Gimma: Neuanfang nach „Mensch Si“?
25.1.2011/Text: Ko:L, Bilder: Cover, Promo
>
Einen Text in der Länge einer A4-Seite über Gimma zu schreiben, ist eigentlich Verschwendung. Möglicherweise würde nicht einmal ein Buch dem Bündner Rapper gerecht. 18 Releases hat der 30-Jährige bereits veröffentlicht, 11 davon waren Alben. „Ich bin wahrscheinlich der Schweizer Künstler mit den meisten Top 20-Chartplatzierungen“, sagt er über sich. Skandale und Eskapaden sind das, was die Öffentlichkeit von ihm kennt; seine Songs lassen tief blicken in die Seele eines Mannes, der seit Anbeginn auf der Suche ist. Wonach, weiss er möglicherweise selber nicht genau. Und jetzt bringt der Bünder mit „Mensch si“ ein Album, das ein Ende ist – und die keine abschliessende Antwort gibt auf die Frage ob es wieder einen Neuanfang geben wird.
Beklemmend ist das Wort, das zu mindestens einem Song eines jeden Gimma-Albums passt. Auf „Mensch si“ trifft dieses Wort, das den Zustand der inneren Blockade, in welcher sich der Hals zusammenzieht und welche die Augen ins Leere schweifen lässt während das Hirn leer und leerer wird, zu allererst auf „Äscha zu Äscha“ zu. Auf seinem neuen Album – dem dritten in weniger als zwei Jahren – treffen sich der „Hippe“ Gimma und der „Unmensch“ Gimma. „Mensch si“ heisst das dritte Teil einer Reihe, die man getrost als geschlossenen Zyklus betrachten könnte. Plötzlich geht die Sonne wieder nur für den Gepeinigten auf, der Zerrissene findet seine Seele normal. „I will aifach nur Mensch si, an Mensch wie du und i.“ Egal, was die anderen sagen, er bleibt sich selber. „Ich sterbe und erlebe am Ende des Albums meine Beerdigung“, sagt Gimma. Und somit das Ende des Zyklus „Hippie“ – „Unmensch“ – „Mensch si“; den Abschluss einer Trilogie? „Sicher“, sagt Gimma, und liefert zwei Gründe: Zum einen sind die drei Alben quasi im Gleichschritt entstanden. Zum anderen ist die Flucht wohl beendet. „’Hippie’ schilderte den Traum einer Flucht in ein Fernes Utopia“, sagt Gimma, „’Unmensch’ war eine ganz andere Art von Flucht. Auch ‚Mensch si’ besingt ein Flucht – die nach innen.“ Und jetzt, da Gimma tot ist, ist er am Punkt angelangt, an dem er machen kann, was er will. Nicht mehr durchdrehen muss, um bemerkt zu werden; sich nicht mehr neu erfinden muss, um Promo zu kriegen; nicht mehr fliehen muss, um gefunden zu werden.
Gleichzeitig bewegt sich Gimma auf „Mensch si“ musikalisch jetzt auch auf Platte dort, wo er live schon seit längerem unterwegs ist. In der Basis geht der den Weg allen Schweizer Raps: Wie Bligg oder Stress hat es der Bünder geschafft, sich einen eigenen Sound zuzulegen; einen Sound, den die breite Masse ohne mit der Wimper zu zucken als HipHop bezeichnen wird, während die Szene „Verräter“ schreien dürfte, weil Gimma sich seinem Mix aus Band und Beats im kreativen Niemandsland zwischen „Hippie“-Pop und „Unmensch“-Purismus angesiedelt hat und die Grenzen von alter Schule bis Punk gnadenlos auslotet. Mit Lovebugs’ Adrian Sieber oder My Heart Belongs to Cecilia Winter-Fronter Thom Luz hat Gimma mindestens zwei Gäste an Bord geholt, die keiner erwartet hätte. Carlos Leal ist überraschend und logisch zugleich. Gimma hat sich Narrenfreiheit erarbeitet – und ist bereit, zu neuen Ufern aufzubrechen. „Träume? Ich habe keine Träume“, sagt Gimma. „Ich habe keine Frau und keine Kinder, mit denen ich von einer schönen Zukunft träumen könnte. Und in Sachen Musik weiss ich, dass mich die Produktion von ‚Mensch si’ soviel Geld gekostet hat, dass ich die Schulden kaum wie geplant in den nächsten 24 Monaten abzahlen kann.“ Auf Tour gehen mag er nicht, auch wenn ab März wieder Konzerte angekündigt werden. „Mein Gehör wird immer schlechter, ich weiss nicht ob und wie lange es noch mitmacht“, sagt Gimma. Was im ersten Moment hoffnungslos desillusioniert tönt, ist vielleicht der Anfang eines neuen Gimma-Zeitalters. Denn: Er muss jetzt nichts mehr. Er darf. Er andere Jobs, ausser dem Musik machen; kann seine Passion Hobby sein lassen. „Wir haben neulich für einen Werbespot einen OBK-Song aufgenommen. Vielleicht kommt da bald wieder ein Album“, sagt er. „Zudem schulden wir den Leuten noch in diesem Jahr ein Bucher&Schmid-Album. Vielleicht mache ich aber wieder was Eigenes. Denn der Spass an der Musik ist noch da.“ Aber nicht mehr der innere Zwang. Und so bleibt der latente Verdacht, dass Gimma seine neu gewordene Freiheit nutzen wird, nach „Mensch si“ mehr Gimma pur nachzureichen. Die Zeichen, dass die Nachfrage dafür da sein könnte, stehen auf jeden Fall gut.