Jukebox: Bagatello sind wieder frech
Text: Ko:L
Bilder: Bagatello
LED-Wände, Live-Leinwand mit -Kamera, Klavier, SMS-Voting, Sequenzer und und und: Den technischen Aufwand, den Bagatello für ihr neues Programm „Jukebox“ betreiben ist immens, eine Viertelmillion hat die Produktion schon vor der Premiere am 30. August im Berner Bierhübeli verschlungen. „Möglicherweise sind wir jetzt an unsere Grenzen in Sachen Grösse der Produktion gestossen“, mutmasst Grosi im Interview nach der letzten Durchlaufprobe vor dem grossen Abend. Doch Gigantismus hin oder her – Bagatello bleiben auch mit „Jukebox“ Bagatello: Amadeus schwuler, Adi cholerischer, Grosi überdrehter, Simu machoider und Pädi schlaksiger denn je. Die Charaktere der fünf Künstler sind auch im neuen Programm das tragende Element, eher noch akzentuierter als etwa in „Unbedingt“, dem Programm, das sie bis letzten Frühling spielten. „Wir sind wieder frech geworden, kompromisslos“, ist Grosi überzeugt. „'Unbedingt' war zu geschliffen.“ In der Tat: „Du willst immer nur f***en“, beklagt sich Pädi in einer Eigenkomposition – und zwar unzensiert. Ohne Rücksicht auf Verluste, im Gegensatz zu uns, die wir befürchten müssen, mit solch direkter Terminologie plötzlich in den selben Pool mit billigen Porno-Sites geworfen zu werden...
Entscheidender neuer Faktor bei „Jukebox“ ist die Interaktion mit dem Publikum. Da betreten die fünf Berner Welten, die noch nie ein Künstler zuvor gesehen hat. Aus 34 Songs wählt das Publikum einen grossen Teil selber aus, „You say what we play“ heisst das Motto. Applaus, Buh-Rufe, Kopfhörer und Mikrofon, E-Mail oder SMS -jedes Mittel ist Bagatello recht, um zu erfahren, was das Publikum gerne hören möchte. Und wie es sich für eine Jukebox gehört, stehen Songs aus über 50 Jahren Musikgeschichte zur Auswahl. Logistisch ist das Programm eine Meisterleistung in hoher Mathematik, anspruchsvollste Kombinatorik. „Wir haben wochenlang über der Abfolge und den Auswahlmöglichkeiten gebrütet“, erzählt Grosi. Denn: Jeder der fünf soll seine Solo-Songs haben, bei gewissen Songs kann das Publikum Song und Sänger auswählen – aber nicht jedem liegt jeder Song gleich gut. „Ein Krampf“, fasst Grosi zusammen. „Aber dafür betreten wir wieder einmal Neuland.“
Die Vorschusslorbeeren haben Bagatello allerdings einmal mehr auf sicher: Elf Shows sind alleine in den nächsten drei Wochen im Berner Bierhübeli angesagt, über 120 sind schon heute gebucht, der Vorverkauft läuft gut, versichert Grosi. Die Kehrseite der Medaille: Wegen der grossen Nachfrage und der aufwändigen Produktion gibt es Bagatello mit „Jukebox“ definitiv nur noch in Lokalen die fünfhundert und mehr Leute fassen und deren Bühne gross Genug ist, um das aufwändige Bühnenbild zu fassen – oder on tour mit „Das Zelt“. „Rein wirtschaftlich ist das, was wir da machen Schwachsinn“, gesteht Grosi, „aber wir haben uns gesagt: 'Scheiss drauf! Wir findens geil, also machen wir's!'“. Und wirtschaftlich läuft das KMU Bagatello, für das mittlerweile gut 20 Personen arbeiten, immer noch so gut, dass die Jungs darauf verzichtet haben, den Preis für die Teilnahme an den SMS-Votings zu erhöhen, um selber auch noch daran zu verdienen. „Die Teilnahme am Voting kostet den üblichen Tarif für ein SMS“, versichert Grosi, gibt allerdings zu, dass sie darüber nachgedacht haben, zusätzlich zehn Rappen zu verlangen, um selber auch noch mit zu verdienen...
Aber eben: Bagatello sind wieder frecher und kompromissloser geworden, wenn Adi druchdreht, dann richtig und sogar Amadeus kann im neuen Programm böse werden. „Damit kehren wir wieder zu unseren Wurzeln zurück“, sagt Grosi und weiss: „Gut möglich, dass gewisse Sachen einigen Leuten im Publikum zu derb sind und nicht gefallen. Aber so sind wir nun mal und so waren wir schon immer.“ So kann jeder einzelne zum einen seine Rolle intensiver gestalten und ausleben – zum anderen ist der Aufwand, die Rolle bis zum letzten auszureizen laut Grosi immens. „Schon alleine die Arrangements, die HP Brüggemann für uns ausgearbeitet hat, haben uns unendlich herausgefordert.“ Und: Bagatello, die Super-Schweizer, wie sie trespass.ch auch schon genannt hat, haben gemerkt, dass eine Demokratie nicht ein System ist, das stets eine 100-Prozent Mehrheit braucht. „50,1 Prozent ist eine Mehrheit, der sich die Minderheit fügen muss“, sagt Grosi. Den „Scotish Traditional“, ein Running Gag im neuen Programm, finde er etwa überhaupt nicht lustig. „Aber die anderen vier verrecken schier dabei. Also machen wir's!“
„Jukebox“ live ist allerdings nicht das einzige, was Bagatello diesen Herbst auf das Publikum loslassen. „Wir bringen im Oktober das Black Album“, verrät Grosi, „eine DVD die die fünf Bagatellen ganz privat zeigt.“ Darum Black Album, weil eben nicht in den Rollen in Gelb, Orange, Rot, Blau und Grün. „Bisher waren wir stets in unseren Rollen auf den DVDs zu sehen, jetzt ganz bewusst nicht.“ So werden die Zuschauer das Vergnügen haben, zu sehen, wie sich Adi im Europapark Rust an einem Bubenpissoir erleichtert, Pleiten, Pech und Pannen auf und hinter der Bühne zu sehen kriegen – oder ein Bild vom aller ersten Bagatello-Konzert. „Zusätzlich gibt es ausführliche Aufzeichnungen unserer Tour-Kamera“, sagt Grosi. Und: Die DVD ist auf 3000 Exemplare limitiert. „Gemessen an den bisherigen Verkaufszahlen eine strenge Limitierung.“ Und natürlich wird es später noch eine Live-DVD von Jukebox geben...