Bernhard mit dem Panoramablick
Text: Monthy
Bilder: Cover Album/Monthy/Bernhard-Band.ch
Aus dem Begleitschreiben zum Debutalbum von Bernhard lese ich heraus, dass Padi eigentlich lieber keine Fragen mehr zum Thema Mash und dem Bandwechsel beantworten möchte. Da wir zwei beide uns aber lange auf ein Wiedersehen freuen durften beziehungsweise mussten, erfreche ich mich trotzdem. Ketzerisch gesagt, hat ja eigentlich nur der Bandname geändert, werfe ich in die kleine Runde in der Bandkonserve backstage Openquer. "Wenn man so will. Du kannst natürlich sagen, da hört man meine Stimme, die man kennt. Ich finde aber gar nicht. Es sind doch drei ganz andere, gestandene Musiker - der Bassist kam ja aus Mash-Zeiten mit. Aber das ist mein Eindruck und die Frage, ob man Unterschiede auch von aussen her wahrnimmt, beschäftigt mich schon hin und wieder", bestätigt Padi meinen nicht ganz aus der Luft gegriffene Auftakt zumindest teilweise.
Mit dem Bandnamen Bernhard, gleichzeitig Padis Nachname, treibt er im zweiten Anlauf die Personalisierung und Fokussierung auf die Spitze. Erst jetzt wird denn auch offenkundig, wie gross Padis Einfluss bei Mash gewesen sein muss. "Das habe ich mir schon erhofft, dass du das hören kannst", lacht der zuvorkommendste Künstler, den ich kenne, mit mir um die Wette, "dass ich die Musiker auswechseln kann und immer noch gleich töne. Mich dünkt manchmal, ich könnte ein Volkslied singen und die Leute würden glauben, es sei von Mash. Das kann ein Vorteil sein, ist manchmal aber auch hinderlich.". Seine Wiedererkennbarkeit ist tatsächlich frappant und nicht bloss an der Stimme allein aufzuhängen. Auch die Attitüden Padis haben sich in Jahren ins Kulturgut Mundart hinein gefräst. Das beweist Padi aktuell mit der ersten Bernhard CD "Nord Süd Ost West".
Dafür haben sich Bernhard nach Gründung ganze drei Jahre Zeit gelassen. Ich frage Padi, ob das mit seiner Reife zusammenhänge und von Anfang an so geplant war, wo doch sonst heute alle sofort eine Platte machen wollen. "Also eigentlich wars überhaupt nie geplant", gibt sich Padi mystisch und holt etwas aus, "Nach Mash wars für mich wirklich beendet. Ich dachte: Endlich ist dieser Klotz vom Bein. Dann traf ich an einer Plattentaufe Rickenbachers meinen neuen Schlagzeuger Sascha. Er meinte, falls ich was machen würde, wäre er gerne dabei. Und ich dachte: Wow, da gibt es Musiker, die gerne mit mir etwas machen würden. Davon hab ich ein paar gesammelt. So haben wir uns dann einmal die Woche völlig ambitionslos getroffen, haben den Proberaum von Mash mit Stefan doppelt genutzt. Er mit seiner Band, ich mit meiner. Und wir haben einfach Musik gemacht und Freude an dem Bier gehabt, das wir dazu getrunken haben. Als dann Bernie Weber am Keyboard dazu stiess, kam viel Drive mit rein. Er hat schöne Kompositionen gemacht, die ich dann unbedingt mit Texten versehen wollte. Also haben wir gezielt auf Live-Auftritte hingearbeitet. Das hätte mir dann auch gereicht. Als Primarlehrer und Familienvater ist das ein guter Ausgleich - am Abend hie und da ein bisschen proben solange es geigt und wenn nicht mehr, dann aufhören. Es hat sich aber dann in eine andere Richtung entwickelt. Schliesslich kam zu einer ersten Tour mit eigenen und einigen Mash Songs. Zuerst wusste zwar niemand, was Bernhard genau ist. Trotzdem hörten sie neben Mash wohl noch etwas eigenes..." Genauso logisch kam es dann auch zum Album.
Nun war Padi schon immer krampfhaft auf Bern ausgerichtet - ja beinahe fixiert weil er eben Alte Schule ist und damals die Mundart eigentlich nur in Bern stattfand - und auch wenn man es ihm nicht anhört, so weist er doch ständig und vollkommen zurecht auf seinen Heimatort im Emmental hin. Ausgerechnet dieser Padi releast nun ein omnidirektionales Album namens "Nord Süd Ost West" - was ist passiert??? - Padi: "Der Song ist der Letzte, den wir fürs Album geschrieben habe. Er handelt für mich von meiner Frau. Sie ist mein Nord Süd Ost West und gibt mir die Richtung an. Wenn du einen Kompass anschaust, dann ist sie der Mittelpunkt, an dem die Nadeln aufgehängt sind. Sie ist meine Lebensmitte. Wir fanden dann auch in der Band, das dieser Titel fürs Album ganz gut passen würde. Wir haben ja auch alle Richtungen und sind vielfältig." Im Song spielt Padi auch die vier Jahreszeiten durch. Er betreibt quasi ein Mundart Feng Shui und betätigt sich in ganzheitlichem Denken. "Das ist einfach alles aus mir raus gekommen. Mir hat irgendwann mal jemand gesagt, ich würde über Sachen singen, die ich gar nicht erfüllen könne. So kam bei mir das Bedürfnis auf, einen Song darüber zu schreiben, was mir meine Frau heute bedeutet. Und in einer Familie ist eine Frau ja auch für das Ganzheitliche zuständig, daher ist das vielleicht nicht umsonst Thema des Songs."
Er verblüfft mich immer wieder. Keiner ist so unverblümt gefühlsduselig und gleichzeitig auch noch so geerdet wie Padi. Nun ist es wieder an mir, ihn zu verblüffen. Padi schreibt ja öfter Songs über andere. Sei es seine Frau wie in diesem oder Leute, die weiter von ihm weg sind. Ich erinnere mich an den "Tollen Hecht" alias Chris von Rohr. Fällt es ihm leichter, über Leute in seiner Nähe zu schreiben oder über solche, die er vielleicht nicht einmal persönlich kennt? - Er macht mir ein Kompliment und verschafft sich Zeit, über die Frage nachzudenken: "Wow... es ist schon einfacher, wenn du die Person kennst. Aber manchmal fängst du im Hinblick auf eine bestimmte Person an zu schreiben, und merkst dann, dass der Song an Spannung gewinnt, wenn du ihn auf jemand anderes anwendest." Tendenziell ist Padi frecher, wenn er die Person nicht kennt und seine Frau findet sich teilweise in vielen Songs wieder. "Auf diesem Album sind natürlich auch einige Songs über den Bruch von Mash drauf, die man nicht unbedingt auf den ersten Blick als solche erkennt. Das musste ich schon auch verarbeiten. Ich habe erst danach gemerkt, dass jeder seine Wege geht und das wie eine Ehe ist, die in die Brüche geht.", verrät Padi über den Wechsel seiner Ersatzfamilie. "Ja, jetzt bin ich mit einer neuen Freundin unterwegs", vollzieht er das Bildnis augenzwinkernd.
Der Titel ist natürlich gut gewählt. So gut, dass ich meinen Abschlussknaller kaum mehr bringen kann. Ich versuche es trotzdem und beziehe mich wiederum auf den Bandnamen. Da er ja jetzt unter Bernhard antritt und auch mit Panoramablick immer noch eigentlich auf Bern ausgerichtet ist, frage ich, ob ich ganz offiziell auch mit "Bärni" ansprechen dürfe? - Sein Lachen genügt mir als Antwort. "Der Bezug zu Bern ist bei mir halt einfach gegeben, weil ich ja aus Bern stamme. Und dann gibt's ja auch den Grossen St. Bernhard. Das ist schon alles sehr schweizerisch.", schmunzelt der neue alte Padi und begibt sich mit mir nach draussen, wo er fürs Foto noch schnell - und natürlich vergeblich - nach dem Sommer sucht.