Carnation - Ein Osterstrauss voller Nelken
Text: Monthy
Bilder: Monthy/Sandy
Ich weiss schon, zu Ostern sind eigentlich eher Aprilglocken angesagt, allenfalls vielleicht Tulpen. Mir gelüstete es am Ostersamstag aber mehr nach Nelken in musikalischer Form, weshalb ich mich bei Carnations Gig im Kufa Lyss einfand. Bevor er aber auf die Bühne durfte, um das Bsieee 06 blumig abzuschliessen, beantwortete Sänger Raffael Brina mir einige Fragen. Carnation haben diesen Winter ihr zweites Album mit Namen Waxy´s little Sister vom Stapel gelassen und es versteht sich, dass ich zuerst rausfinden will, wer denn Waxy eigentlich ist. Raffael antwortet mit der einem Rock´n´Roller gebührenden Coolness: "Tja, das ist das grosse Geheimnis und wird vielleicht beim dritten Album gelüftet. Der Hintergrund ist nicht so grossartig, wie alle denken. Weil uns aber alle danach fragen, haben wir gedacht, wir machen ein Spielchen daraus." Der Name hat also eingeschlagen, was mein Gegenüber bestätigt: "Ja und es ist eigentlich erstaunlich, wenn man die ganze Geschichte kennt..."
Auf diesem Album mit drauf ist ein wahrer Knaller, nämlich der Song "The band is always right". Ich bitte den Sänger und Gitarristen, mir die Geschichte des Songs zu erklären. - "Ich hatte Streit mit meiner damaligen Freundin wegen der Band. Man ist immer unterwegs, Vorwürfe wie ´Du hast nie Zeit für mich´ und so... Das Resultat: Die Band hat immer recht! Es geht in diesem Song auch darum, dass ich erst mit 17, 18 Jahren angefangen habe, Musik zu machen. Ich bin zwar noch nicht gut - ´sometimes I´m singing out of key´, also: manchmal treffe ich keinen Ton, aber das spielt keine Rolle. Denn die Band hat eben immer recht." Und wo wir gerade dabei sind, spreche ich Raffael auch noch auf das Artwork der CD an, welches zeitlos und doch modern gestylt ausgefallen ist. - "Unser Bassist siebt die Ideen jeweils grob aus und setzt sich dann mit einem Kollegen zusammen, der Grafiker ist. Die beiden bestimmen das Cover, wobei die Band natürlich Vetorecht hat..."
Seit Sly´s Interview Anfang 2005 läuft Carnation - zumindest bei uns - unter dem Begriff ´Stinkefingerrock´. Ich stelle im Zusammenhang mit dem neuen Album einen leichten Stilwechsel in den Raum. Raffael erklärt: "Das mit dem Stinkefinger ist echt lustig. Geändert haben wir uns nicht, wir sind aber jetzt nur noch zu viert. Es ist jedem selbst überlassen, dieses fünfte Glied bildlich an der Hand zu positionieren, aber wir vier haben uns nicht geändert. Die Musik ist alles für uns - die Band hat immer recht, auch die Musik hat immer recht. Nur tönt das nicht so gut - the music is always ri-i-ight..." Der Ort des Geschehens, also die Lysser Kulturfabrik Kufa wird 2007 geschlossen. Ich frage den aus der Gegend stammenden Brina, ob er eine spezielle Bindung zu diesem Schuppen habe und... greife in die Fäkaliengrube. - "Nein, überhaupt nicht. Lokalmatador tönt auch etwas komisch. Ich bin zwar genau zwischen Biel und Lyss aufgewachsen, nämlich in Studen, habe aber überhaupt keinen Bezug zu Lyss. Wir sind alle Bieler, gingen immer in den Kessel. In Lyss spielen wir überhaupt erst zum zweiten Mal."
Und unter Bielern kennt man sich. Brina gibt mir einen Einblick in eine kleine, aber sehr feine Szene: "Ja, wir kennen eigentlich alle Bands, wenn´s nicht gerade Heavy Metal Bands sind, die nur im Keller rumsitzen. Es gibt in Biel vielleicht fünfzehn Bands und entsprechend übersichtlich ist es auch." Fünfzehn Bands, darunter QL, die Treekillaz, Pegasus, San Dimas oder eben Carnation. Das Potential der Region ist enorm und ich will wissen, ob die in Biel was ins Wasser getan haben könnten. - "Es ist lustig - es hat fünfzehn passable Bands und die spielen in fünfzehn verschiedenen Stilen. Es gibt keine Szene im musikalischen Sinn. Unsere besten Freunde sind die Treekillaz, also eine Schublade härter. Trotzdem passt das und wir spielen öfter Konzerte zusammen."
Sly hatte augenzwinkernd vorausgesagt, dass der Zweitling der Nelken eines der bedeutenden Werke dieser Welt werden würde. Ich bitte den Bandleader deshalb um eine erste Bilanz. - Er ziert sich ein wenig: "Ich weiss gar nicht, was ich erzählen darf und was nicht. Sicher ist, dass wir im Mai in Paris vier Gigs spielen, und dann nach London gehen. Alles andere ist ziemlich vage. Ein CD-Release in Japan gegen Ende Jahr ist möglich, eine EP in England steht im Raum. Du weisst ja, als Schweizer Band kannst du keine Forderungen stellen. Wir konnten gute Kontakte knüpfen, waren mit Crash Convention aus England auf Schweizer Tournee und das hat uns schon einige Türen geöffnet. Die neue CD läuft in englischen Lokalradios - also nicht bei BBC One und auch nicht in London."
Jedenfalls stehen Carnation eine Stufe höher als nach ihrem Debut Good Morning Evening und ich erkundige mich, ob man schon darauf achten müsse, die Füsse auf dem Boden zu halten. Raffael winkt lässig ab: "Nein, eigentlich nicht. Wenn du nicht im NME (New Musical Express - DAS Indie-Pendant zum Rolling Stone) bist, ist es noch gar kein Hype... Crash Convention erleben das gerade und ihr Umfeld ist wegen zwei schmal geschriebenen 20-Zeilern total aus dem Häuschen. Sie selbst sind aber völlig normal und können das nicht nachvollziehen." Und wo ich schon die Möglichkeit habe mit einer Band zu reden, die am internationalen Business schnuppert, frage ich, ob einem als Schweizer Band im Ausland die Augen erst aufgingen. Raffael verneint: "Nein, wir sind hier einfach verdammt verwöhnt. Die Technik, die wir hier haben... Wir haben einen eigenen Mischer, nehmen den immer mit. In England kannst du froh sein, wenn einer Hallo sagt, aber das Mikrofon musst du schon selbst aufstellen..." Blumen kriegten hernach aber auch in Lyss nicht die Band, sondern die Leute im Zuschauerraum. Nelken, um genau zu sein - in voller Blüte.