Bagatello - Wehe wenn sie rausgelassen...
Text: Monthy
Bilder: Eve/Monthy
Als Grosi die Interview-Zone im Backstage des Gurten-Areals betritt, fordert ihn jemand auf: "Mau öppis gschids säge..." Bevor aber Grosi "The Kid" antworten kann, entgegnet Monthy frech: "Die Hoffnung habe ich gar nicht wirklich", und erntet ein "Ouu!" Marke Kriegst-du-zurück vom Bagatello-Tenor. Wir lachen nicht zum letzten Mal und ich stelle meine seit Monaten brennende Frage zum Bagatello-Programm der letzten Jahre. Konkret - Wurde der Schwan mit Persil gewaschen und ist darum so weiss wie Schnee? Grosi hat sich mittlerweile auf meinen nicht allzu ernsten Ton eingestellt: "Weil Amadeus so schön weiss gekleidet ist bei diesem Auftritt? Die Frage müsstest du eigentlich dem Pfeuti stellen... Ich habe nach dem heutigen Auftritt übrigens einige SMS von ehemaligen Mitgliedern der Gölä-Band erhalten. Der Hintergrund des Songs ist mir nie wirklich klar geworden..."
Der ´Schwan...´ avancierte im Programm der Spass-A-Capellas schnell zum Hit, Amadeus im Tü-Tüü oder Adi´s Gölä-Imitation mit Anmache von Presse-Leuten und Anrühren des Tattoos ist, obwohl nie auf CD erschienen, längst ein Klassiker der Schweizer Kleinkunst. Die neuen Songs flossen auf dem Gurten teilweise ins alte Programm ein und zeigen Bagatello ab Ende August im Knast. Was sie verbrochen haben? Grosi: "Wir sind alle unschuldig und es ist wirklich ganz dumm gelaufen. Die genauen Haftgründe können wir aber momentan wegen laufendem Verfahren nicht nennen. Wir werden sie an unseren Shows offenlegen." Auch auf Nachfrage will der Bagatello, der auf der Bühne ein bisschen an einen Marx-Brother erinnert nichts sagen ausser: "Nö!".
Dass es sich um ein Bagatell-Delikt handelt, ist aber trotz Bandname nicht anzunehmen, denn als ich nachfrage, ob sie denn für die Konzerte Freigang erhielten, schweift Grosi erst kurz ab und lässt durchscheinen, dass der Haftalltag nicht spurlos an ihm vorbei geht. "Was mich momentan fast mehr stresst, sind die anderthalb Jahre zu denen wir wahrscheinlich verurteilt werden. Dich interessiert aber natürlich nicht, wie es uns dabei geht und das trifft mich natürlich irgendwo..." Ich tröste Grosi mit der Versicherung, dass ich darauf noch zurück kommen würde und er fasst sich so weit, dass er meine ursprüngliche Frage zum Freigang beantworten kann: "Es ist ja so, dass die Leute uns im Knast besuchen kommen. Bitte haltet euch an die im Internet (Adresse unten am Artikel) publizierten Besuchszeiten. Wir kriegen für die Shows keinen Freigang, Ausnahme heute. Wir sind ja momentan noch in U-Haft, ernst gilt´s ab 31. August."
Ob Bagatello im Gefängnis keine Probleme haben mit ihren hohen Stimmen und Amadeus Tü-Tüü-Geschichten? - "Ich glaube, Amadeus hat von uns allen am wenigsten Probleme...", bringt Grosi unter heftigem Lachen hervor und wir unterbrechen das Interview kurz zwecks Luft-Holen. Ich frage für einmal seriös, ob mein Eindruck täusche, oder ob Bagatello das neue Programm vermehrt mit internationalen Chart-Hits gestaltet haben. Grosi beruhigt mich: "Das täuscht, speziell heute, weil es ja nur ein Ausschnitt aus dem neuen Programm war. Es hat schon auch wieder seine Schweizer Aspekte. Wir wollen nicht zu viel verraten, aber die erfolgreichsten Mundart-Songs, sprich die von den Bernern, sind auch im neuen Programm vertreten." Um noch mal auf den Knast zurück und vermehrt auf den Gig am Sonntag Morgen überzuleiten, spreche ich Grosi unter leichtem Kopfschütteln darauf an, sie könnten doch nicht Damenbesuch auf die Bühne, sprich in die Zelle holen. Grosi meint gespielt kategorisch: "Selber schuld, wir haben niemanden gezwungen. Wenn die das unbedingt wollen... Nein, jetzt mal ohne Scheiss... Ich reite mich hier in etwas hinein", ich nicke und bestätige, dass das Interview leicht am Ausufern ist und nehme Grosi´s Angebot: "Einigen wir uns auf Unentschieden", gerne an.
Das Konzert auf dem Gurten war auf Sonntag elf Uhr angesetzt, was eine enorme Menschenmenge aber nicht daran hinderte, an Bagatello´s Auftritt auf dem Berner Hausberg beizuwohnen. Grosi war auch eine Stunde danach und stellvertretend für alle Bagatello´s total überwältigt: "Fibe Cornu kam nach dem Konzert zu uns und hat gesagt, das habe es am Sonntag um diese Zeit noch nie gegeben. Wir wussten, dass das Gurtenfestival auch gegenüber den anderen Auftritten an grossen Openairs noch etwas spezieller sein würde. Aber das heute hat alle Erwartungen gesprengt. Was es besonders gut zeigt: Der absolut coolste von uns sass unmittelbar nach dem Gig mit Tränen in den Augen da und brachte kein Wort heraus."
Dass man sich vor solch einer Kulisse auch mal verhaspelt, ist eigentlich verständlich, passierte aber keine drei Mal in anderthalb Stunden, dies notabene bei Programmblöcken auch zwischen den Songs. Grosi wirbt um Verständnis dafür, dass Reinhard May über den Wolken kochte: "Das passiert... Man muss es in diesen Emotion auch entschuldigen. Als ´Bärner Gieu´ kriegst du wahrscheinlich schon mit dem ersten Schluck Muttermilch mit: Wenn du Musiker sein willst, musst du auf dem Gurten spielen. Damit bin ich aufgewachsen, das war fester Bestandteil meiner späteren Jugend. Gurten - das ist der Hammer schlechthin! Und dann stehe ich plötzlich auf dieser Bühne und was da abgegangen ist... Sprachlos - und zwar alle von uns!" Die hohe Kunst von Bagatello liegt im spontanen Umgang mit den Leuten. Grosi bestätigt dies zum Abschluss eines doch noch seriös gewordenen Talks: "Das ist die Kunst. Schauspiel ist dann gut, wenn die Leute glauben, es sei improvisiert. Wenn sie denken: ´das hat er jetzt wirklich ganz gut gespielt´, warst du wirklich ´Gruebe´... Um aber ganz ehrlich zu sein, hat heute beim einen oder anderen in den letzten zwei Songs auch mal ein Lächeln durchgedrückt, weil es einfach so schön war und jeder auch zu sich gesagt hat: ´Scheiss drauf´ - das war unser Lohn für zwanzig Jahre Musik machen!"