Gotthard: «Neue Zutaten haben die Pizza verschärft»
Text: Ko:L
Bilder: Gotthard
Das lang erwartete, neunte Album von Gotthard erscheint am 6. Juni. Der neue Gitarrist, und das neue Management haben für neuen Drive gesorgt: Gotthard tönen frisch, direkt und entschlackt - sie sind wieder «scharf». Bereits der «Lipservice»-Opener «All we are» drückt ab - hemmungslos brettern die Tessiner Rocker vom ersten Drumschlag drauflos. Und anders als noch beim Vorgänger «Human Zoo» ziehen die Jungs auch mit der zweiten Nummer «Dream on» - und dem ganzen Rest der CD - das Tempo durch. «Ja, ‹Lipservice› kommt frecher und rockiger daher als frühere Alben. Wir wollten wieder vermehrt direkten Sound mit Live-Charakter bieten», bestätigt Sänger Steve Lee den Eindruck. Der neue Mann an der Gitarre, Freddy Scherer geht sogar noch einen Schritt weiter: «Du kannst die selbe Linie -zig Mal spielen und mal Gewicht auf präzisen Ton legen, mal auf eine schöne Klangfarbe achten - oder du kannst es darauf anlegen, dass die Linie einfach reinknallt, dass die Energie rüberkommt. Druck und Energie - dafür haben wir uns meistens entschieden.»
In der Tat klingen die 14 Songs auf «Lipservice», entschlackter, als auf früheren Alben - sogar Balladen wie «I´ve seen an angel cry» klingen wie Balladen, die eine Rockband geschrieben hat. Klebrige Produktionsmasse wurde weggelassen, der Fokus aufs Wesentliche gerichtet: Auf ehrlichen Sound. «Ohne lange in der Vergangenheit wühlen zu wollen muss ich doch festhalten, dass wir in unserem Umfeld einige Probleme beseitigen mussten», erklärt Steve. «Wir haben ein eigenes Label gegründet, ein neues Management und wir haben mit Freddy nicht zuletzt einen neuen Gitarristen. All diese Zutaten haben diese Pizza wieder etwas verschärft.» Und Steve lobt den frischen Einfluss des neuen Manns an den Saiten: Es sei nicht immer einfach, mit Leo Leoni als Gittarrist klarzukommen, gibt Steve zu. «Aber ich darf nach 14 Jahren Gotthard sagen, dass ich noch nie einen Gitarristen erlebt habe, der so wie Freddy mit Leoni zusammenarbeitet, Lieder schreibt und harmoniert.» Kommt hinzu, dass Freddy und Leo sich schon seit Ewigkeiten kennen - und dass sich diese Freundschaft und der Spass am gemeinsamen Losrocken bei den Aufnahmen zu «Lipservice» noch weiter vertieft haben. «Ich war gespannt, ob Leo auch bei der Arbeit der humorvolle Typ sei, der er privat ist - und er ist es!», berichtet Freddy. Diese neu gefundene Freude am Spielen wird nicht zuletzt einer der Gründe sein, warum «Lipservice» wieder frischer tönt, als die letzten Alben von Gotthard. Oder wie Steve Lee es formuliert: «Einfach einstecken und losrocken!»
Mit dieser Frische und Unverfrohrenheit, die «Lipservice» prägt, knüpfen Gotthard dort an, wo sie mit ihrem Megaseller «G.» aufgehört haben. Es ist unverkennbar, dass das Debut «Gotthard», der Nachfolger «Dial Hard» und «G.» eine klare musikalische Linie in der Band-Geschichte darstellen, während die Alben «Open», «Homerun», «Defrosted» und «Human Zoo» als Experimente angesehen werden müssen. Experimente, die nicht immer gelungen sind… «Mit den Radios, die praktisch ausnahmslos nur unsere Balladen spielten, gewannen wir auf einmal ein wahnsinnig breites Publikum. Irgendwo schlich sich eine Art Angst ein, nach dem Motto: ‹Mein Gott, wenn wir jetzt einen Kracher spielen, rennt uns die Hälfte der Leute wieder weg.›», gibt Steve zu. Was aber nicht heissen will, dass sich Gotthard mit «Lipservice» vom Balladenschreiben verabschiedet haben. Steve: «Wir haben immer Balladen gemacht und ich singe sehr gerne Balladen. Andere Rockbands tun das auch. Schade ist bloss, dass die meisten Radiostationen nur unsere Balladen spielen. Das hat sich mit der Single ‹Lift´u´up› einmal mehr bestätigt. Viele haben sie nicht gespielt, weil sie zu rockig ist.» Und dann fügt der Gotthard-Frontmann an: «Wir sind bewusst das Risiko eingegangen, nicht eine Platte für Charts und breites Publikum zu machen, sondern eine Platte, die vor allem mal uns Spass macht und mit der wir gerne auf die Bühne gehen», und gibt unverholen zu, dass Gotthard sogar für seinen Geschmack irgendwann fast zu balladesk geworden war. Trotzdem bleibt die Hoffnung, dass auch «Lipservice» bei einem breiten Publikum einschlagen und die Charts hochklettern wird.
Vor allem beim letzten Album «Human Zoo» war immer wieder davon die Rede, dass die Scheibe den CH-Rockern endlich auch den Durchbruch in den USA erlauben soll. Eingestellt hat sich dieser aber nie. «Unser neues Management lässt den Worten Taten folgen», antwortet Steve auf die Frage, weshalb «Lipservice» international besser laufen soll, als sein Vorgänger. «Es ist beispielsweise schwarz auf weiss geregelt, dass unser Album am gleichen Tag in vierzig Ländern weltweit veröffentlicht wird - inklusive Nord- und Südamerika, Australien und Asien.» Es stehe jetzt ein Management mit neuen Leuten und neuen Verbindungen hinter Gotthard, das ernst mache, gewisse Versprechen seien bereits eingelöst und das schaffe Vertrauen. «Wir hatten früher zwar den Luxus, uns vor allem um die Musik und weniger ums Geschäftliche kümmern zu müssen. Das ist schön - bis jemand kommt, der dieses Vertrauen ausnutzt.» Nun ist die Kurskorrektur erfolgt, Gotthard haben die Fäden vermehrt selber in den Händen, ohne allerdings dabei vergessen zu haben, fähige Businessleute um sich zu scharen. Und trotzdem bleiben Steve, Freddy und ihre Bandkollegen realistisch. Nach 14 Jahren wissen sie: «Ein Rezept für den Erfolg gibt es nicht. Wir sind überzeugt, dass wir unseren Teil gut gemacht haben - entscheiden muss das Publikum.»