Carnation – Cartagena, Colombia (SRM, K-Tel)
Text: Silu
Bilder: Carnation
Es ist eine verregnete Nacht in New York City. Eine Rockband aus Biel hat soeben die letzten Takte ihres Konzertes gespielt. Hinter der Bühne kommt ein gutgekleideter Mann auf die vier Musiker zu und bittet sie, mit ihm zu kommen, um im Club seines Kollegen am selben Abend noch ein Konzert zu spielen. In diesem Club angekommen, macht sich die Band sogleich ans Werk und bringt die Leute zum Tanzen. In der ersten Reihe schwingt der Mann seine Hüften zum Beat – zum Schrecken der vier Musiker ist er in Frauenkleidung gehüllt, er trägt eine Perücke. Nach dem ersten Song springt er auf die Bühne, steht hinters Mikrofon und haucht mit lasziver Stimme: „We have some special guests tonight. From Cartagena, Colombia. Welcome, Carnation!”
Ob sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat, darüber streiten sich sogar die vier Musiker von Carnation. Und was noch viel schlimmer ist: Jeder von ihnen tischt eine andere Geschichte auf, wenn man wissen will, wieso ihr neues Album „Cartagena, Colombia“ heisst. Wenden wir uns also den unumstösslichen Fakten zu: Carnation sind auf ihrem neuen Album reifer geworden, sie haben über weite Strecken Tempo rausgenommen, Streicher hinzugefügt. Und dadurch sind die Songs im Vergleich zu den Vorgängern um ein grosses Stück angewachsen. „Ich hatte schon auf unserem ersten Album den Wunsch, Streicher einzusetzen. Allerdings hatten wir damals nicht genügend Geld dafür“, sagt Carnation-Sänger Raffael Brina.
Anders als beim Vorgänger, „Waxy’s Little Sister“, haben sich Carnation für „Cartagena, Colombia“ mehr Zeit genommen. „Dieses Mal hatten wir rund 40 Songs zur Auswahl und dann mit dem Produzenten zusammen entschieden, welche davon das grösste Potenzial haben“, sagt Raffael Brina. In den Texten verarbeitet er Dinge, die passiert sind – und solche, die hätten passieren können. Und mit „I Can’t Find Myself“ hat es sogar ein Song aufs Album geschafft, der bereits seit acht Jahren existiert. Von ihrer ursprünglichen Idee, zwei EPs zu veröffentlichen, sind sie allerdings abgerückt. „Die Idee, zwei EPs zu veröffentlichen, fanden wir immer gut. Aber wir haben in zwei verschiedenen Studios je vier Songs aufgenommen und die jeweiligen EPs waren letztlich keine coolen Endprodukte“, sagt Bassist Andy Leuenberger. Deshalb hätten sie sich fürs Album entschieden. Ein Schritt, der sich für die Band ausgezahlt hat – ganz egal, wieso das Album nun „Cartagena, Colombia“ getauft worden ist.