Chica Torpedo - "Chauti Füess und es heisses Füdle"
1.1..2011; Text: Monthy / Bilder: Chica Torpedo
Die weihnachtliche Reisezeit ist eine schwierige, wie wir alle zumindest via Medien in den letzten Tagen wieder erfahren mussten. Manchmal trifft das sogar Leute, die eigentlich gar nicht über die Festtage nach Hause wollen... Chica Torpedo, Schmidi Schmidhausers Latin Combo beispielsweise, mussten-durften am 28.12. im Zürcher Moods zum Konzert antreten. Der anhaltende Schneefall - Zitat Schmidi: "Schneesturm, schon bei uns..." - sorgte auf der Anfahrt nicht nur für kalte Füsse sondern auch für Verspätung. Der normale Ablauf kam so etwas Durcheinander. Ich, ein kleiner zusätzlicher Störfaktor, hatte mich ohne Zeitangabe fürs Interview angemeldet. Dienstags macht man so etwas aber lieber vor dem Konzert insbesondere siehe Anfang. Als ich um 18.30 Uhr im Moods eintraf, eröffnete mir Schidi, der Soundcheck dauere etwa bis 19 Uhr. Während des Checks revidierte er das schon von der Bühne herab. Tatsächlich war er dann um 19.30 Uhr beendet. Der geplante Konzertbeginn allerdings blieb unverändert bei 20.30 Uhr. In dieser Stunde musste sich die Band unter anderem auch noch verpflegen. Andere Musiker wären meinem fragenden Blick nun wohl eher ausgewichen und hätten mich mehr oder weniger freundlich um eine Verschiebung des Interviews bis nach dem Konzert gebeten. Aber Schmidi ist eben nicht nur cool - er bleibt es auch in so einer Situation. Also talken wir 19.35 Uhr backstage zwischen Tür und Angel, was für Schmidi ja auch irgendwie bildhaft stimmt an diesem Vorabend.
Als ich zu Beginn frage, wie sehr es denn nun die Arbeit und das Vergnügen eines Konzerts beeinträchtige, wenn man so in ein Zeug hinein komme, relativert Schmidhauser erstmal das Bild des normalen Ablaufs: "Man meint immer, Musiker würden viel Zeit damit verbringen, an der Bar abzuhängen. Aber irgendwie ist das gar nicht so... Man kommt an, stellt auf, macht den Soundcheck, gibt Monthy ein Interview, was natürlich eine grosse Ehre für mich ist, isst und dann geht's ab. Nach dem Konzert wird abgebaut, CDs werden unterschrieben, Hände geschüttelt und man ist wieder weg. Das macht in etwa einen solchen Arbeitstag eines Musikers aus." Am Soundcheck könne er vermutlich kaum Zeit einsparen, mutmasse ich, den müsse man ja so oder so seriös machen. "Wir machen ihn so seriös wie er möglich ist", erhalte ich zusammen mit einem Schmunzeln auf den Lippen zur Antwort, "An einem Festival hast du beispielsweise nur eine halbe Stunde Zeit, hier hatten wir jetzt doch etwas länger und waren ganz froh darum."
Den Unterschied zwischen dem vorletzten Album "Unger mire Hut" und dem letzten "Chauti Füess und es warms Härz" kann man auf einen Nenner bringen - Anselmo ist wieder zurück. Anselmo Torres, der peruanische Nachbar von Schmidi trägt den spanischen Gesang bei und ist als echter Lateiner in einer Band bleicher Schweizer auch sonst eine spezielle Zutat in der Salsa, die Chica Torpedo konsequent seit Jahren köchelt. Da ich weiss, dass bei Chica sonst eigentlich nur Schmidi sagt, wo's langgeht, frage ich, ob Anselmo und seine spanischen Texte eine Entlastung für ihn darstellen? - "Keine Entlastung, eine Ergänzung..." eröffnet er mir und gibt tieferen Einblick, "Er ist mein Nachbar, der zufällig Congas spielt und den ich genauso zufällig immer wieder mal habe spielen hören. Ich hielt ihn sofort für einen 'geilä Siech' und so haben wirs miteinander versucht. Ich habe mir auch nie wirklich Gedanken über diese Multikulti-Fusion gemacht. Anselmo gehört einfach zu uns. Er ist mein Nachbar..." Die kleine Geschichte könnte glatt einem Song Schmidis entsprungen sein. Der "geile Siech" ist in Berns Kulturszene übrigens DIE Adligsprechung überhaupt und geht ursprünglichl auf Züri West zurück. Den musikalischen Beitrag Anslemos zu Chica Torpedo beschreibt Schmidhauser wie folgt: "Er bringt etwas sehr Urchiges mit in unsere Musik ein. Etwas, das wir höchstens nachäffen könnten und darum gerne ihm überlassen. Wir haben da halt schon unsere europäische Art. Anselmo's Art Musik zu machen, hat eine Tiefe, die bei mir vielleicht mehr in den Texten liegt." Er bemüht dabei auch den herrlichen Begriff, des "Schmidischen Mixes", den sie machen würden.
In einer Konzertwerbung am nächsten Tag für die Mahogany Hall auf Radio DRS 1 wurde dieser beschrieben als "Mambo und Salsa mit etwas Funk". Nun bin ich kein Spezialist, was die einzelnen Rhythmen angeht. Den Cha-Cha-Cha besingt Schmidi aber wörtlich in einem Song und irgendwie habe ich das Gefühl im Hinterkopf, einen Tango müsste es auch schon gegeben haben. Raggamuffin-Einlagen gibt's bei Chica auch und die Gitarre, die Schmidi um den Hals hängt, kommt ebenfalls aus dem karibischen Raum - ein Très cubano. Bei dem Nord-Süd-Gefälle bleibt mir eigentlich nur, den Maestro selbst um eine geografische Präzisierung auf der Latin-Landkarte zu bitten. "Schwierig zu sagen - wahrscheinlich irgendwo zwischen Mani Matter und Kolumbien. Viele unserer Elemente sind sehr folkloristisch. Etwas das ich in unserer Ländlermusik auch wieder erkenne. Mani Matters Chansons eignen sich wiederum ganz hervorragend für Latin-Musik. Und so ist das eigentlich immer. Man nimmt etwas, das von weit her kommt und stellt schliesslich fest, dass es das Gleiche ist, was wir hier in einer anderen Form auch haben. Es kommt einfach darauf an, dass man bei dem was man macht, sich selbst entspricht. Latin-Musik ist für mich deshalb auch etwas langsamer, ruhiger und gemütlicher als es bei den Latinos selbst der Fall ist. Die Bläser gehen bei uns auch nicht so hoch. So suchen wir uns einfach unsere ganz eigene, zu uns passende Form."
Mir persönlich fahren die Latin-Rhythmen extrem in die Beine - mehr als eigentlich sonst eine Art Musik. Ich kann dazu nicht still stehen. Bei den Konzerten, steht Schmidi dagegen wenn auch nicht bockstill so doch eher ruhig auf der Bühne. Wie fühlt sich das denn für ihn an? - Schmidi: "Ich bin natürlich schon nicht so der Tänzer... sondern vielmehr der Musiker. Wenn ich ein Instrument in Händen halte, läuft der Tanz bei mir über die Finger, den Gesang und den Ausdruck. Manchmal packt's mich aber schon und ich gebe dem auch schon mal nach, aber einfach nicht zu lange. Denn ich weiss genau, dass ich so gut nicht tanzen kann. Und es macht dann schon einen Unterschied, ob du im Publikum stehst oder auf der Bühne oben, wo dich alle sehen können. Wir wollen den Leuten zwar etwas bieten, aber in der Beziehung will ich mich absolut nicht übernehmen." Ablenken könnte es ihn hingegen nicht. Dafür ist er zu sehr Musiker - "...und es sind eben meine Songs", ergänzt er meine Nachfrage. Zum Abschluss komme ich wieder auf den Stress durch die Verspätung zurück. Ob denn jetzt das Konzert so relaxt sein könne, wie bei normaler Vorbereitung, frage ich präzise? - Schmidi bleibt sich auch in dieser Antwort treu: "In der Musik ist der Normalfall nicht unbedingt der Idealfall. Die besten Konzerte haben wir unter den widrigsten Umständen gespielt und das ist ja gerade das Interessante daran. Wenn man denkt, wie kommt das heute bloss raus, wird's das beste Konzert und wenn du denkst, heute könne nichts schiefgehen, hast du kein Feuer unterm Allerwertesten..."