Baze goes Rock’n’Roll…
Text: Chris
Bilder:
musicbild.li
Baze liess am Woodrock eine Bombe platzen. Sein Gig begann in gewohnter Manier, Track um Track von seinem neun Album «Mis Meitli» gab der Berner Rapper zu Besten. Auf der Bühne schräg daneben machte sich inzwischen eine weitere Band bereit – nicht weiter speziell fürs Woodrock, die Wechsel zwischen den beiden Bühnen gingen stets sehr schnell von statten. Aber als die Musiker mit ihrem Soundecheck Baze zu übertönen begannen, wurde der Berner sauer. «Hey, wollt ihr 'ne Hip-Hop-mässige Schlägerei, oder was?» – «Komm doch rüber, wenn du dich traust», gab der Bassist forsch zurück. Und Baze kam rüber: Und schlug zu – verbal! Während Aziz kräftig in die Saiten hauten, rappte Baze dazu – Crossover in seiner ganzen Urgewalt gewitterte übers Woodrock. Im Backstage bei einer Flasche Bier erklärt der Rapper, wie es zu dieser Zusammenarbeit gekommen ist. «Wir haben dieses Experiment an meiner Plattentaufe zum ersten Mal ausprobiert», so Baze. Aziz sind Kollegen von ihm. «Inzwischen haben wir weitere Songs angepasst und mit einfachen, geradlinigen Riffs untermauert.»
Der Flowakrobat Baze hat eine längere Tour hinter sich, in der er für sein Album «Mis Meitli» ordentlich Promo machte. «Nun kommt schon bald der Winter – und was gibt’s neues von Baze?», will ich wissen. «Wir haben wieder ein Album aufgenommen. Die Produktion ging sehr zügig voran, ich habe mit meinem ungarischen Kollegen und Beatproduzent intensiv zusammengearbeitet. Wir waren auch schon mit dem Auto einige Tage in Ungarn und haben bereits ein Video gedreht. Das war ganz cool.» Die Produktion entstand unabhängig von Chlyklass. «Ich musste für mich erst mal wissen, wie das finanzierbar ist. Und wenn wir nicht minus machen, dann reicht das auch schon. Wir haben viel ausprobiert, es wird einige geile Sachen darunter haben, mit House-Beats, Minimal-Styles und so weiter. Wir sind sicher einen neuen Weg gegangen, den es im Schweizer-Rap noch nie gegeben hat.» Herausgeber und Erscheinungsdatum sind noch nicht fix. «Die Produktion ist eigentlich schon lange fertig – ich rechne aber, dass wir in drei Monaten soweit sind.»
Baze machte seine Anfänge zusammen mit Thomas. «Wo ist denn eigentlich Thomas geblieben?», will ich wissen. «Thomas macht jetzt wieder grafische Arbeiten. Er wollte einfach einen neuen Weg gehen.» Differenzen habe es keine gegeben. «Ich wusste, ich will die ganze Rap-Sache mehr ausweiten, mehr Erfolg haben. Für ihn war das zuviel. Man muss einander gehen lassen können. Mich hat es eben mehr interessiert.» – «Wollte Thomas den sicheren Zug nehmen, sich auf den gelernten Job konzentrieren, als die unsichere Hip-Hop-Schiene zu fahren?» – «Nein, überhaupt nicht», bemerkt Baze. «Er mochte einfach nicht mehr, ich kann das auch nachvollziehen, wenn du Sachen machen musst, die dich nerven…» – «Zum Beispiel Interviews geben», formuliere ich spitz. «…Nein, überhaupt nicht, solange das nicht 500 Interviews mit denselben Fragen sind», so Baze. «Ich habe noch soviel Fun am Sound machen, deshalb ist für mich noch lange kein Ende in Sicht.»
Solo wird es von Baze in absehbarer Zeit noch kein drittes Album geben. Er will sich jetzt voll und ganz auf sein Projekt mit Doctor Broccoli konzentrieren. «Und natürlich auch mit Aziz möchten wir gerne ein Rockalbum machen.» – «Aber das ist ja voll und ganz in einem anderen Stil?», bemerke ich. «Klar, man kann ja nicht immer dasselbe machen und soll schliesslich auch Offen für neue Sachen sein», antwortet Baze. «Dennoch: Die Schweizer Szene hat sich enorm schnell entwickelt – plötzlich werden Hip-Hop-Songs im Radio gespielt, das war früher nicht so. Wie kannst du dir diese rasante Entwicklung erklären?» – «Hip Hop ist eben eine Universalmusik, internationale Sounds. Und in der Schweiz rappst du über Probleme die es in der Schweiz gibt.» – «Das war aber lange auch nicht so», entgegne ich. «Zu Anfangszeiten wurden extrem stark amerikanische Klischees importiert.» –Baze: «Das macht man auch heute noch. Selbst in einer Musikrichtung gehen Leute in hundert andere Richtungen. Ich habe mich nie dafür gehabt, mich so zu geben, wie ich gar nicht bin. Ich bin nicht besonders hart und muss auch nicht sagen, dass ich in einem harten Quartier aufgewachsen bin, weil das absolut nicht stimmt. Es kann schon sein, dass Leute zu mir sagen ‚Baze, du rappst über Scheiss-Probleme’. Ok, mag sein, aber es sind genau die Probleme, die wir hier in der Schweiz haben und die diejenigen verstehen, welche sie hautnah erlebt haben.» Und was ist nun mit den Klischees? «Es ist okay, wenn jemand über Knarren rappt, solange es ironisch gemeint ist. Aber ich kenne so viele Weicheier die auf hart machen. Und wenn ich von mir sage, dass ich nicht hart bin, bin ich wohl trotzdem noch etwas härter als die.» Baze gefällt auch das Coole an dieser ganzen Kultur nicht. «Ich höre noch hundert andere Sounds und ich mag nicht herumlaufen wie jeder zweite Depp auf der Strasse.»
Schweizer Rap sei in der Musikszene soweit akzeptiert. Überall? «Noch nicht ganz überall, nein», bemerkt Baze und bringt ein Beispiel. «Ich war vorhin gerade draussen und da meinten tatsächlich so zwei Rocker: ‚Schau da kommen noch so verdammte Rapper’. Ich mag einfach die Engstirnigkeit nicht bei gewissen Bands.» – «Gibt es solche Zwischenfälle oft?», frage ich. «Nein, zum Glück nicht. Wir sind sicher im gewissen Sinne akzeptiert in der Musikszene. Wir hatten auch schon Anfragen von anderen Bands. Denn schlussendlich kann man den ganzen lyrischen Aspekt beim Schweizer-Rap nicht aus der Mundart-Szene wegdenken. Man kann nicht ignorieren, dass da mehr dahinter steckt. Mundart-Bands die normale Texte schreiben, können nicht die Augen schliessen, was im CH-Rap passiert, da es eben ein höheres lyrisches Level ist – quasi die Königsdisziplin.» Die Fortschritte seien unglaublich. «Ich meine, wir wussten damals nicht wie man auf Berndeutsch rappt. Wir mussten uns das Ganze selbst aneignen und entwickeln.» In Sachen Nachwuchs gibt sich Baze verschwiegen. «Ich weiss nicht so recht. Eigentlich sollte die neue Generation doch über uns stehen, noch ausgefeiltere Raps schreiben und noch schneller und lyrischer rappen. Aber das ganze scheint zurzeit zu stagnieren. Und daran sollte man arbeiten.» Baze – das Multitalent – scheint noch viele Ideen im Köcher zu haben. Sein Auftritt mit Aziz zusammen kam an. Baze rappt – macht nicht den Fehler, dass er mit einer Rockcombo zusammen zu singen versucht, sondern bleibt seinem Sprechgesang treu. Und das ist schliesslich das, was wir von ihm hören wollen.