Balcony Airplay flippe(r)n aus
Text: Monthy
Bilder: Balcony Airplay
Man sagt uns von Trespass.ch in der Szene nach, wir würden uns gut auskennen. Nachdem ich aber die neue Radiosingle von Balcony Airplay in den CD-Player geschoben habe, bin ich mir da gerade nicht mehr so sicher. Ich habe die Band, die unter anderem mit einem versuchten Gitarrenweltrekord auf sich aufmerksam gemacht hatte, als akustische Gitarrenband schubladisiert und jetzt schicken die mir sowas: Ein Dance-Track erster Güte, der für balkonische Verhältnisse richtig gehend ausflippt. Ist dies nun ein erstes Resultat einer duchlebten Wandlung oder ein Fingerzeig von wegen 'Wir können auch anders?' – Bassist und Texter Stephan Bühler entscheidet sich für das zweite: "Wenn du so fragst, eher der Fingerzeig… Es hat ja auch sehr viel anderes auf dem Album. 'She had to go' ist eigentlich der einzige richtige Stampfer auf 'Space Pinball'. Und weil wir ab und zu auch gerne solche Stampfer haben, dachten wir uns: Warum nicht? Und ich finde, er passt trotzdem sehr gut ins Album hinein."
Repräsentativ für "Space Pinball" ist "She had to go" aber tatsächlich nicht. Dass man sich trotzdem für diese Single entschied, liegt ganz einfach am tollen Song. - Stephan: "Ja. Es ist einfach ein sehr guter Song, der in den Ohren hängen bleibt. Zudem stehen wir nicht mehr allein in der Entscheidung. Wir haben jetzt eine Plattenfirma und ein Umfeld mit Mitspracherecht. Wir haben also unsere vier Favoriten vorgeschlagen und so hat es sich dann ergeben, dass 'She had to go' zur Single avancierte." Dass die frisch dazu gekommene Plattenfirma aber sonst irgendwie an dieser Entwicklung beteiligt ist, gehört ins Reich der Märchen. – "Wirklich überhaupt nicht", wehrt sich Stephan gelassen und fügt von wegen Gitarrenweltrekord an, dass Balcony Airplay ja auch keine typische Gitarrenband seien. "Du findest auf dem neuen Album zwar ein, zwei Songs mit Gitarre, aber unser Konzept funktioniert auch ohne ganz gut. Wir haben auf 'Space Pinball' auch funky Songs und die von uns bekannten Singer/Songwriter-Geschichten drauf. Es ist typische Balkon-Musik, was unseren Pop mittlerweile ja schon fast auszeichnet. Von Haus aus sind wir ziemlich vielfältig. Und die Single ist für einmal dancelastig heraus gekommen…"
Dass man sich damit ins Seichte vorwagt, ist aber nicht wirklich zu befürchten. Dies, obwohl sich die balkonischen Texte eigentlich oft um die "harmlosen" Themen des Freizeitteils eines alltäglichen Lebens drehen. Stephan: "Ich glaube, die Songs sind eigentlich von den Themen her ziemlich aus dem Leben gegriffen. 'Space Pinball' ist kein Konzeptalbum, in dem das gleiche Thema immer wieder kehrt, sondern dreht sich um verschiedene Dinge wie Liebe, Glück und das Leben allgemein. Allerdings enden unsere Geschichten immer augenzwinkernd, mit dem Nebensatz: 'So wi's chunnt, chunnts äbe guet… Wir wollen sicher nicht oberflächlich sein, sondern jederzeit zu unserer Musik stehen können." Einen Nebeneffekt der nicht ganz typischen, ausgeflippten Sinlge ist, dass Balcony Airplay dadurch auch ein wenig aus der Schmusepop-Ecke heraus gehoben werden. Das ist Stephan denn auch durchaus recht… - "Es gab sicher auch schon früher andere Songs von uns. Wir haben aber schon auch dieses Feedback erhalten. Auch unser eigener Anspruch fürs neue Album war, erdiger und rustikaler zu werden. Bei vielen Songs ist uns das gelungen. Dass nun der knalligste Song ausgewählt wurde, ist imagetechnisch sicher nicht negativ für uns…"
Dabei könnten BA aber durchaus tiefer in einen alten Konflikt hinein rutschen. Denjenigen zwischen Coolness und Substanz nämlich. Gibt es diese Frage 'Wie cool muss oder darf ich bei einem Song sein?' bei Balcony Airplay tatsächlich? – Stephan: "Wir sind von Natur aus eher Normalos. Beim Live-Spielen merkt man uns aber hoffentlich schon an, dass wir auch anders können. Die Frage ist oft, wo kann ich es gut rüber bringen und wo wirkt es aufgesetzt? Es gibt sich eigentlich von selbst weil wir halt authentisch sind. Wir machen glücklichen Pop, weil wir positiv eingestellte Menschen sind. Da gibt es irgendwo eine natürliche Grenze, die uns gar nicht erlaubt, cooler zu sein, als wir es tatsächlich sind…" Das Resultat in Form einer knapp 20cm runden Silberscheibe spricht für sich. Tatsächlich trifft "Space Pinball" für mich sogar den momentanen Zeitgeist, auch weil es beispielsweise nicht krampfhaft nach einem Sinn sucht. Ist dies eigentlich mehr Zufall oder Resultat einer gezielten Beobachtung der Umwelt? Stephan erklärt lapidar: "Wir wollten uns grundsätzlich in Bezug aufs letzte Album weiter entwickeln. Bei uns läuft es meistens so, dass jemand eine Idee in den Bandraum mitbringt und dort die Songs entstehen. Diesmal hatten wir sehr schnell viele Songs vorrätig. Es ging dann bald einmal um die Songauswahl, ein relativ emotionaler und zeitraubender Prozess… Deshalb haben wir uns gar nicht gross darum getan, wie die Songs von aussen wahrgenommen werden könnten. Wir wollten einfach unsere Musik wieder erkennbar weiter entwickeln." Und vielleicht war es genau dieses In-Sich-Ruhen, welches "Space Pinball" nun so gelungen erscheinen lässt.