sängerin zu sein; eine gute Band, die den Leuten etwas bietet. Wenn ich nur ein bisschen Sound machen wollte, würde es auch eine allwöchentliche Probe mit anschliessendem Bier tun. Aber ich möchte so Musik machen, dass ich nicht noch 14´000 Nebenjobs brauche, um mich über Wasser zu halten, sondern mich darauf konzentrieren kann."
Worauf achtet man nun an so einem Tag besonders? "Das wichtigste ist, den ganzen Tag ausgeglichen zu bleiben, zu allen positiv zu sein und niemand ´azhässele´. Damit ist man schon ziemlich beschäftigt, weil man ja eh schon nervös ist. Dann gilt es auch, Prioritäten zu setzen. Du musst dich immer wieder fragen ´was ist das Wichtigste im Moment?´" Dabei ist Michelle als Betreiberin einer Agentur für junge Künstler eigentlich organisatorisch sattelfest. "Aber auch wenn ich es schon kenne, werde ich doch immer nervös..."
Dass Universum der Berner Sound-Aktivistin dreht sich wie anfangs angetönt seit heuer vollkommen um ihre Musik. Der Traum, den Anshelle heute lebt, speist sich zum einen Teil "wohl aus Kindheit und Jugend", zum anderen aber von der Freude an der Sache und den Menschen, die an ihrer Seite sind. "Ich kann es manchmal kaum fassen, dass es Leute gibt, die mir 7 Jahre ihrer Freizeit opfern. Das gekoppelt mit dem was früher war und unter dem Motto ´nicht kleinkriegen lassen´ zusammengefasst werden kann, ergibt dann diese explosive Mischung, die mich voranbringt." Das heisst dann auch, dass man Dinge auf sich nimmt, die man nicht unbedingt besonders gerne tut. "Ich könnte mehr abgeben und wenn ich es nicht tue, dann nicht, weil ich es den anderen nicht zutrauen würde. Aber dann denke ich immer ´DU willst es doch, DU hast dir Management und Plattenfirma gesucht´. Ich kann nicht erwarten, dass andere Leute meine Karriere für mich verwirklichen. Ich hätte auch nie die Arroganz zu glauben, dass Anshelle zum Superstar gemacht werden muss. Im Gegenteil glaube ich, vorangehen und immer 100 Prozent geben zu müssen. Dann sind die anderen villeicht auch bereit mitzugehen."
Das Mädchen von nebenan, das sie in ihrer ehrlichen und sympatischen Art irgendwie geblieben ist, hat Biss! Mit denen umzugehen, die aber nicht von Anshelle überzeugt sind, dürfte auch ihr nicht leichter fallen als allen anderen. "Das ist vielleicht 4, 5 Mal passiert und das Schöne ist, dass an einem Abend wie heute 3 davon anders denken und anwesend sind und die anderen 2 vergessen. Ich kann nicht alles haben! Aber die Leute, die ich habe und die mich gern haben, gehören 100 Prozent dazu und auf die konzentriere ich mich." Ihren Biss vermittelt Anshelle über ihre Agentur Modarta auch jungen Talenten. "Der Hintergrund ist, dass ich diesen Support nie hatte und viele Umwege gemacht habe. Ich kann aber keinen Luxus bieten, habe wenig Geld und kann sie nicht zu Superstars machen. Was ich kann, ist mir Zeit nehmen, ihnen zuhören, vielleicht mal Feedback auf ein Demo geben oder einfach nur mit ihnen reden."
Und damit hatten jetzt wir drei genug geredet und wandten uns also dem geselligen Teil des Abends zu. Und konnten wir Anshelle auch nicht zu Entspannung verhelfen, so zumindest doch zu einem Moment der Zerstreuung. Prost Mische!