Masters of desaster
Das Konzert der HC-Metaller Cataract am Rocksound Festival in Huttwil kam einem Erdbeben gleich. Schnell, laut, brachial und finster. Ich kann kaum glauben, dass diese ‘Wildsau’ da auf der Bühne der selbe nette Kerl sein soll, der mir vorhin beim Interview gegenüber sass. Bloss gut, hatten wir unseren kleinen Plausch vor seinem Auftritt, denn ich weiss nicht, ob Federico Carminitana hinterher noch eine Stimme gehabt hätte, um mir Rede und Antwort zu stehen... Aber reisen wir circa fünf Stunden zurück, zu dem Zeitpunkt, an dem Sime und ich mit dem Sänger in dessen Garderobe sassen und ich ihn mit Fragen löcherte. Vor etwa eineinhalb Jahren gab es einen Lineup Wechsel bei Cataract. Ende 06, Anfang 07 haben sie sich in gegenseitigem Einverständnis von ihrem Gitaristen Simon getrennt. Es war ein rechter Schlag, weil dieser eines der Gründungsmitglieder war und laut Fedi relativ großen Einfluss auf den Werdegang der Band hatte. „Aber im Nachhinein“, sinniert er, „muss ich sagen: Es war eine Chance, um etwas Neues zu machen und mit dem neuen Album, dem 10-Jahr Jubiläum, haben wir gezeigt, dass wir auch ohne ihn stark sein können, wenn nicht sogar noch stärker.“
Auch mit ihrem Bassisten hatten Catarct ein ‚kleines’ Problem, auf das Fedi nicht näher eingehen will. Nur so viel: Sie mussten ihn quasi rauswerfen, weil er sich anscheinend an der Grenze der Legalität bewegte, oder sogar ein wenig darüber hinaus ging. „Er hat Sachen geboten, die man nicht bieten kann als Bandmitglied und ist jetzt auch nach Deutschland abgehauen habe ich gehört – ist vielleicht besser für ihn.“ Wie auch immer, Cataract haben jetzt ein fixes Lineup und sind damit mehr als zufrieden. Zum einen ist Gitarrist Tom Kuzmic dazugekommen, der schon Banderfahrungen hat und der etwas älteren Generation angehört und quasi als Kontrast kam Bassist Nico Schläpfer, der noch extrem jung ist, dazu. „Nico ist voller Elan und er hat noch nicht 10 Jahre Touren und Konzerte in den Knochen. Er ist eine gute Adrenalinspritze für uns.“ Musikalisch hat vor allem Tom viel Einfluss genommen auf das aktuelle Werk. Er hat sich stark am Songwriting beteiligt und sei zu einem Grossteil verantwortlich für die Melodien, das Prickeln, das sie vorher nicht hatten. Tom brachte Abwechslung in ihren Sound. Und: „Wir haben diesmal, ohne den alten Gitarristen, andere Wege gehen können. Wir waren nicht mehr so limitiert, das hat man schon gemerkt. Von dem her ist alles so richtig harmonisch gewesen und das hört man auf der Platte.“
Was ich persönlich an Festen wie dem Rocksound in Huttwil einfach liebe, ist, die Menschen zu betrachten. Nicht, dass ich mit meiner braun-weißen Winterjacke und Bluejeans jetzt völlig fehl am Platz gewirkt hätte, aber schwarz dominierte doch ganz eindeutig, was die Kleider der Festivalbesucher betraf. An Leder, langen Haartrachten und Bärten fehlte es nicht; Tatoos, Hüte, gothische Samtkleider und Nieten in allen Formen und Arten vervollständigten das Bild. Cataract, die sich ideell eher der Hardcore-Punkrock-Szene zugehörig fühlen, musikalisch aber eindeutig Metal spielen, kümmern sich eigentlich wenig um Äußerlichkeiten: „Unser Publikum ist immer sehr gemischt. Es hat Leute mit langen Haaren, mit Lederjacken oder Leute die aussehen wie die letzten Hip Hopper... Das macht für mich persönlich den Reiz aus, dass wir Leute haben die aus total verschiedenen Ecken kommen. Ich finde das cool.“ Ihre Auftritte sollen so eine Art Begegnungsort für die verschiedenen Szenen und Subkulturen sein. Die Zürcher selbst kommen auch aus ganz verschiedenen Ecken, von 80er Jahre Metal über 90er Hardcore und diese Mischung hat’s in sich. „Es gibt aber immer wieder so 'Die-Hard-Metaller' die das Gefühl haben, Musiker die keine langen Haare haben, können keinen Metal spielen. Denen zeigen wir es dann einfach live auf der Bühne.“
„Für mich persönlich ist Metal ein Medium, um gewisse Frustrationen und Ängste loszuwerden“, erklärt Fedi. Das passt wunderbar zum grimmigen Sound der fünf Zürcher. Der klingt nämlich brutal, schwer und melodisch zugleich. Brachial gethrashter HC, Death- und Grindmetal wird mit groben, dominierenden Rhythmusschlägen, sägenden Riffs und infernalischem, geradezu beängstigendem Geschrei gepaar, das den Boden zum Beben bringt. Die Storys sind generell politisch und sozialkritisch. Es ist dem Sänger wichtig, dass er den Gefühlen, Gedanken - zum Beispiel zu der heutigen Weltsituation oder zu gewissen politischen Sachen sowie zu Persönlichem - die er in sich hat, freien Lauf lassen kann. „Es ist eine Art Ventil und darum ist die Musik auch so aggressiv. Ich kann nicht über Ungerechtigkeiten singen, wenn ich irgend so ein Kuschelrock-Lied mache, das geht einfach nicht.“ Darüber hinaus findet er auch die Texte gegen Nazis wichtig. Besonders in Deutschland sei es ein Problem, dass immer mehr Rechtsextreme an die Konzerte kommen und Stunk machen. Ich muss sagen, ich bin positiv überrascht von der Einstellung des Sängers zu Natur, Nächstenliebe und Menschlichkeit. Fedi ist bewandert, klug, offen und hat das, was ich gesunden Menschenverstand nenne. Fast, wie um noch einen draufzusetzen (und mich endgültig Lobeshymnen singen zu lassen, grins), spielen die Jungs am ersten Viva la Natur Festival in Köln, nach dem Motto "Schwitzen für den Regenwald". „Wir sind selber bemüht, die Umwelt zu schützen so gut wir können. Ausserdem sind drei von uns Vegetarier, einer sogar Veganer... Wir spielen auch viele Benefiz Konzerte. Wenn’s für eine gute Sache ist, ist es uns extrem wichtig.“ Halleluja!
Auch in Zukunft wird nicht geruht bei Cataract. Erster Plan ist, ein professionelles Video zu drehen. Angeblich haben sie bei Sven Epiney im SF 3000 Franken gewonnen, und die wollen sie dort einsetzen. Plan zwei ist die "Hell On Earth Tour". Mit sieben amerikanischen Bands durch ganz Europa. „Ich finde es zwar ein bisschen komisch, dass wir die einzige europäische Band sind...“ Dann folgen diverse Open Airs, Clubshows, Festivals, „...ein cooler Sommer also und sicher eine tolle EM.“