Chlyklass braucht grosse Bühnen
Betrachtet man die Geschichte der Chlyklass etwas genauer, fällt auf, dass vor dem Chlyklass-Album sämtliche Chlyklass-Members ihre eigenen Soloprojekte veröffentlicht haben - ein Phänomen, dass es in der Musikwelt selten gibt. Auf die Frage, ob es nicht logischer gewesen wäre, zuerst ein Chlyklass-Album zu bringen und dann die einzelnen Solo-Acts als "Part of Chlyklass" zu promoten meint Poul Prügu: "Promotechnisch wär das sicher interessant gewesen. Die einzelnen Acts haben sich zwar schon früh unter einem Dach zusammengeschlossen, aber trotzdem in Eigenregie ihre eigenen Dinge durchgezogen - und damit auch bewiesen, dass sie was auf dem Kasten haben und ready sind für ein Chlyklass-Album." Speziell und nicht alltäglich will die Chlyklass auch live sein. Da wird nicht einfach nur gerappt - da wird HipHop gelebt. Auf dem Gurten etwa mit einer Sprayer-Performance, dem Klassiker "A dr Aare" mit Trompeten-Support und einem Gastauftritt des Berner Kult-Sprechgesangskünstlers Kutti MC. Und wieder tauchen die Themen Community und HipHop als Gesamtkunstwerk auf. "HipHop ist ein Community-Ding und dem wollen wir nachleben", macht Poul klar, "denn eigentlich kommen Sprayen und Breaken im HipHop noch vor Rap und DJ-ing."
"D´Heufti vo Schwizzer Releases chunnt vor Chlyklass", lautet sinngemäss eine Textzeile auf der aktuellen PVP-EP "Aus abfackle". "Das ist vielleicht etwas hoch gegriffen", gibt Diens zu. "Aber uns ist wichtig, dass wir uns ständig weiterentwickeln. Wir wollen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Was der Rest macht, ist uns eigentlich egal." Womit wir wieder beim Thema Marketing ankommen. Poul räumt zwar ein, dass es nicht immer einfach sei, wenn innerhalb kürzester Fristen verschiedene Releases aus dem gleichen Haus kommen, "aber es hat uns die geholfen für vier, fünf Jahre dauernd im Gespräch zu bleiben - und nicht zuletzt auch die Möglichkeit gegeben, jetzt auf grossen Festivals zu spielen." Da drängt sich natürlich die Frage auf, ob diese "marketingtechnische Narrenfreiheit" jetzt unter den Fittichen des Majors SonyBMG immer noch gegeben sei. "Wir haben bisher das ganze Marketing in Eigenregie erledigt. Das war zwar gut - aber jetzt geht in Sachen Promo noch mehr die Post ab und das ist mir sehr wichtig", erklärt Poul. Der Gang zum Major ist also nichts, als die logische Konsequenz auf dem Weg der Chlyklass, sich ihre Position an der Spitze der Schweizer HipHop-Szene zu festigen - auch wenn Diens understatet und meint: "Wir sind vielleicht Teil der Spitze im Schweizer HipHop." Und Poul fügt an, dass Tafs, Sektion Kuchikäschtli und Bligg zusammen vielleicht die selbe "Macht" hätten, wenn sie sich unter einem Dach zusammenschliessen würden. - Aber sie habens nicht getan - und damit wären wieder bei einer der zentralen Zutaten des Chlyklass-Erfolgsrezepts: Cleverness!
Text: Ko:L
"Grosse Qualität heisst nicht, dass es mit grosser Quantität auch immer gleich klappt", sagt Diens - und will damit sagen, dass die Chlyklass-Members ihre Zeit brauchten, bis sie sich so gefunden haben, dass sie reif für die grossen Bühnen waren. Denn 11 Leute auf einer Bühne - das ist anspruchsvoll: "Wir brauchten drei, vier Konzerte, bis sich eine gewisse Routine eingespielt hatte", erklärt Poul. "Es geht auch nicht ohne Planung", fährt er fort. "Es muss klar sein, wer wann was sagt - sonst beginnen wir plötzlich einander dreinzureden. Aber Freestyle ist uns ebenso wichtig - die Spontaneität soll ihren Platz haben." Kommt dazu, dass sich unter dem Chlyklass-Dach eigentlich vier Acts vereinen. "Wenn wir ein Set von fünf Viertelstunden zusammenstellen und jeder seine ein, zwei Hits einbringen will, müssen wir schon genau schauen, was wir bringen und wie wir die Sache unter einen Hut bringen."
11 Leute sind in der Chlyklass. Und wenn die Weltwoche geschrieben hat, der Name sei beim Berner HipHop Kollektiv Programm, dann ist das nur bedingt richtig. Zutreffen mag diese Aussage, wenn ein intellektueller Journi nicht verstehen kann, wie sich ein Paar junge Herren mit Mikrofonen, Spraydosen und Plattentellern vergnügen können - wobei hier die Frage erlaubt sei, wer über einen beschränkten Horizont verfügt. Denn die Chlyklass hat in der Schweizer HipHop Szene geschafft, was vorher noch niemandem gelungen ist: Dank einer höchst cleveren und enorm dichten Abfolge von Releases einzelner Acts (PVP, Greis, Baze, Wurzel5) haben die Bärner Räpper ihren Namen in den letzten fünf Jahren praktisch nonstop promoten können - um jetzt endlich das lange erwartete "Gesamtkunstwerk" an den Start zu schicken.
"Ke Summer" heisst die Platte - und ist eigentlich falsch betitelt. Denn die Jungs von der Chlyklass erleben einen grossartigen Sommer - sie spielen auf den grossen Bühnen diversester Festivals. Unter anderem auf dem Gurten, wo ich die Gelegenheit hatte, Poul Prügu und Diens zu interviewen.