Camen auf dem rechten Weg
Text: Monthy
Bilder: Andreas Diezi
Arrogant gesagt ist es ein Schulterschluss zwischen Leuten, die etwas von Musik verstehen. Beteiligt daran sind Pascal Camenzind, kurz als Camen bekannt. Er, der Musiker, mimt in unserer Geschichte den Star (hehe) oder schlicht: die Zielscheibe. Der zweite im Bunde bin ich selbst, meines Zeichens Journalist und damit in der Rolle des Pfeils. Der Bogen schliesslich, der mich auf Camen abfeuert - pikantes Detail -, stammt aus den Reihen seiner selbst, ist jedenfalls in musikalischer Hinsicht sein bester Freund und langjähriger Weggefährte Martin Gisler. Das Stück, das wir zusammen in drei Akten aufgeführt haben, heisst "Negativpropaganda". Nachdem ich nämlich Camens ersten Singlerelease der neuen Platte "The right track" scherzhaft aufs Korn genommen hatte, fanden Camen und Gisi auch noch Gefallen daran und baten mich tunlichst um weitere Verrisse. Dazu muss man wissen: ich mag das sonst nicht so - auf konkrete Bitte des Künstlers hin liess ich mich aber nur allzu gerne darauf ein. Ganz verstanden habe ich es hingegen erst, als ich das heavy Gitarrensolo von Gisi an der Taufe der Soulplatte gehört habe. Die Jungs hatten sofort erkannt, dass die Kombination eines Schandmauls mit einem Schmusesänger ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Im Interview nach der Taufe von "The right track" trafen wir uns nun erstmals und es sollte sich zeigen, dass wir uns tatsächlich durch Betonung des eigenen Geschmacks über ebendiese leidige Frage hinweg setzen können.
Als ich um halb sieben beim Soundcheck kurz die Nase reinstecke, kommt mir innert Sekundenbruchteilen ein fröhliches Gesicht entgegen und Gisi blickt fragend: "Monthy?"Auch nach dem Konzert muss mich niemand zweimal bitten. Nach einer andächtigen Viertelstunde des Verschnaufens mache ich mich autonom auf, Camen backstage zu suchen. Als ich die Garderobe betrete, steht Gisi bei ihm und ich höre noch, wie er sagt: "...das ist er jetzt." Camen begrüsst mich und ich fühle mich sogleich wie zuhause. Man weiss, wer ich bin und erwartet vielleicht sogar etwas von mir. Wie schön! Camens Blick drückt den Respekt aus, der für mich bisher einziger wirklicher Lohn in meiner Szenearbeit geblieben ist.
Dass Camen mich ernst nimmt, ist irgendwie sein Glück. Denn ich habe in der Vorbereitung spontan im Booklet von "The right track" geblättert und bin über den Text des Titelsongs gestolpert. Nun knalle ich dem Winterthurer Textzeile für Textzeile um die Ohren. Warum hat er auch seine ganze Geschichte seit den Anfängen mit Mighty Sharp und dem Erfolg an der "Sat1 Talent Explosion" da reingepackt? Seine Stellungnahme gibt's leider erst am 30. November in unserer nächsten Sendung auf Radio Emme zu hören. Für den Moment verrate ich nur, dass Camen bald konstatiert: "...ist noch krass, wenn man so konkret mit seinen eigenen Textpassagen konfrontiert wird. Das passiert einem sonst praktisch nie. Ist wirklich schampar persönlich..." Was ja, da ich aus dem Songtext zitiere, auch damit zusammen hängt, dass er sie so schreibt. Was ich im ersten Moment noch für reichlich plump hielt, ist in Wahrheit die direkte Verbindung von Mensch A zu Mensch B. Diese Kommunikation mit dem Publikum funktioniert sonst eigentlich nur in der Mundart. Camen allerdings schafft es, seine Botschaften an den Mann zu bringen, beziehungsweise natürlich mehrheitlich an die Frau.
Ich bin denn auch entsprechend froh, eine solche dabei zu haben. Im Zug nach Winterthur stellen Mary und ich bei einem Pre-Listening fest, dass wir auf die Songs oft ganz gegensätzlich reagieren. Songs, die mir missfallen, und sei es auch nur wegen der verwendeten Klangstäbe, Castagnetten oder Steel-drums, lassen sie im Zug für alle hörbar losträllern. Nach dem Konzert sind wir uns hingegen beide einig, dass die Live-Performance mit sattem Bassbett mehr groovt als die CD, die man vielleicht etwas den Hörgewohnheiten des Radiopublikums angepasst hat. Das ist mehr als Kompliment für den gelungenen Abend gemeint, denn Kritik am neuen Werk. Und wenn wir schon bei den Radiosongs sind. Für unsere Playlist bin ich zum Schluss gekommen, dem Prinzip der Polarisierung zu folgen. Ich nehme dort also auch die Songs auf, die mir gegen den Strich gehen. Denn egal ob ich sie liebe oder hasse, viele der Songs von "The right track" haben definitiv etwas.
Dass sich darunter die Singles "How long", "Just Because" und "Tell me" befinden, habe ich ja schon schriftlich festgehalten. Die Artikel liegen im "Camen"-Ordner auf, den ihr unter C im Reporter&Gallery findet. Dazu gesellen sich nun vor allem "The way it goes", eine Latinonummer mit rollendem "R" und penetrant karibischem Klang von Limbo. Mary liebt sie. Dass "I love it (when we do what we do)" von Ronan Keating auch gesungen wird, verrät auch sie mir. Ursprünglich stammt der Song von Gregg Alexander, dem legendären Kopf der New Radicals. Vielleicht ist er mir deshalb auch im hereinbrechenden Winter immer noch eine Jacke zu warm. Unter den Songs, die mir genehm sind, finden sich viele mit Funk-Basis - "Maximum", "Lay u down" mit singendem Sprechgesang und der Andeutung von verborgenen Talenten oder auch "Remedy" und "Sex Goddess". Die Tracks sind einfach gehalten und doch nicht oberflächlich, was ja im flirty Soul auch nicht unbedingt einfach ist.
Am besten finde ich Camen allerdings, wenn er auf jeglichen Schnickschnack verzichtet. Dann reduziert er für mich eben aufs Maximum und lässt sein Talent erblühen. Inbegriff dieses Hühnerhautgefühls ist die gehauchte Ballade "Are you lonely girl", die - wie ich an der Plattentaufe erfahre - auch deshalb auf "The right track" figuriert, weil ich sie in der Kritik zur Single "Just because" schwärmerisch gelobt hatte. Soviel Ehre macht mich natürlich erstmal verlegen und bestärkt mich danach in meiner Meinung, dass Camen eindeutig auf dem rechten Weg ist.