Andra Borlo - New York Diary (Universal)
Text: Monthy
Bild: Cover
Wenn es stimmt, dass der erste Eindruck, den man von jemandem bekommt, entscheidend ist, hat Andra Borlo nach dem Release dieses Albums nichts mehr zu befürchten. Top konzentriert und doch grazil wie eine Kunstturnerin am Schwebebalken turnt ihre Stimme zum Opener "Lullaby" mühelos die Tonleiter auf und ab. Mit Souplesse und technischen Höchstwerten verdient sie sich eine hohe Note und kann sich bei aller Perfektion sogar erlauben, die Stimme für die Dauer eines Tons unkontrolliert los zu lassen. Song und Stimme sind schlicht ergreifend und das ist wörtlich gemeint. Eine starke Frau zeigt durch Eingestehen von Schwäche wahre Grösse: "Why don´t you sing me/ a lullaby at night/ promise I won´t cry no more/ No matter what you see/ Don´t get me wrong, Baby/ I´m not that strong no-o - Warum singst du mir nicht/ ein Schlaflied in der Nacht/ ich verspreche dann weine ich nicht mehr/ Egal, was du siehst/ versteh mich nicht falsch, Baby/ Ich bin nicht so stark, oh nein". Dahinter schweben Kontrabass, Violine, Oboe und eine helles Piano als Wolken ruhig am Horizont vorbei. "Fresh painted sky", der zweite Song des "New York Diary", unterstreicht dieses Bild musikalisch. Der Sound unter Andra Borlo ist zwar, wie an obiger Aufzählung der verwendeten Instrumente gut zu erkennen, vor allem jazzig, aber auch immer wieder überraschend, neu und anders. Auch Sprechgesang wird dabei irgendwie als Instrument eingesetzt - die Stimme sowieso - und das Tagebuch erzählt in Latino, Soul oder mit einem Hauch von Zigeunerromantik und Varieté-Charme Geschichten aus einer Stadt, die als Schmelztiegel der Kulturen nur allzu bekannt ist. Trummers exklusive Berichte aus New York sind nun also zumindest nicht mehr einzigartig auf Trespass. Andra Borlos "New York Diary" ist allerdings als CD abgefasst und im Handel erhältlich. Einziger Wermutstropfen sind für mich die deutschen Songs, deren Fluss manchmal von zu langen Wörtern und unüblich betonten Silben gebrochen wird. So heisst es dann "un-ruig" oder "veer-birgt", was in Kombination mit einer Stimme, die deutsch ganz leicht an einen weiblichen Xavier Naidoo erinnert, zu leichten Abzüge in meiner A-Wertung führt. Ist aber subjektiv... Bei den englischen Songs hört man sowas nur einmal, in Form eines gehetzten "diffrnt". Sonst aber vermittelt Andra Borlo ihren "Voodoo" in faszinierender Manier und lädt in "Roller Coaster" zu einer Achterbahnfahrt ein, die trotz langsamerem Tempo nie den Schwung vermissen lässt. Ein letzter Geheimtip für Liebhaber von melancholischen Balladen: "I´ll be there", im Abspann gar noch angereichert mit nuyorcan Rhymes...
Andra Borlo - New York Diary: Technische Wertung: 9.90; künstlerischer Ausdruck 9,99