Gotthards ewige Suche
Ausgerechnet für das Openair Gampel haben Gotthard „Mountain Mama“ aus dem Programm geschmissen. „Ok, hier hätte die Nummer wirklich gepasst“, gesteht Bassist Marc Lynn nach der Show, welche die Tessiner Hardrocker am späten Sonntag Nachmittag zum Festivalabschluss geboten haben. „Aber wir sind halt immer auf der Suche danach, wie wir noch besser werden könnten. Zudem sind wir in der luxuriösen Situation, dass wir mittlerweile so viele Songs haben, welche die Fans immer wieder hören wollen, dass es fast nicht möglich ist, alle Wünsche zu berücksichtigen. Und ganz ehrlich: Wenn die Zuschauer nach dem Konzert nach Hause gehen und zwar einen Song vermissen, aber trotzdem zufrieden sind, ist das doch auch cool oder?“
Und zufrieden war das Publikum nach dem 90-minütigen Sommergewitter, das Gotthard über Gampel hatten fegen lassen tatsächlich. Die Jungs setzten auf ein sattes Set, das neben alten Klassikern wie „Hush“ auch viel neues Material ab ihrem aktuellen Album „Need to believe“ umfasste. Die Zahl der allseits beliebten Soft-Nummern reduzierte die Band auf ein Minimum – Vollgas voraus war ganz offensichtlich die Devise. „Wir haben intensive Monate hinter uns“, sagt Marc und berichtet von Shows in Italien, England, Deutschland oder 20 Tagen Frankreich im Vorprogramm von Deep Purple. „Die Gigs waren meist grossartig; in Marseille etwa ging die Post ab, wie ich es noch nie erlebt habe!“ Es ist offensichtlich: Die Rückkehr zu härteren Tönen, die Gotthard mit ihren letzten drei, vier Alben unternommen haben, kommt gut an. Elektrische Gitarren sind wieder hip.
Und trotzdem: Dass Gotthard auch 2011 noch einmal so richtig losrocken und genussvoll in die Saiten elektrischer Gitarren greifen, ist alles andere als sicher. „Wir waren jetzt sehr lange sehr elektrisch unterwegs“, orakelt Marc. „'Defrosted', unser letztes akustisches Album liegt mittlerweile mehr als 12 Jahre zurück.“ Aber: Würde es tatsächlich Sinn machen, jetzt wo elektrische Gitarren wieder angesagt sind, wie lange nicht mehr, mit einer vergleichweise soften Akustik-Platte zu kommen? Marc gibt die Frage zurück: „Würde es Sinn machen, immer das zu tun, was die anderen tun? Könnte nicht auch eine Ambition sein, eine Nasenlänge voraus zu sein?“ Und er versichert: „Gotthard ist und bleibt eine Rockband. Das waren wir immer und das werden wir immer sein. Aber wir sind halt stets auch auf der Suche nach neuen Herausforderungen – und auch nach Abwechslung.“
So oder so betont der Bassmann: „Wann ein neues Album rauskommt, ist derzeit ebenso offen, wie das, was es bieten wird. Es liegen zahlreiche Ideen auf dem Tisch und wir werden uns in den nächsten Wochen daran machen, diese Ideen zu sortieren, zu konkretisieren und dann zu schauen, wohin der Weg uns führen wird.“ Ist es nun Segen, wenn man aus vielen Ideen auslesen kann oder ein Fluch, weil man sich am Ende für eine Idee entscheiden muss? „Viele Ideen zu haben ist schön, und ich denke, es spricht für uns, wenn verschieden kreative Ansätze da sind. Aber es ist schon so: Man muss sich für etwas entscheiden, und den Mut haben, den eingeschlagenen Weg mit letzter Konsequenz zu gehen“, erklärt Marc. „Das bedeutet dann halt manchmal auch, dass einer hinten anstehen muss. Aber so funktioniert eine Demokratie.“
Dass diese Demokratie bei Gotthard bisher gut funktioniert hat, zeigt die Vergangenheit. In mittlerweile nahezu 20 Jahren Bandgeschichte haben sich die Rochaden in der Formation in engen Grenzen gehalten. Wo liegt das Geheimnis für diese verschworene Einheit? „Manchmal muss man den Mut haben, einem Bandmitglied, das immer auch ein Freund ist, trotz aller Liebe einen Tritt in den Arsch zu geben“, sagt Marc. „Gleichzeitig muss man selbstkritisch genug sein und wissen, dass es diese Momente gibt, in denen der Tritt, den man selber kriegt, gut ist.“