Dee Day Dub - verkünden die Chaos Theorie
Text/Bilder: Monthy
Das einleitende Bild sagt für einmal mehr als ich mit meinen tausend Worten... Denn wo man auf den ersten Blick "nur" eine Liveband und eine Sängerin mit Megaphon sieht, steckt an diesem Abend im Zürcher Moods einiges mehr dahinter. Dee Day Dub verkünden ihre "Chaos Theory", ein Werk, das man zwar als Konzeptalbum verkaufen könnte, das aber kaum so geplant war. Hinter Dee Day Dub steckt das musikalische Mastermind Singha Dee- auf dem Bild sinnigerweise am Schlagzeug sitzend... Ihn kannte ich bisher beispielsweise als kühlen House-Clubber im "Private Project". Der Mann hat aber nicht nur ein Flair für elektronisches Spielzeug. Eine ganz andere Leidenschaft sind Jam Sessions. Und die sind auch der Ursprung einer Band, die im wahrsten Sinne des Wortes Entwicklungspotential hat.
Zu viert stehen sie auf der Bühne, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Dabei hat Singha in jüngerer Vergangenheit sogar mindestens zweimal den grossen Teich überquert. Der New Yorker Einfluss zeigt sich denn auch in seiner Musik. Doch ist es schon beinahe müssig, über die stilübergreifende Sogkraft der Ostküsten-Metropole zu berichten. Mit Singha hätte ich wohl trotzdem darüber debattiert. Dass ich eine halbe Stunde nach dem Gig aber mit Sängerin Brandy Butler talke, hat vor allem praktische Gründe - und auch sein Gutes. Denn für die Intrumentalisten leuchtet mir das Prinzip von Jam Sessions für Songwriting total ein. Für die Vokalistin hingegen ist es doch etwas komplizierter, stelle ich mir so vor...
So chaotisch, wie es der CD-Titel in den Raum stellt? - Brandy relativiert etwas: "Das ganze ist schon etwas zweigeteilt. Da ist einerseits die Bühnenperformance. Die Jam Sessions, die Bandleader Singha seit zwei Jahren etwa einmal im Monat organisiert, sind dagegen wirklich frei von einem Thema. Einfach nur jammen. Was passiert, wird zugelassen. Das ist manchmal tatsächlich sehr fremd und anders, manchmal aber auch nur pur und frei." Ich hake nach, wie es denn nun ihr persönlich am Gesang mit Improvisieren und trotzdem eine Form finden so ergehe. "Ich war ursprünglich auch Instrumentalistin", holt die Frau aus, die bei der Zugabe nichts weniger als eine Tuba geschwungen hatte, "...und erst in zweiter Linie wurde ich dann Sängerin. Zudem komme ich aus dem Jazz und bin es mir daher gewohnt zu improvisieren."
Spezifisch sucht sie den Punkt im Chaos, wo es ihr wohl sei, meint die stimmgewaltige Brandy ganz im Sinne des Erfinders. Den Unterschied zwischen sich und anderen sieht sie vor allem, darin dass sie Songs bauen will, während bei anderen die Musik oft fast etwas zum Selbstzweck verkomme. Dies ist bei Dee Day Dub erstaunlicherweise nicht der Fall. Man müsste doch meinen, je mehr man spiele, desto mehr könnte es irgendwann ausleiern. Für "Chaos Theory" hat Singha Dee denn auch aus nicht weniger als 35 Stunden Material auswählen dürfen beziehungsweise müssen.
Mich interessiert, ob es während den Sessions irgendwann ein Gefühl gebe, wo Brandy den Song kommen spüre. "Es gibt während jeder Session den Punkt, wo wir uns alle gefunden haben", definiert sie den Moment etwas anders und erläutert weiter, "Das Ganze dauert insgesamt so an die zwei Stunden, gipfelt aber eigentlich in dem einen Moment, wo plötzlich alle durchschnaufen." Als Sängerin hat Brandy zwei Möglichkeiten. Einerseits ihre Stimme, andererseits die Worte als Verpackung. Findet sie diese auch schon in den Jam Sessions oder muss sie sie extra erarbeiten? Brandy: "Da gibt es beides. Oft entsteht schon während den Sessions etwas konkretes. Einige Songs wurden dies erst beim Zusammenschnipseln dieser mehr als dreissig Stunden Material."
Es kann sein, dass ich mich vom Namen Singha Dee oder auch vom Wörtchen Dub im Bandnamen habe irritieren lassen. Aber bei Dub denke ich vor allem an Loops und höre das Schleifen der Plattenspielernadeln. Ska und Ur-Reggae bildeten für mich bisher das Rückgrat dessen, was ich als Dub kenne. Dee Day Dub spielen eher eine karibische Rockvariante, die ich so nur von einer Band namens Psycho Key aus St. Lucia und Genf kenne. Allenfalls ist es mit den sanfteren Werken von Dubwar zu vergleichen. Der karibische Einschlag bei Dee Day Dub stammt nicht unwesentlich von Brandy's Stimme, die komprimierten Soul in sich trägt. Zudem wendet sie auch irgendwann das Reggae-typische Toasting - mehr über dem Sound gesprochen als gesungen - ganz authentisch an. ...und zwar ziemlich intuitiv, wie mir Brandy mit einem Lächeln in den Augen zugesteht: "Eigentlich komme ich total vom Soul her. In meiner Familie wurde schon immer Soul gehört. Das hier war für mich eine eher neue Erfahrung. Dabei kommt mir wohl zugute, dass ich durch den Jazz wohl eine ziemlich abstrakte Sängerin bin und mir gern Freiheiten nehme." Das Experimentieren setzt sich bei Dee Day Dub also von zuhinterst am Drum bis in die vorderste Reihe durch - irgendwie chaotisch...