Baby Genius - den Windeln entwachsen
Text: Monthy
Bilder: Promo
Wer als geniales Baby anfängt, so habe ich mir wohl im Vorfeld des Interviews mit Baby Genius gedacht, endet sowieso einmal als zerstreuter Professor. Und genau den habe ich mir zum Vorbild genommen, als ich am Morgen die CD und meinen Player zu Hause liegen liess. Und weil ich durch den Tag auch noch jegliche Möglichkeit ausliess, mich sonstwie über das neue Baby vom Baby zu informieren, stand ich nun also vor einem Problem. Ein Anruf und ich wusste: Listening Station und CD stehen und liegen bereit. Als ich Ivo, so heisst Baby Genius mit Taufnamen nämlich, dann also gegenüber sass, hatte ich erstmal eine Aufgabe für ihn bereit. Er sollte drei Songs aussuchen, die wir dann spontan besprechen würden. Es fällt Ivo fürs Erste auch gar nicht schwer und ich hätte wohl denselben Song ausgesucht. Als Album-Titelgeber und Opener ist "Razzmatazz" ein absolutes Muss. Ich will vorab gleich wissen, ob man da nicht sein Pulver verschiesse, wenn man alles auf den ersten Song fokussiere. "Nein, überhaupt nicht", winkt Ivo ab und merkt an, "es ist ja nirgendwo geschrieben, dass der Opener auch gleich der beste Song sein muss. Hier war es so, dass dieses Stück tatsächlich den Arbeitstitel 'Opener' hatte und wir ihn in den Proben immer zuerst gespielt haben. Das wird auch live so sein. Bei 'Razzmatazz' war zuerst die Musik da, dann kamen irgendwann der Text und der Titel. Dass das Album aber so heissen würde, entschied ich erst später." Trotz des Arbeitstitels war allerdings nicht klar, dass 'Opener' auch der Opener sein würde, was mich ein wenig verwirrt. Der eigentliche Grund für seine Postition liegt nämlich in der Veranlagung des Songs - Ivo: "Er ist sehr frisch, geht ab und ist fetzig. Wie ein Weckruf zu Beginn, der einem bereit macht für den Rest des Albums." Meine Verwirrung ist eigentlich ganz erklärbar und liegt in der Übersetzung des Titels "Razzmatazz - das heisst doch in etwa Tohuwabohu?", frage ich nach um mich dessen zu versichern. "Ja, ein Durcheinander...", nickt Ivo lächelnd.
Nach dem ersten Baby Genius Album gilt Ivo als eher provokative Gestalt in der Schweizer Musik Szene. Allerdings rührt das nicht so sehr von seinen Texten her. "Ich denke nicht, dass ich provokativ bin", sagt er selbst denn auch, "ich suche einfach Themen, die mich reizen, daraus einen Song zu machen. Und dann schreibe ich ihn einfach. Wenn also provokativ, kommt es vielleicht daher, dass ich nicht sooo lange über einen Text nachdenke." Das Attribut verdankt Ivo zu einem guten Teil dem Hype, der um ihn anfangs gemacht wurde. So gilt er als "Schweizer Pete Doherty" und hat mit Navel eine ähnliche Medien-Fehde wie ehemals Blur und Oasis in England. "Das ist allerdings schon eher ein Stempel, den ich von den Medien aufgedrückt erhalten habe", wehrt sich Ivo, "Als Typ schätze ich mich nicht provokativ und selbstherrlich ein." Wie alle Musiker muss sich auch Baby Genius einfach mit seinen Texten wohl fühlen: "Wir haben bei 'Fuck off' schon überlegt, geht der fürs Radio und sind zum Schluss gekommen: Nein, der geht nicht. Allgemein kümmert es mich nicht dermassen, was andere von meinen Texten halten." Dies könnte aber auch ein bisschen Selbstschutz sein, wie die nächste Aussage anregt: "Überhaupt sind mir Texte nicht so wichtig. Bei mir entsteht immer zuerst die Musik. Ich kann auch nicht einen Text erfinden oder aus der Luft greifen. Es muss immer etwas sein, das mir selbst passiert ist. Sonst geht's eh nicht." Ich mache ein praktisches Beispiel. Wenn Ivo seine Songs auf einem weissen Papier mit einem blauen Stift schreibt, es aber jemand durch eine gelbe Brille liest, sieht er ja einen grünen Text - Liegt es in der Verantwortung des Hörers, einen Song richtig zu interpretieren? - Ivo: "Ja, aber ich finde es auch nicht schlimm, wenn es passiert..." Witzigerweise ist "Razzmatazz" übrigens ganz in Gelb gehalten. Während er den zweiten Song lädt, erklärt mir Ivo auch warum: "Du kannst zehn Alben nebeneinander legen - mein gelbes Cover wird immer daraus hervor stechen wie ein bunter Hund..."
Auffallend bei "Before Sunrise" ist vor allem einmal der hohe Gesang, den ich sofort als mutig empfinde. Geht man da als Sänger eigentlich wirklich ein höheres Risiko ein? - Ivo: "Bei mir geht das unter Ausprobieren. Es gibt einen anderen Song auf dem Album, bei dem ich fast noch mehr Kopfstimme singe. Es ist einfach sehr spannend, mit der Stimme zu experimentieren. Neben der Gitarre ist sie ja mein eigentliches Instrument." Je heller, desto besser hört man die Fehler - kann man das so sagen? - "Das ist so. Ich habe es aber nicht gemacht, weil es anspruchsvoll ist, sondern weil es zur Stimmung des Songs passt. Er ist anfangs ziemlich ruhig und zerbrechlich, baut sich dann auf und wird doch sehr mächtig. Nur weil etwas schwierig ist, mache ich es nicht." Kraft muss nicht immer mit Adjektiven wie schneller, härter und mehr zusammen hängen, merkt man bei diesem Song sehr schön. "Das habe ich auf diesem Album eben mehr zugelassen", verrät Baby Genius mit funkelnden Augen, "es hat mehr ruhige Songs als auf dem ersten Album. Ganz allgemein habe ich versucht, den Horizont etwas zu öffnen mit den neuen Songs. Dinge zu machen, die man mir nicht zutrauen würde." Das war beim Debut noch alles ein bisschen anders, wie Ivo aus dem Nähkästchen erzählt: "Damals habe ich einfach gemacht. Die zwölf Songs auf dem Album waren mehr oder weniger die ersten zwölf Songs, die ich überhaupt geschrieben habe. Zwei Monate später waren wir bereits im Studio." Das erste Album definiert einen Künstler ja für die Aussenwelt. Wenn man sich so zeigt, dann ist man der. Hatte Ivo nun Spass daran, dieses Image zumindest teilweise wieder einzureissen? - "Ja, sehr... Das geschieht auch ganz automatisch, zudem war ich noch extrem unerfahren, wusste zum Teil kaum, was ich mache. Jetzt hatten wir einfach mehr Zeit. Das ist ein bisschen wie beim Kochen: Wenn du ein Rezept zum ersten Mal kochst, kannst du auch nicht abschätzen, inwiefern ein Gewürz den Charakter des Ganzen verändern kann..."
Der dritte Song, den wir uns spontan reinziehen, ist "Antenna" - und noch so ein langsamer... Ivo: "Das ist für mich erstmalig kein 4/4tel Takt sondern so ein Walzer. Ich verstehe ja nicht viel davon, aber meine Band hat mir gesagt, es sei ein 6/8tel. Dieses Schunkeln finde ich schön und auch sonst ist er einfach zuckersüss und mit Happy End. Textlich etwas persönliches, das ich im Moment fühlen darf." Ich lasse das mal so stehen, nutze aber die Gelegenheit, um zu fragen, wo er sein Englisch herhabe, das tatsächlich auch in meinen fachkritischen Ohren nach leichtem Inselakzent tönt. "Erstens einmal von den Bands, die ich immer gehört habe", holt er aus, "und dann war ich mit 15 in einer Austauschklasse in England. Und von dort habe ich ihn wohl mitgenommen." Nebst dem unüblichen Takt, den Ivo erwähnte, höre ich noch eine andere Spur, die nicht ganz alltäglich tönt. "Eine Mandoline", klärt mich der Autor auf und macht gluschtig auf das Album, "Früher waren wir als ganz einfache Rockband aufgestellt. Weil wir aber nun Zeit zum Ausprobieren hatten, gibt es auf 'Ramatazz' noch das eine oder andere zu entdecken..."
Man öffnet den Horizont also, indem man Dinge macht und Sachen integriert, die die Leute nicht erwarten. Oder war das jetzt der Zufall unserer Auswahl und vielleicht doch nicht dermassen repräsentativ? "Schon auch", zwinkert mir Ivo verbal zu, "Ich komme wieder mit dem Kochen. Wenn du dein Lieblingsgericht immer mit dem selben Gewürz würzt, dann wird es irgendwann langweilig. Dann greifst du in die Trickkiste. Das sind alles Dinge, die im Studio, im kreativen Prozess entstanden sind." Generell will ich aber schon noch wissen, wie er denn jetzt das Gesamte Album in der Hinsicht einteilen würde? - Ivo: "Das waren natürlich jetzt zwei Langsame - das Verhältnis ist vielleicht so vierzig zu sechzig." Weil uns dann irgendwas ablenkt und ich ja schon zerstreut begonnen hatte, verlieren wir aber den Faden und ich verpasse es nachzufragen, was denn nun vierzig und was sechzig sei, die neuen ungewohnt langsamen Stücke oder die genauso neuen gewohnt peppigen. Tja - irgendwas dürft ihr da draussen ja auch noch selbst heraus finden, nicht? Reinhören lohnt sich jedenfalls.