Disciples of Favez im Reifeprozess
Text/Bilder: Monthy
Es ist ja nicht so, dass wir von Trespass immer genau wissen, wer was macht in dieser Szene. Auch um die heissesten Favoriten kann es einmal still werden. Und dann gibt es da noch die Traditionen, die sich in den letzten Jahren eingerichtet haben. Eine davon ist der jährliche Openair-Talk mit Chris Wicky, den wir nach Woodrock 04 und Greenfield 05 in diesem Jahr im fribourgischen Alterswil am Stonehill Festival abhalten. In den letzten rund 13 Monaten hatte ich kaum etwas von meiner Lieblingsband gehört und frage deshalb gleich mal ob ich zu beschäftigt war oder die Jünger von Favez - die Band wurde einst als "Disciples of Favez gegründet, untätig?
Chris setzt zum Update 06 an: "Nach aussen hin haben wir tatsächlich nicht viel getan. Nach der Tour und den Promo-Tätigkeiten haben wir eine Auszeit genommen, weil wir das schon lange nicht mehr hatten, und uns gefragt, ob wir überhaupt noch weitermachen wollen. Denn wir fühlten, dass wir mit dem Rock-Ding mehr oder weniger dorthin gekommen waren, wo wir hin wollten. Es war klar, dass, sollten wir uns zum Weitermachen entscheiden, nur eine sehr lange Pause und ein Neustart im Rock oder etwas ganz anderes in Frage kommen. Wir pausierten erst mal zwei Monate und machten im Dezember einige Versuche mit unserem Bassisten, der ursprünglich mit acht Jahren das Orgel-Spiel erlernt hatte. Wir hatten dieses Instrument auch schon in Gebrauch und wollten ihm etwas mehr Raum geben, also probierten wir es aus. Es ging sehr gut und begeisterte uns so sehr, dass wir ein ruhigeres Album planten und begannen, Songs zu schreiben. Bis Februar ging alles gut, wir hatten drei, vier Songs geschrieben. Dann steckten wir für rund zwei Monate fest und wussten nicht mehr weiter. Wir beschlossen, einige Shows zu spielen, um wieder in den Tritt zu kommen und schreiben jetzt wieder. Wir wollen das Album im Februar 2007 aufnehmen und der Release sollte im September erfolgen."
Die Schilderung der Fast-Trennung von Favez erschüttert natürlich meine Musikwelt und muss gleich noch einmal thematisiert werden. "Weisst du, wir kennen so viele Bands, bei denen du nicht wirklich spürst, warum sie es tun", relativiert Wicky die Hintergründe des Ganzen, "und wir wollten nie so eine Band werden und es als Entschuldigung zum Touren gebrauchen. Wir diskutieren eigentlich ständig darüber. Das ist vielleicht das vierte Mal, dass wir eine Pause machen und uns überlegen, wie es weitergehen soll." Das Wort "Pause" sagt er in deutscher Sprache und zeigt mir damit, dass er gewohnt ist, es gegenüber deutschen Journalisten zu gebrauchen. Auch mit dem Alterswiler Publikum unterhält sich Chris Wicky - das erste Mal überhaupt - ausschliesslich in deutsch. Ich spreche Wicky - wie gewohnt in englisch - auf die spezielle Situation an, mit Freunden kreativ zu arbeiten. Schliesslich darf der kreative Prozess darunter ja nicht leiden. Chris glaubt, dass dieser und die Freundschaft eigentlich nichts miteinander zu tun haben - "Musiker in grossartigen Bands können sich hassen und dennoch klasse Musik schreiben - Wir sind sehr, sehr gute Freunde und sehen uns auch nebst Band sehr oft, aber das kann nicht der Grund sein, dass man zusammen in einer Band ist. Ausser man macht es mehr für den Spass daran, aber das ist bei uns nicht der Fall. Oder noch nicht... Wir wollen etwas machen, dass wir für wirklich gut halten."
Und gab es auch schon Situationen, in denen harte Entscheide gegen Freunde getroffen werden mussten, Chris? - "Jedenfalls nicht, weil sie ihre Instrumente nicht beherrschen würden. Unser Bassist und unser Drummer sind im Gegensatz zu uns Gitarrenspielern sehr gut. Wenn wir irgendwo ohne Band spielen und beobachtet werden, fragt man uns 'Was, ihr wollt in einer Band spielen und Platten aufnehmen?' Aber das ist nicht der springende Punkt. Der Punkt ist, du musst dich in einer Band und mit der Musik richtig wohl fühlen. Wir hatten mehrere personelle Veränderungen. Aber das kam immer von ihnen, weil man mit dem ganzen Drumherum nicht klar kam oder das Studium dann doch wichtiger wurde. Das ist ein natürlicher Prozess. Wie in einer Beziehung. Wenn sich jemand nicht wohl fühlt, ist es für ihn vielleicht besser zu gehen. Wir sind halt sehr kommunikativ und reden über unsere Probleme. Solche Dinge geschehen im Leben."
Eve hatte mich mit Material zur Vorbereitung eingedeckt, wobei ich erkennen musste, dass im letzten Jahr nicht manche Zeile eingetragen worden ist. Vermerkt ist eine von Favez anhand der neuen Songs entdeckte Leidenschaft, nämlich der Wein. Ich versuche also, die Vorlieben Wickys heraus zu filtern. - "Rotwein, definitiv. Kein Weisser. Wir sind beim Argentinischen und Chilenischen angelangt. Der ist fruchtig, leicht. Du kannst eine Menge davon trinken, ohne essen zu müssen. Das ist sehr praktisch. Wir fanden heraus, dass wir für langsame Songs haufenweise Wein trinken mussten, während wir bei schnelleren Songs mit Wasser auskommen." Ich muss jetzt natürlich wissen, wieviele Flaschen denn auf so einen langsamen Song entfallen. Wicky: "Der Rekord liegt bei sieben Flaschen auf vier Personen. Das ist doch respektvoll... Für einen Song, dessen Gerüst wir normalerweise an einem Abend erstellen. Wenn er länger braucht, wird er normalerweise auch nicht gut". Natürlich muss ich von Chris jetzt auch noch die Zusammenhänge zwischen Musik und Wein in Erfahrung bringen. - "Sie wird besser, wenn sie älter wird - wäre wohl die naheliegendste Antwort. Nein, um auf den Chilenischen Wein zurück zu kommen. Mir ist aufgefallen, dass Weine und Musik entweder jung und frisch oder alt und reif sein müssen. Dazwischen ist die Wüste, die wir im Moment auch durchqueren. Ich hoffe, dass wir unser Ding noch lange machen können und - vielleicht nicht besser - aber anders werden. Ein alter Bordeaux ist sicher nicht so spritzig wie ein junger Chilene, aber deshalb kaufst du ihn ja auch nicht. Um das Bild also abzurunden, sagen wir einfach, dass wir nicht den jungen Chilenen vorspielen wollen."