Da Cruz mögens heiss und nächtlich
20.8.2011/Text: Ko:L, Bilder:
adrenaline-pictures.ch
Dass die Temperaturen am Openair Gampel beim spätnächtlichen Auftritt von Da Cruz in angenehm kühle Regionen gesunken waren, mag als Ironie des Schicksals erscheinen und soll nichts über die Hitze aussagen, welche das bernisch-brasilianische Projekt auch am Morgen um zwei Uhr noch von der Bühne strahlen liess. Dabei hatte Band-Mastermind Ane schon vor der Show selbstbewusst gesagt: „Bisher haben sich Night-Sessions für uns als geeignet erwiesen.“ Sprich: Spätnachts tanzt sich's gut zu den heisskalten Rhytmen Da Cruz – auch im Wallis. Caipirinha oder Weisswein intus, macht da keinen Unterschied. Er sollte Recht behalten und die Band den Tatbeweis erbringen. Auch nach einem Electro-Gewitter wie jenem der Chemical Brothers standen der Programmer und die Sängerin mit Gitarrist, Drummer und Bläsern aufrecht auf der Bühne und standen in Sachen Energie der Vollgas-Show der Engländer in nichts nach.
Verbrieft ist die Da Cruz-Geschichte von Electro-Tüftler Ane, der in Lissabon Bossa-Frau Mariana Da Cruz kennen lernte und mit ihr anfing, heisse Brasil-Rhythmen mit kühlen Club-Beats zu mixen und zu einem völlig neuen Sound-Gebilde zusammenzubauen. In Gampel berichtet Ane, angesprochen auf seine Vergangenheit als Mitglied der Swamp Terrorists, einer der kompromisslosesten Industrial-Acts aller Zeiten: „Hmmm... man könnte sagen, dass der Ursprung von Da Cruz schon zu Swamp Terrorists-Zeiten gelegt wurden. Wir spielten an einem Festival in der Heimatstadt der Brasil-Metaller von Sepultura und daneben spielten unzählige dieser brasilianischen Bands. Da wurde ich möglicherweise mit diesem Virus angefixt.“ Nun – bis es mit Da Cruz losging, sind einige Jahre und sogar eine Solo-Platte ins Land gezogen. Der rote Faden ist aber denoch – oder umso mehr – erkennbar.
Und dieser rote Faden zieht sich durch die drei Alben, welche Da Cruz mittlerweile veröffentlicht haben, nahtlos weiter. Wirkte das Debut „Nova Estaçâo“ noch eher wie ein Zusammenfügen verschiedener Kulturen, ist das jüngste Baby „Sistema Subversiva“ nahe daran, der Anfang eines neuen, ganz eigenen Sounds zu sein. „Natürlich sind wir näher zusammengerückt“, sagt Mariana, und Ane betont: „Am Anfang war der gegenseitige Respekt noch sehr gross, wir haben uns beide zurückgenommen, um das Gegenüber nicht zu drängen.“ Diese Berührungsängste haben sie für „Sistema Subversiva“ nun völlig beiseite legen können. „Wir fragen uns auch praktisch nie mehr, ob das, woran wir gerade bauen, noch Da Cruz ist oder nicht“, sagt Ane. „Wir machen einfach.“
Und das ganz offensichtlich mit Erfolg. Ihre Alben werden bei Weitem nicht nur in der Schweiz veröffentlicht – auch die USA und selbstverständlich Brasilien werden beglückt, aber ebenso Japan, Deutschland oder im kommenden Herbst auch Frankreich und England. So kommt es, dass die Schweiz weiter von Polo Hofer oder Bligg spricht, während Da Curz in Jazz-Clubs in Wien ebenso spielen, wie an Electro-Events in Frankreich und ihre neue Single auf Platz 3 der US College-Radiocharts platzieren. „Ja, es fühlt sich so an, als wären wir heute mit Da Cruz weiter, als wir mit Swamp Terrorists je waren“, mutmasst Ane, und Mariana betont: „Gerade 'Sistema Subversiva' hat sich wesentlich schneller wesentlich weiter entwickelt, als wir es gedacht haben.“ Die beiden können so einen Traum leben, den unzählige Schweizer Künstler nicht einmal zu träumen wagen. „Neulich hat mir ein bekannter Mundart-Sänger gesagt, er fände es so geil, dass wir schon in London spielen durften und er würde das auch so gerne einmal tun. Ich habe ihm gesagt, er solle doch geniessen, was er hier habe mit Shows als Headliner auf Hauptbühnen aller angesagten Festivals.“ Denn, betont der Vollblutmusiker, alles habe auch eine Kehrseite. So seien viele der Shows, die sie spielen, nicht immer die grossen finanziellen Erfolge. „Aber es bewegt sich und der Samen der Pflanze, der damals in der Heimatstadt von Sepultura gepflanzt wurde wächst und wächst“, sagt Ane, während Mariana daneben nicht nur zufrieden lächelt. Sie entzündet, so scheint es, schon mal das innere Feuer, um dann parat zu sein für das spätnächtliche Gampjer Publikum.