Ehrlich ohne Kompromisse: Clod!
Text: Ko:L
Bilder: musicbild.li
„I’ve been to Berne, I’ve been to Zurich. I’ve been to Barcelona, been to Rome. I’ve been to Marseille, I’ve been to Granada. So many places I’ve been gone”, singt Clod in “J @ nine”. Alles gelogen. “Wenn ich vom Emmental die Schnauze voll hätte, wäre ich schon lange gegangen“, sagt der 24-Jährige. Seine Reisen sind seine Lieder. Seine Lieder sind seine Reisen. „Ich mache Musik für mich, sie ist für mich eine Art Tagebuch.“ Später im Gespräch nach dem Konzert am Acoustic Elite Monday nimmt er vor dem Café Elite in Langnau auch noch den Begriff „Psychotherapie“ in den Mund. Kein Wunder, hat der Mann doch Psychologie studiert. Logisch, dass sein Sound umso ehrlicher ist, wenn’s richtig ernst wird: „I hope your death will come soon. I paid the gas bill”, singt Clod in „Gas bill“. – “Ich habe den Song geschrieben, nachdem ich habe zusehen müssen, wie Dunkelhäutige nur wegen ihrer Hautfarbe verprügelt wurden.“ Die Abrechnung mit den Schlägern ist gnadenlos. Zumindest inhaltlich. Musikalisch bleibt Clod dabei ruhig. Je ruhiger, desto giftiger? „Ja genau, das kannst du so sagen!“
Steht Clod auf der Bühne, bietet er ein beeindruckendes Bild von einem Mann: 1,92 Meter gross, Mütze tief ins feingliedrige und freundliche Gesicht mit warmherzigen braunen Augen gezogen, gepiercte Unterlippe, Schwarzes Halstuch im Stil eines Cowboys – oder im Stil eines Outlaws?, dazu ein Shirt von den Foo Fighters, und die Arme, die in diesem Shirt stecken und die Gitarre fest im Griff halten, zieren Tattoos. Seine Stimme ist dynamisch, genauso sein Gitarrenspiel. Irgendwo zwischen dem jungen Bob Dylan und The Nightwatchman Tom Morello inszeniert sich der Songwriter, ohne dass er sich inszenieren will. „Wenns den Leuten gefällt, freut mich das. Aber wenn jetzt zwanzig Nasen kommen und sagen, ich habe Schrott gespielt, ist mir das auch egal.“ Er brauche die Musik als Ventil. „Anstatt dass ich irgendwo reinschlage, schreibe ich Lieder. Anstatt, dass ich irgendwen zutexte, erzähle ich meiner Gitarre, was ich erlebt habe.“
Und weil die Gitarre nicht nur eine gute, sondern auch leicht unkritische Zuhörerin ist, der Anstandsformen und so ziemlich egal sind, wird die Sprache, in welcher Clod seine Geschichten erzählt oft ziemlich direkt. „Babys kneels down and plays my flute.“ Oder eben der mit der Gasrechnung an die Adresse von Nazis und anderem Gesindel. „Entweder ein Song kommt sofort und funktioniert – oder es gibt nichts daraus“, sagt Clod. „Wenn ich mehr als zwei mal an einer Idee rumzubasteln beginne, ist sie eigentlich schon gestorben.“ Emotional ist er. Schreibt mit Vollgas, wenn er was zu sagen hat – oder lässt’s bleiben, wenn’s grad nichts zu sagen gibt. Und dabei – aber wahrscheinlich nur dabei – folgt der Emmentaler einem klassischen Klischee: „Wenns mir schlecht geht, schreibe ich Songs. Wenn’s mir gut geht, habe ich nichts zu sagen.“
“That place was on fine earth: There was a J @ nine in a green field of paradise. It seemed to be a cross road, an accidental meeting for one contact and a sweet thing”, heisst es in “J @ nine”, dem Song vom Anfang dieses Textes, übrigens weiter. Das Lied spielt weder in einer Grossstadt, noch am anderen Ende der Welt. Der Song berichtet von all den schönen Sachen, die man(n) an einem Rockfestival kennen lernen kann und von all den schönen Menschen, die man(n) an einem Rockfestival konsumieren kann. Oder umgekehrt? Oder beides? Clod weiss es – und lächelt zufrieden. Denn sein Ziel ist erreicht: Man hat ihm zugehört und sich ein paar Gedanken gemacht…