Gulliver: Der Riese raus aus dem Skalp-Shop
Text: Ko:L
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Der Sechser aus dem Bünderland liess es zum Start des zweiten Festivaltages am Openair Lumnezia gewaltig gewittern. Wie schon vor zwei Jahren. Nur: Damals hiessen Gulliver noch Unused Pawnshop und hatten die Elektronik noch nicht entdeckt. „Wir machten, worauf wir Bock haben“, sagt Simon Jäger heute. „Das ist die musikalische Richtung, die uns mehr gefällt.“ Soweit so gut. Nur: Aus einer Metal-Band wird man nicht einfach so von heute auf Morgen ein Elektrock-Act erster Güte. Oder? „Eigentlich hatten wir eine Demo-CD gemacht. Dann fingen wir an, daran rumzubasteln“, erinnert sich Simon. Das gab den Ausschlag, sich musikalisch neu zu orientieren. Und irgendwann war der Sound so weit von Unused Pawnshop entfernt, dass auch ein neuer Name her musste. „Wenn du mit neuem Sound unter altem Namen auftrittst, dann stösst du die Leute ebenso vor den Kopf, wie wenn du unter neuem Namen aber mit den selben Musikern auftrittst“, fährt Simon fort.
Fragt sich, ob die Band irgendwann wieder als Unused Pawnshop auftritt – oder ob in zwei Jahren wieder ein neuer Name kommt. „Eher Letzteres“, sagt Nando und lacht. Nicht verändert hat sich hingegen die geografische Situation der Band. Die Jungs sind immer noch teils in Chur, teil in Zürich beheimatet. Diese örtliche Trennung fällt aber mit der neuen musikalischen Ausrichtung weniger ins Gewicht, als früher. „Unser Arbeiten ist heute in verschiedene Phasen aufgeteilt“, erklärt Curdin. „Die Kompositionsphase war vor allem auf Simon fokussiert und lief stark am Computer. Wir kamen da nur sporadisch zum Einsatz.“ Als es daran ging, den Sound auch live umzusetzen, fand man sich dann wieder im Bandraum zu „normalen“ Proben zusammen.
Letztendlich sei es „die pure Lust an der Kunst“, die Gulliver dazu brachte, diesen musikalishen Hakenschlag zu vollziehen – obschon sie als Unused Pawnshop nach zwei Alben mit der Etnies Fast Forward Tour 2006 eine gewisse Basis auch ausserhalb des Bündnerlandes gelegt hatten. „Im Mittelpunkt stand das Tüfteln“, erklärt Simon. „In dem Jahr, in welchem wir an 'Lalala' arbeiteten, verschwendeten wir nicht einen Gedanken daran, wohin das führen könnte. Beim Komponieren der Songs habe ich beispielsweise nie daran gedacht, dass da jetzt irgendwie ein krasser Bruch passieren könnte. Ich war komplett überzeugt, dass der neue Sound besser ist, als der alte.“
Die wirkliche Herausforderung für Gulliver kam dann, als es darum ging, den am PC gebastelten Sound live umzusetzen: „Wir hatten all die Geräte, die wir jetzt auf der Bühne haben – Synthesizer, Loop- und Sampling-Machine und so – gar nicht, als wir die CD machten. Wir mussten die dann dem Sound der Platte entsprechend einkaufen.“ Trotzdem setzten Gulliver auf ein klassisches, klar strukturiertes Live-Setting. Zwar mit eingeplanten Improvisations-Parts aber ohne die völlig wild ausufernden Sound-Konstruktionsorgien, die andere Electro-Acts pflegen.
Und schliesslich gibt es noch eine zweite Konstante, welche Gulliver aus ihrem früheren Leben unter dem Namen Unused Pawnshop mitgenommen haben: Die Zukunft ist völlig offen. „Alle bewegen sich in etwas andere Richtungen mit Studium, Prüfungen und so“, erklärt Simon. „Aber wir haben jetzt unser Equipment und einen Haufen Geräte – also sollte es eigentlich schon irgendwie weiter gehen.“ Drängt sich die Frage, wo man sich in zwei Jahren trifft; an einer Nebenparty der Street Parade, die auf Independent-Electro-Acts setzt? „Das ist gar nicht so abwegig, wir sind sehr elektronisch unterwegs“, sagt Simon mit einem Grinsen im Gesicht. „Mal sehen, was da kommt...“