Gotthard rocks DE!
Text: Piggy
Bilder: Mary/Andrea/Piggy
Nachdem Steve Lee im letzten Trespass-Interview zum Release der aktuellen Scheibe "Domino Effect" erwähnte, wie es im Ausland derzeit rund um Gotthard abgehe, reifte in mir der Entschluss, dieses Erlebnis an meinem eigenen makellosen Körper fühlen zu wollen. Ausserdem vermittelte mir Monthy den Kontakt zu Marion, die in Deutschland die Aktionen der Fanpage Gotthard-rocks.de koordiniert. Als sie im Frühling Luzern - und natürlich Gotthard besuchte - traf die Gute auch mich und wir beschlossen, im Oktober in Stuttgart zusammen ans Konzert zu gehen. Schliesslich fanden sich in Mary und Andrea noch zwei weitere begeisterte Begleiterinnen für den etwas aufwändigeren Trip nach Süddeutschland. Da ich ohne ein ultimatives Outfit nicht wirklich mich selbst wäre, half mir Andrea bei der Auswahl der Kleider, Accessoires und des Schmuckes. Erstanden hab ich die Teile übrigens in Oxford England, Gold Coast Bulgarien, Zürich und Interlaken. Und weil auch das meinen bescheidenen Ansprüchen noch nicht genügte, nähte Andrea einen G.-Badge, wie man ihn sonst in der Welt des Gotthard-Merchansings vergebens sucht - gross, pink, leuchtend - eben ein echter Hingucker. Dass ich nachher auch noch Drummer Hene ausfragen durfte, habe ich dem Bandmanagement Taifun Music zu verdanken, die mich nach meiner Anfrage im Vorfeld der ganzen Geschichte richtiggehend hofiert hatten.
Deutschland ist für Schweizer Rockbands schon vom geteilten kulturellen Hintergrund her das erste und das wichtigste Exportland. Die oft zitierten Mentalitätsunterschiede zwischen der beschaulichen Schweiz und dem grossen Deutschland begegnen uns tatsächlich in Stuttgart. Das fängt schon damit an, dass rund drei Viertel der Leute sich die Vorband genausowenig entgehen lassen wollen und sie auch lautstark unterstützen. Die Poodles sind immerhin doppel-platinverzierte Metal-Schweden mit langen Mähnen und teils nackten Oberkörper, wie das Ranzen-Radar meiner Freundin Andrea kreischend feststellt. Als Gotthard die Bühne mit der ihnen gebührenden, das Verlangen steigernden Verspätung betreten, gehört ihnen schon die ganze Halle. Solche Begrüssungen, spreche ich Hene zwei Stunden später backstage eine erste Frage, sei für Schweizer Bands ja schon nicht Gewohnheit, "oder?" - Hene: "Für eine gute Schweizer Bands schon", zwinkert er mich an, "wobei man nicht vergessen darf, dass wir dieses Land schon lange beackern. Wir hatten 1992 die erste Tour hier als Support von Victory, haben uns unsere Fans hier über die Jahre erspielt. Und jetzt siehst du die Resultate. Wir haben insgesamt 18 Konzerte in Deutschland, wovon dieses hier das achte ist. Vier davon waren ausverkauft und auch heute Abend waren wirklich eine Menge Leute hier - wir sind happy, es läuft gut. Aber man muss sich das auch erst verdienen."
Diese Geschichte ist denn nicht frei von Pannen. Das Marketing für Deutschland war zu Beginn darauf aus, die Band als Metal zu verkaufen und hat ihr damit nicht wirklich einen Gefallen getan. "Das ist heute noch so", berichtet der Berner Drummer aus der Fremde, "wenn du in einen Mediamarkt oder in einen Saturn gehst, findest du uns manchmal immer noch unter Metal. Man kann natürlich nicht jedem auf die Finger schauen. Ich kann ja im Supermarkt auch nicht hingehen und mein Jogurt bei den Diätsachen platzieren lassen. Das lässt sich nicht kontrollieren. Wenn aber jemand unser Album finden will, dann wird er es auch finden, notfalls mit Fragen." In Stuttgart kriege ich, wenn ich mit den Leuten rede, das Gefühl, dass Gotthard hinsichtlich Bekanntheitsgrad solche Hürden langsam übersprungen haben. Und man kennt nicht nur den Schweizer Vorzeige-Act nördlich des Rheins. Auch die Namen von Krokus und Shakra lösen in Deutschland Reaktionen aus. "Wenn du Erfolg haben willst, musst du auch etwas dafür tun", spricht Hene Klartext, "es wird dir nichts geschenkt. Es ist ein echtes Haifischbecken und du musst aufpassen, dass du nicht über den Tisch gezogen wirst. Wir haben über die Jahre genug Erfahrungen gesammelt, um zu wissen wie, was und wo es läuft. Und das hast du heute abend gesehen."
Auch wenn sie an diesem Abend warm empfangen werden, müssen Steve Lee und Co das Feuer dabei immer noch selbst entzünden, so wie es alle Bands müssen. Hene: "Du musst jeden Abend versuchen, das Publikum zu holen. Es ist nicht so, dass uns alle hier anbeten würden. An einigen Konzerten oder Festivals musst du dir deinen Erfolg erkämpfen. Das machen wir seit Jahren." Dass Leo Leoni während des Konzerts immer wieder seine Hände an die Ohrmuscheln hält und provokativ ins Studio hineinhorcht, liegt also nicht daran, dass er zu lange zu laute Musik gehört hat. Hene meint lachend, dass er nichts von einem Tinnitus wüsste, ich aber Leo schon selbst fragen müsste. Auf das Thema geht er aber gerne weiter ein: "Du musst die Leute schon ein bisschen teasen und in deinen Bann ziehen. Die Musik alleine reicht da nicht wirklich. Du musst die Sympathien auf deine Seite bringen, einer von ihnen sein. Wie Steve auf der Bühne sagt: Wir lassen die Probleme daheim, jetzt wird mal abgerockt. Die Leute zahlen viel Geld für die Show. Wir geben entsprechend Gas. Wir geben immer alles!" Der angesprochene charismatische und faszinierende Frontmann von Gotthard hat dies total verinnerlicht und auch wenn seine Gesten ins grelle Licht, sprich ins Niemandsland gezielt sind, fühlt sich doch jeder den seine Blick streift, zutiefst persönlich angesprochen. Einer Frau wie mir geht das durch Mark und Bein.
Hene selbst empfindet den Mentalitätsunterschied zwischen der Schweiz und Deutschland auch auf der Bühne - allerdings... "Auch in Deutschland ist es überall verschieden. Im Osten, Im Norden, Süden oder Westen. In jedem Land sind die Leute anders drauf. Im Tessin anders als in Zürich, in Hamburg anders als in Leipzig. Von daher musst du immer zusehen, dass du den Draht zum Publikum findest. Und das macht schliesslich auch den Entertainer aus. Du kannst ja nicht jeden Abend auf die Bühne und das gleiche herunter leiern und die gleichen Reaktionen erwarten. Das macht's auch interessant. Jedes Konzert ist anders. Jeden Abend die gleiche Setliste, der gleiche Schuppen oder die gleichen Leute - das hätte man bald einmal gesehen. So wirst du täglich gefordert. Sei's weil der Sound gut ist und du vollgas geben willst oder weil der Sound nicht gut ist und du kämpfen musst und dir deswegen noch mehr Mühe gibst. Wenn du trotz technischer Probleme die Leute dann doch noch abholen kannst, gibt dir das beispielsweise eine ganz spezielle Genugtuung, die du an einem tollen Abend nicht hast. Heute war wirklich einer der besten Gigs der bisherigen Deutschland Tournee."
Allerdings. Es war so schön, dass es der Band irgendwann einmal fast weh getan haben muss, nicht mehr auf die Bühne zurück kehren zu können. "Die Leute haben geschrien ohne Ende, aber unser Motto ist: Lass die Leute hungrig!", klärt mich Hene über die Philosophie von Gotthard auf, "Wir hätten schon noch etwas abdrücken können, aber die sollen einen Grund haben, nochmal zurück zu kommen. Man kann ihnen eben auch zu viel geben..."
Stuttgart ist quasi schweiznahe. Aber längst nicht jeder mit einem Schweizer Kreuz auf der Brust, war auch aus der Heimat angereist. Schon mit ihrem Bandnamen repräsentieren Gotthard die Schweiz im Ausland und fungieren - bisher nicht speziell honoriert - als Werbeträger für das Alpenland. "Darum frage ich auch, warum Schweiz Tourismus bisher noch nicht bei uns angefragt hat... Wir wären quasi Wilhelm Tells.", spinnt Hene meine Idee weiter, bevor er wieder seriös wird. "Ich glaube nicht, dass die Schweiz so relevant ist. Wir haben auch italienisches Blut in der Band. Du könntest jede Nationalität hinstellen. Wenn eine Band wirklich guten Sound macht und wirklich abdrückt, wird die Nationalität zur Nebensache. Ich glaube auch nicht, dass wir einen Schweizer Bonus haben. Weil: They don't give a fuck... Sie wollen Party machen, gute Musik hören, Druck und so weiter."
Als Mary, Andrea und ich uns über ein Dress für diesen Abend absprachen, wollen wir ursprünglich Gotthard-Shirts via Homepage bestellen. Da gab es zu diesem Zeitpunkt aber nicht wirklich eine attraktive Auswahl für die modebewusse Frau, was bei der Band irgendwie erstaunt. Ich muss auch zugestehen, dass die seither erschiene Kollektion ein hübsches Trägershirt und eine cooles G.-Tribal umfassen, die mir auch gefallen könnten. Wie sehr kümmern sich Gotthard überhaupt um diese eigentlichen Nebensächlichkeiten? - Hene: "Im Prinzip schon. Wir sind zwar immer noch Musiker, aber wir schauen schon. Wenn ich gerade ehrlich sein soll, ist Merchandising mein Ämtchen innerhalb der Band. Vor der Tour ist das immer sehr stressig. Wenn wir mal unterwegs sind, kann ich pro Tag zwölf Stunden schlafen und zwei Bücher lesen. Unser Merchandising läuft sehr gut, gegenüber der letzten Tour rund 70 Prozent darüber. Also können wir nicht total daneben liegen. Wenn du mit deinem Jäckchen daherkommt, finde ich das aber sehr gelungen. Ich kann sehen, dass Andrea eine begabte Schneiderin ist und das Logo ist eh gut getroffen."
G. für Gotthard - daran wird sich die Welt weitherhin gewöhnen dürfen. Das Logo ziert nicht nur die aktuelle Platte "Domino Effect" sondern stammt ursprünlich vom gleichnamigen Album "G." und hat sich seit 1996 neben dem umgekehrt geschriebenen zweiten T in Gotthard mehr und mehr zum visuellen Aufhänger gemausert. Kein Wunder bei dem Frontmann und der Zweideutigkeit. Hene: "Das ist unser Logo, das Logo unseres Labels. Dafür stehen wir. Für 'Domino Effect' haben wir es ein bisschen aufdatiert - Version 2007. Auch auf meinem Motorrad und auf meinem Auto ist dieses Logo drauf. Wenn du übrigens im Tessin mit einem G.-Logo ausgestattet bist, dann lässt dich die Polizei unbehelligt - ist kein Scheiss!"