Camen und die Singles
Text: Piggy
Bilder: Mary/Piggy
Nachdem Camen kürzlich mit der, wenn's mir recht ist, fünften Single seiner aktuellen CD "The right Track" an uns herantrat, fand Monthy, es wäre Zeit, da mal nachzufragen, ob die Strategie denn auch erfolgreich sei. Sein Heimauftritt im Winterthurer Albani diente mir so als willkommener Anlass, meine Verführungskünste am hippen Schmusesänger zu erproben. Trotz stressigen Vorbereitungen und obwohl jede und fast jeder etwas von ihm wollte, fand Camen doch noch die Zeit für einen privaten Moment. Angesichts der Situation kam ich dann auch schnell zur Sache...
Ziel des Single-Release-Sturms von Camen ist hauptsächlich, Radio-Airplay zu erlangen. Und diese Strategie zahlt sich auch aus, wie Camen, eigentlich Pascal Camenzind, auf meine Nachfrage erläutert: "Ausser bei Radio NRJ und Radio 24 hatten wir eigentlich überall Airplay. Das ist schade, weil es die zwei ganz wichtigen Radios sind und dort wurden wir nur ganz wenig gespielt. Ansonsten gesamtschweizerisch in A- oder B-Rotationen. Dadurch konnten wir wieder viele Camen-Fans generieren, die wiederum an die Konzerte kommen."
"Wir haben uns einfach gefragt, welche Songs am Radio am besten funktionieren könnten und nach Gefühl diese veröffentlicht", sagt Camen zum Vorgehen und gibt zu, dass dies sehr subjektiv geschah. "Es hat halt auf diesem Album auch sehr viele Songs, die sich fürs Radio eignen, deshalb. Und die Resonanz war immer sehr positiv. Es hat sich nie jemand beschwert oder gesagt, wir sollen jetzt aufhören, ihnen Singles zu schicken..." Ausser Monthy, der mich mit genau diesen Worten auf Camen angesetzt hatte - aber der ist ja kein Radio mehr... "Die Jahreszeit haben wir mitberücksichtigt", fügt Camen bei und führt aus, "wir haben uns bemüht, im Sommer keine schwermütige Nummer herauszugeben, sondern eher etwas leichtes und dafür im Winter etwas eher düsteres."
Das Album als Ganzes verliert ja seit Jahrzehnten schon an Bedeutung. Besonders seit mit Handytechnologie und MySpace-Speicherplatz jede Band ihre besten Songs als Visitenkarte gebraucht. Es scheint, man konzentriert sich derzeit mehr und mehr nur noch um einzelne Songs. Ist Camen denn auch darauf fixiert? - "Eigentlich nicht... Ich habe sogar eher das Gefühl, dass dies vielleicht ein kleines Problem von mir ist. Oft ist es bei anderen Künstlern so, dass sie einen absolut gnadenlosen Hammersong haben und der Rest vom Album ist im Prinzip langweilig... - aber das reicht. Du brauchst eine Single, die kracht, und alles andere ist egal. Ich hingegen habe nach eigenem Gefühl oft viele 90-Prozenter auf dem Album. Mir fehlt der ganz grosse Kracher, auf den die Leute total abfahren, aber die durchschnittliche Qualität des Albums ist sehr hoch."
Die Gefahr des One-Hit-Wonders besteht also bei Camen nicht. Höchstens die, verkannt zu werden. "Aber der Hit ist natürlich wichtig", ist sich Pascal der Gesetzmässigkeiten des Geschäfts bewusst. Und er würde wohl ganz gerne mal tauschen - Camen: "Wenn du auf fünf Alben je einen Hit hast, bist du ja auch kein One-Hit-Wonder mehr. Wir versuchen natürlich immer einen 'Most beautiful song' zu schreiben, wie Lunik sagen würden, aber das kannst du nicht steuern. Du kannst dich schlussendlich auch nicht in die Leute hinein versetzen und sagen, was ihnen gefallen würde. Ich habe mich schon oft getäuscht und hielt einen Song für grossartig, der dann nicht besonders ankam oder umgekehrt verkannte einen Song, den die Leute hören wollen. Deshalb schreibe ich nach Gefühl einfach einen guten Song und der Rest liegt beim lieben Gott."
Das Thema Singles scheine ihm eh noch so zu behagen, werfe ich dann zweideutig ins Gespräch ein. "Wieso? Weil ich Single bin?", fragt der soulige Sänger als könnte er kein Wässerchen trüben. "Das ist natürlich ein Thema in meinem Leben", gibt er zu und lacht, als ich "Groupies" erwähne: "Jetzt ist vor dem Konzert. Groupies sind frühestens nach dem Konzert. Heute war so chaotisch und es ist so viel los, dass ich im Moment einfach diesen Gig gut hinter mich bringen will. Richtig ist, dass ich beim letzten Trespass-Interview Single war und es immer noch bin." Wo ich schonmal so weit bin, versuche ich doch gleich, heraus zu finden, wie man denn eventuell am Konzert seine Aufmerksamkeit erhaschen könnte? Camen: "Wenn man so kommt wie du, erlangt man auf jeden Fall meine Aufmerksamkeit. Zuerst wirkt ja mal das Äusserliche. Alles andere kommt danach. Du weisst, wie es ist: Schlussendlich gefällt dir eine Person oder eben nicht. Wenn sie mir gefällt, kann sie tragen, was sie will - sie gefällt mir. Und wenn nicht, kann sie machen, was sie will und gefällt mir nicht..." Anschauungsunterricht erteilt mir dann während dem Konzert eine Konkurrentin und - puuh - ist mir warm geworden...