Hoselupf! - Down mit Gimma
Text/Bilder: Monthy
Eines gleich vorneweg - Trespass ist absolut down mit Gimma. Die Standard-Ansage der von MTV ausgeliehenen Ansagerin Jubaira - "Frauefäld - sind ihr down mit ...?" - inspirierte mich zu einer kleinen Parabel rund um den bodenständigsten aller Schweizer Rapper. Für Nicht-Szeneangehörige - die obige Frage heisst soviel wie: Findet ihr ... gut? Mein persönliches Ziel allerdings war um einiges zweideutiger. Das Interview sollte so etwas wie ein literarischer Hosenlupf rund ums Thema Humor werden und ich würde ihn natürlich aufs Kreuz legen wollen, wie ich meinem "Gegner" bildhaft in die Überhosen half. Wer nun von vornherein findet, Hiphop und Schwingen hätten nichts gemein, der lese weiter und staune nicht schlecht...
Gimma und ich sind uns gleich einig, dass er überhaupt Humor hat. Um ein wenig mehr darüber heraus zu finden, stelle ich ihm erstmal eine Multiple-Choice-Frage. Ist sein Humor eher a) der deutsche Schenkelklopfer, b) der schwarze englische oder c) der Schweizer Bünzli Humor? - Gimma: "Das ist jetzt die Krux. Weil ich alle diese Arten von Humor habe. Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre es am ehesten der schwarze. Ich kann über Sachen lachen, über die kein anderer Mensch lachen kann. Das ist schon sehr englisch. Aber ich bin schwer ein Bünzli - und ich bin auch gern in Mallorca. Die Kombination daraus ergibt tatsächlich in etwa meinen Humor. Ich bin der, der auch dann noch lacht, wenn die wirklich schlimmsten Witze kommen. Ich würde dir gern einen erzählen, aber das ist etwas schwierig. Ich kann ihn dir nur zeigen." Was er auch tut und mir die Katze von hinten zeigt, was ich in dem Moment aber nicht wirklich verarbeiten kann. Schliesslich mache ich hier ein ernstes Interview über Humor und habe wirklich keine Zeit für Witze.
Natürlich habe ich mit Gimma's Wahl ein bisschen gerechnet. Im Schweizer Hiphop ist er ja auch definitiv ein Böser. "Der einzige, der über sich selbst lachen kann", präzisiert er mit einem ebensolchen auf den Lippen, "die anderen sind alle stier und haben einen Stock im Arsch. Sind entweder zu sehr Hiphoper oder zu sophisticated." Ich erwähne, dass ich vor zwei Jahren an selber Stelle mit OBK getalkt hatte. "Ah ja - damals war ich nicht dabei", fällt er mir ins Wort als ob er es gewesen wäre. Damals kamen wir darauf, dass OBK so etwas wie South Park des Schweizer Hiphops seien. Ich will von Gimma wissen, welche Rolle in der Comic-Welt er denn annehmen könnte. Gimma: "Ich wäre dann wohl am ehesten der Family Guy. Nicht weil ich ihn so toll fände, aber weil er wirklich alle anderen durch die Serie pusht... - OBK ist übrigens History, haben wir definitiv beschlossen. Schade, weil es wirklich an den Bandmitgliedern lag und nicht am Rest", lässt Gimma die wesentlichere Information ganz am Rande fallen.
Da wir gerade beim Lustigen Teil angekommen sind, der sich irgendwie konsequent wenn auch ungefragt durch das ganze Interview zieht, komme ich zum Konzert, das Gimma zwei, drei Stunden vor dem Talk hatte. Wann hat Gimma letztmals so viel Wasser getrunken? - "Es war gar nicht so schlimm heute. Nur etwa ein Liter. Ich war auch nüchtern auf der Bühne, hatte nur ein Bier vorher und staunte eigentlich selbst darüber. Normalerweise leere ich alle zwei, drei Lieder eine Literflasche herunter, aber heute irgendwie nicht. Dabei wars heute definitiv am wärmsten." Auf der Bühne hatte Gimma erwähnt, dass er auf seinen Wunsch hin um elf Uhr morgens spielte. Ich frage nach, ob das auch ein Witz war? - Gimma: "Nein, nein, das ist eher schon eine Tradition. Ich spiele zum dritten Mal so früh, habe auch schon als allererster gespielt. Ich habe auch klar gesagt, entweder das Konzert oder gar keines dieses Jahr. Meine Theorie ist einfach, dass um diese Zeit eben genau die Leute vor der Bühne stehen, die auch meinen Humor haben. Dort besteht wirklich so ein perfect match. Und ich muss ja auch nicht vor dem meisten Publikum spielen, sondern vor dem coolsten. Und das hat's nunmal am Sonntagmorgen. Dann sind die Leute einfach verstört und kommen direkt aus dem Ausgang. Die anderen sind die, die ich überzeugen kann. Und an drei Tagen Openair sollte ich das schon beim einen oder anderen schaffen."
Weil Gimma nun also selbst ein böser und ein bodenständiger ist, müsste er auch wissen, was ein Böser beim Schwingen ist - oder? Gimma: "Ich nehme an, das ist der Zehn-Punkte-Maximum-Killer. Wie heisst der Berner, da der Wahnsinnige?" Das wäre Stucki. Es sind die Kranzschwinger oder ganz einfach die Besten. Was ja zum bösen Gimma absolut passen würde. "Ich kenne den Fausch persönlich", lässt Gimma ungefragt einen vom Stapel, "den besten Bündner Schwinger. Er kann mich zwar nicht wirklich ausstehen, aber wir haben nun halt mehr so eine Hassliebe. Er ist halt wirklich ein Urchiger und ich bin ja mehr so... Semi-urchig. Schwingen ist ein geiler Sport!" Ich werfe ein, er hätte so langsam auch die Statur dafür. Doch das lässt er nicht gelten: "Nein, nein... Die müssen nicht nur dick sein, sondern schon auch etwas können und sind sehr sportlich. Das könnte ich nicht, weil die wirklich gut sind. Habe ich schon am eigenen Leib erlebt." Ansätze von Volksmusik bietet Gimma's Werk ja eigentlich zuhauf. Warum er noch nicht Werbeträger für Tourismus, Käse und rappende Kuckucksuhren ist, weiss der Teufel. Aber irgendwie ist in der Beziehung zur Folklore seit Bliggs "Rosalie" total der Wurm drin. "Ich hab's vergamt", zeigt sich Gimma äusserst selbskritisch, "anfangs hab ich sehr stark auf Folklore gemacht, vor allem auch im visuellen Bereich. Bin jeweils in Tracht an den Events rum gelaufen... Ich hatte zuvor schon zwei Lieder mit der Ländlerkapelle Oberalp gemacht. Also bevor Bligg kam. Ich habe damals echte Folklore gemacht - ohne Nachbearbeitung von Roman Camenzind. Nur ich und Ländlerkapelle. Das hatte ich auf der langen Bank - und dann ich einfach den Moment versifft. Ist schon recht so, dass Bligg nun einen Riesenerfolg damit hat. Aber ich habe öfter gedacht, dass ich's eigentlich lieber selbst gemacht hätte."
Ich vertiefe die musikalische Heimatliebe, die Gimma tatsächlich empfindet noch einen Moment. "Ich mag Ländler, ja", gibt er unumwunden zu, "und gerade der Chef der Ländlerkapelle Oberalp, Elmar Jehli, ist ein sehr guter Kollege von mir. Er hat mir damals fürs 'Superschwizer'-Video auch die Tracht geliehen. Er ist einfach ein sehr feiner Mensch. Überhaupt werde ich öfter von solchen Musikern angesprochen. Die kennen mich schon auch. Ich fühle mich in der Musik auch absolut wohl. Es gibt nichts, was ich als peinlich empfinden würde. Ich höre zum Beispiel lieber Ländler als Jazz, zu dem ich keinen Bezug habe, weil ich musikalisch nicht allzu intelligent bin. Ländler haben für mich da mehr Schwung. Ich kann mir sehr gut vorstellen, irgendwann wieder einmal etwas mit einer Ländlerkapelle zu machen - einfach ganz sicher ohne Nachbearbeitung." Schon bei Greis sei mir aufgefallen, dass Hiphop immer seltener mit wirkicher Hiphop-Musik unterlegt werde und ob das ein Trend sei, versuche ich den seriösen Eindruck aufrecht zu erhalten. Doch Gimma macht meine Bemühungen schnell zunichte: "Da Greis und ich den selben DJ und Produzenten haben - Ja, Claud ist schuld! Aber du hast schon recht. Man wird erwachsen. Greg und ich sind jetzt beide dreissig und interessieren uns auch immer mehr für wichtige Themen. Die Jugend haben wir abgedeckt, jetzt haben wir etwas mehr von der Welt gesehen und das wirkt sich aus. Es ist wohl vor allem eine Frage eines gewissen Alters. Bei den Jungen im Quartier sehe ich diese jugendliche Power noch genauso wie bei uns früher." Und falls es mit der Ländlerkapelle wider Erwarten nicht klappen sollte, könnte Gimma stattdessen am Greenfield auftreten. Sein neuester Track "UT" ist eine Lektion in Punk. Auch ein Zeichen des Alters: Gimma fragte sein durchschnittlich minderjähriges Frauenfelder Publikum vor dem Song, wieviele von ihnen denn Militärdienst geleistet hätten... "Wir wollten das übrigens, haben dem Greenfield angeboten, bei ihnen aufzutreten. Aber sie wollten nicht. Ich habe ja eigentlich eine Band mit anderthalbstündigem Programm und wir werden auch am Greenfield spielen, keine Frage." Ich bin beruhigt. Gimma's Welt zwischen Brienzer, Beat-Box und Body Count - ich sehe ein, dass ich diesen Brocken heute auf keinen Fall ins Sägemehl bringe und akzeptiere den Gestellten.