Da Cruz - Zwischen Fieber und Schüttelfrost
Text/Bilder: Monthy
Nein, mit der Schweinegrippe hat dieser Artikel gar nichts zu tun. Mariana da Cruz, die weibliche Hauptdarstellerin in der Geschichte stammt schliesslich auch aus Brasilien und nicht aus Mexiko. Kalt und heiss wird einem bei Da Cruz wegen der Musik und nicht wegen Bazillen. Verzaubert von der lebensfrohen Sängerin flirte ich in der Frauenfelder Artist Area denn auch gleich drauf los: "Die Hitze kann ich sehen, aber woher kommt denn die Kälte von Da Cruz?" Sie lächelt und blickt zur Seite. Nicht etwa aus Verlegenheit, sondern weil dort das kühle Element sitzt. Ane Hebeisen, ein Berner Elektro-Urgestein, übernimmt die Verantwortung: "Das ist die Schweizer Gletschermusik, die sich da in unserer Musik breit macht. Wir machen da schon irgendwo einen Balanceakt mit den brasilianischen und den elektonischen Elementen. Und die kommen von mir." Ich entgengne: "Urtypischer Schweizer Industrial eben" und spiele darauf an, dass Ane einst Mitglied der Swamp Terrorists war und damit meine spätere Metal/Elektronik-Leidenschaft zumindest vorgespurt hat.
Schon wende ich mich aber wieder Mariana zu und frage, welche Art von Latin Musik sie denn früher gemacht habe. - "Ich habe meistens traditionelle Musik gemacht. Ane hat mich dann dazu ermutigt, etwas Neues auszuprobieren. Etwas moderneres mit klassischem Hintergrund." Ane erzählt, wie er X in Lissabon "gefunden" hat und was dann passierte: "Ich war damals gerade auf der Suche nach einem neuen Projekt, einer neuen Sängerin. Irgendwie hat das ganz einfach gepasst. Ich bin also mit meinem mobilen Studio ein paar Mal nach Lissabon geflogen und wir haben an Stücken gearbeitet. Dann haben wir uns dazu entschieden, ein ganzes Album aufzunehmen und sie ist in die Schweiz gezogen. Seitdem läuft das." Ich komme nochmal auf die Temperatur zurück und frage, ob sie Brasilien vermisse. Mariana: "Nein, jetzt nicht mehr so sehr. Geht schon. Ich muss nach vorne schauen." Ane wirft ein, dass Sao Paulo auch gar nicht so warm sei, wie man meine. Dass er sie in Lissabon gefunden hat, entbehrt nicht einer gewissen Logik. Die portugiesiesche Hauptstadt ist von kolonialen Zeiten her Destination Nummer eins vieler Exil-Brasilianer. Von dort ging es dann quasi auf Weltreise. Mariana: "Zuerst auf die Alp! Und ich kannte dieses Bild natürlich aus einem Magazin. Blauer Himmel, weisse Berge - das totale Cliché eben. Aber als ich dann dort war, hatte ich sooo starke Gefühle. Es war toll, dort zu bleiben und zu arbeiten. Es gibt mir sehr viel Inspiration."
Die technischen Möglichkeiten in Brasilien sind natürlich auch gegeben. Wie steht es aber mit der Infrastruktur in der aufgeräumten Schweiz? - Mariana: "Ich brauche zwar schon auch Ruhe zum Arbeiten, aber manchmal auch ein kleines Chaos. Das war also in Brasilien nie ein Problem für mich." Die beiden spielen nicht nur auf der Bühne mit den Temperamenten und Mentalitäten sondern überhaupt. Da ist auch für den Ausgleich gesorgt. Ane: "Nachdem wir das erste Album auf der Bettmeralp gemacht hatten, sind wir dann fürs zweite nach Brasilien gefahren und haben dort ein Studio gemietet, viele Sachen vorproduziert. Vielleicht klingt es auch deshalb ein wenig urbaner. Wir haben auch mit einem lokalen Perkussionisten gearbeitet, der zu den vorprogrammierten elektronischen Beats spielte. Das Album ist primär in Sao Paulo entstanden." Diese sei zwar eine Grossstadt, aber eine, die sich den Charme erhalten habe, erzählt die Brasilianierin mit doch glänzenden Augen und weiht mich ansatzweise in die Unterschiede zwischen dem lachenden Rio und dem urbanen Sao Paulo ein. Laut Ane soll es dort Sounds geben, die noch kaum ein Europäer je gehört habe.
Für den Elektroniker von Da Cruz muss das auch ziemlich interessant sein. Ane: "Schon in meinen früheren Projekten, war es eigentlich immer das Ziel, die elektronischen Elemente möglichst zeitlos einzubringen. Das hat sich dadurch nun nicht verändert. Die grosse Herausforderung mit elekrtonischen Klängen ist wirklich die, nicht nach zwei Jahren bereits verjährt zu sein. Von dem her setze ich die Technik auch schon möglichst organisch ein. Wenn ich an einer Base Drum arbeite, tönt das vielleicht auch schon nach einer brasilianischen Trommel." Ich folgere, dass ihm zuträglich sein dürfte, dass die lateinischen Rhythmen wie Bossa Nova schon einen sehr klassischen Touch mitbringen. Ane: "Diese Verbindung und Vermengung ist eben das, was mich besonders interessiert. Wobei man schon noch gerade merken darf, dass es nicht alles instrumental gespielt ist." Latino Musik - wobei selbstredend nicht von Costa Rica bis Buenos Aires alles generell gültig ist - verharrte lange in den klassischen Werken. Dann aber wurde sie von der Popkultur mehr und mehr aufgesogen. Rumba, Samba, Tango, Bossa Nova - wurden plötzlich alle hip und hitparadentauglich. Ich nutze die Gelegenheit, zwei Experten vor mir zu haben und frage, wie sie diese Explosion der Latin-Musik sehen. Ane: "Das Potential ist wohl schon ein wenig ausgeschöpft. Gerade die Fusion elektronische mit brasilianischer Musik. Da gab es so viel fragwürdige Sachen. Also diese sogenannten 'brasil flavoured' Tracks, wie das damals hiess. Viele wirklich schlechte Produktionen haben das ganze Potential eigentlich zerdrückt. Im Moment merkt man in Brasilien eher eine Öffnung in Richtung psychedelischer Musik. Das Elektronische ist eigentlich ziemlich durch. Bei uns war's lustig zu sehen, wie die Leute reagiert haben. Wir waren ja auch auf Tournee in Brasilien und wurden eigentlich als etwas total Neues wahrgenommen."
Die Strömung aus Brasilien ist konkret abgeflaut, sagen Da Cruz und Ane führt aus, warum die Brasilianer nun von einer Brasilianierin überrascht wurden: "Es gibt momentan nur einzelne Exponenten, aber keine brasilianische Strömung. Wir wurden deshalb als eigen angesehen, weil es momentan entweder sehr experimentell, sehr abgedreht oder dann gleich Grossleinwandpop sein muss. Wir sind da in eine Schnittmenge hinein geraten, die es sonst fast nicht gibt. Die Leute empfanden nun beides bei uns, also dass es einerseits eingängig ist, andereseits ein wenig abgedreht. Wir waren wiederum sehr erstaunt darüber..." Die neueste brasilianische Strömung komme demnach von der Bettmeralp, folgere ich und frage Da Cruz, wie es denn nun weitergehe? - Ane: "Wir sind schon dabei, das neue Album aufzunehmen. Heute waren bereits fünf neue Songs unter den zehn, die wir gespielt haben. Nach dem ersten Album hatte ich so den Marathon-Effekt. Also wie wenn du als Läufer am Ziel gefragt würdest, wann du wohl den nächsten bestreiten möchtest und du bist einfach nur ausgelaugt. Jetzt vom zweiten zum dritten Album ist es einfach geflossen. Es sind so viele Ideen im Raum, täglich kommen neue dazu. Momentan arbeite ich gerade an einem Stück, das mehr nach deutsch-amerikanischer Freundschaft klingt, denn nach brasilianischen Elementen. Es gibt also gar keinen Koller und auch keine Ausrichtungsschwierigkeiten. Funkige Elemente werden vermutlich stärker gewichtet sein, afrikanische auch. Wir werden dann auch noch nach Brasilien gehen und die Stücke können durchaus noch etwas Richtung annehmen. Aber vom Kern her wissen wir etwa, wo es hingeht." Dass es für sie ein zweischneidiges Schwert war, den Samstag auf der Hauptbühne des Openairs Frauenfeld zu eröffnen, sei hier auch noch erwähnt. Tagwache war entsprechend um 6 Uhr früh. Trotzdem strahlt Mariana und meint: "Es war nicht einmal so schwierig, so früh anzutreten. Und es war doch gut und hatte immehrin einige Leute." Na dann, aufs nächste Jahr. Gleicher Ort, etwas später?