Bandit will Qualität
Text/Bilder: Cédric Russo
Der Durchgang zum Backstagebereich im Berner Bierhübeli wird von Securitys versperrt, die so aussehen, als würden sie genauso viel Spass verstehen, wie ein katholischer Pfarrer bei seiner wöchentlichen Kirchenpredigt. Ohne einen Backstagepass, an denen vorbeizukommen, scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Aber kneifen gilt nicht. Nach einigen Erklärungen und Weiterleitungen an die nächsthöheren Dienststellen, bin ich nun endlich im Backstageraum. Dort tummelt sich ein ganzer Haufen von Rappern, die anlässlich des sechsten Ultimative MC Battles auf ihren Auftritt warten. Im Nebenzimmer finde ich dann auch meine Zielperson. Der aus der Schweizer Hip-Hop-Szene nicht mehr wegzudenkende Rapper Bandit drückt mir freundschaftlich die Hand, und wir verziehen uns zum Interview in ein Zimmer, das einen geringeren Pegel an Menschen und Lärm aufweist. Nachdem wir es uns gemütlich gemacht haben, und ich mein Interviewequipment, bestehend aus MP3-Player, Mikrofon, und meterweise Klebeband, installiert habe, können wir mit dem Frage-Antwort-Spiel beginnen.
Anlässlich eines Battle-Contests drängt sich natürlich die Frage auf, ob er lieber Freestyle-Battles macht, oder reguläre Konzerte gibt. „Bei Contests mache ich inzwischen nicht mehr mit. Ich gebe lieber Konzerte, in denen ich manchmal Freestyles bringe. Ich denke, das gehört zum Wachsen eines MC’s. Irgendwann möchte man auch richtige Songs machen, statt immer nur zu einem Beat zu improvisieren.“ Und dafür braucht Bandit auch kein Reimlexikon: „Oh nein, so was habe ich nie getan. Ein Reimlexikon gibt mir auch nichts. Da ist es mir lieber, wenn die Zeilen sich mal nicht reimen, dafür aber der Inhalt stimmt.“ Bandit wird nicht rot im Gesicht und meine „Jetzt-sei-doch-mal-ehrlich“-Versuche können seine Aussage nicht ändern; ich bin versucht, ihm zu glauben.
Heute blickt der Glarner auf 15 Jahre Berufserfahrung zurück. „Vor 15 Jahren habe ich nicht geplant Musik gemacht, sondern einfach zu Beats gereimt. Jetzt bin ich um einiges älter, und schreibe konzipierte Songs. Auch sind sie im Laufe der Jahre viel persönlicher geworden.“ Heute, so könnte man meinen, wenn man sein aktuelles Album „Dr letscht wos git“ hört, hat Bandit persönlich was gegen die HipHop-Szene. „Na ja, zuerst einmal ist das ja auch so ein klassisches Hip-Hop-Ding. Der Titel ist bewusst so gewählt, um zu zeigen, dass ich eben aus der Freestyle-Ecke komme, in der es darum geht, den anderen zu beweisen, dass man besser ist als sie. Damit habe ich sicherlich gespielt. An der momentanen Hip-Hop-Szene stört mich, dass man nicht mehr gut rappen können muss, um Erfolg zu haben. Früher musste man dazu auch gut sein. Die heutigen Beats und die Musik des Hip-Hop finde ich innovativ und spannend. Auch die Mischung mit verschiedenen Stilen, wie Techno oder Dance-Music, begrüsse ich sehr. Aber mir fehlt die Kreativität der Rapper bei ihren Inhalten.“
Auf „Dr letzt wos git“ hat Bandit unter anderem mit Kool Savas zusammengearbeitet – einem der Grössten des deutschsprachigen Raps. Versucht man, bei einem gemeinsamen Track mit einer solchen Hip-Hop-Grösse, das lyrische Niveau auf sein Level zu bringen – oder schraubt man umgekehrt bei einem weniger talentierten Mitspieler, seine eigenen Fähigkeiten zugunsten der Homogenität des Tracks runter? Die eine Frage beantwortet Bandit mit Ja, die andere mit Nein. Ich denke, es ist offensichtlich, welche Antwort zu welcher Frage gehört.
Es ist in der ganzen Musikwelt ein Phänomen, dass Trends, die zuerst in Amerika entstehen, in der Regel schon bald nach Deutschland und danach in die Schweiz überschwappen. So scheint es logisch zu sein, dass unser Alpenland demnächst von der „Aggro-Berlin-Atitüde“ infiltriert wird... „Nein. Dafür haben wir zuwenig 'Aggro' in der Schweiz. Zwar gibt es bereits Leute, die diesen Style zu praktizieren versuchen, aber ich denke, dazu fehlt das Publikum. Ich will nicht sagen, dass wir hier keine armen Leute haben, die ja Voraussetzung für eine grossflächige Akzeptanz dieses Stils wären, aber derer gibt es hier einfach zu wenige. Für die meisten Leute in der Schweiz ist dieses Aggro-Ding zuwenig authentisch, sie können sich nicht damit identifizieren.“
Nach dem Gespräch gehts los mit dem Battle-Contest, den Bandit später mit seinem Auftritt auflockern soll. Die Kontrahenten sind gut drauf, versprühen Wortwitz und Stilgewandtheit. Die Menge dankt es ihnen mit frenetischem Beifall, und ich entdecke Bandit unter den Jurymitgliedern neben Saian Flinn, CBN, Tibner, oder Tommy Vercetti. Dann, zur Halbzeit, beginnt der Showcase von Bandit. Zusammen mit DJ Aldäwaldä und MC Trolek legt er eine kraftvolle und routinierte Performance hin. Zum Repertoire gehören Songs wie „Gigant“, „Mini Musig“ oder „Ich bis, Bandit“. Ich kapiere zwar nicht, warum der gute Bandit zwei Mikros in den Händen hält – aber auf jeden Fall sieht es cool aus. Das Set besteht zwar nur aus sechs Liedern, aber das ist zu diesem Anlass auch ausreichend. Denn obwohl die Jungs ihre Sache gut machen, will das Publikum lieber die Freestyle-Battles hören, als einem regulären Konzert beiwohnen. Und das kann man ihm auch nicht verübeln, wird doch die Magie des Abends von eben diesem Contest versprüht. Nach kaum einer halben Stunde ist das Set zu Ende und Bandit wieder hinter dem Jurytisch. Ring frei für die nächste Runde Wortprügelei!