Gustav erfindet nicht. Er empfindet
Text: Ko:L
Bilder: Gustav
Die bizarre Geschichte von Pfarrer Fasel ist Gold wert – seine Verzweiflung an seinen „666 Schaf“ wird hör- und damit rasch fühl- und greifbar. Im „Thujahaag“ lässt sich Gustav lautstark über all jene aus, die sich hinter selbigem verstecken und ihre Nase doch überall reinstecken wollen müssen. Bloss Minuten später besingt der Freiburger, sich selber nur mit akustischer Gitarre begleitend, den „Abe am See“ in einer entwaffnend ehrlich-romantischen Stimmung, dass man glaubt, er könnte kein Häärchen krümmen. Und „Ce que nous sommes“ ist eine opulente Hymne vom Format eines JJ Goldmann an das Wesen Mensch... Punk, Popper, Chansonier, Songwriter - Gustav ist alles. Und sein neues Album „666“ zeigt den Barden erneut von seiner vielseitigen Seite, wahrscheinlich vielseitiger, als es „Dans le jardin de mon coeur“ noch war.
„Gut möglich, dass das letzte Album etwas verhaltener war, als jetzt ‚666’“, sagt Gustav vor dem Konzert zum Tourstart in der Mühle Hunziken in Rubigen. „Es war mein erster Gehversuch in Mundart und bisweilen lief es mit dem Songwriting harzig.“ Bei „666“ sei das anders gewesen. „Wenn ich die Songs heute höre, erkenne ich mich wieder, ich singe so, wie ich spreche.“ Darüber hinaus seien viele der Songs „aus einem Guss“ entstanden, sagt Gustav mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht – und auch sichtlich Stolz. Denn: Songs, die vergleichsweise leicht von der Hand gegangen sind, bedeuten nicht, dass die Produktion des Albums ein Spaziergang war. „Im Gegenteil“, betont der Barde, „es Steckt ein riesen Arsch von Arbeit darin und es gab Momente, in denen ich fast nicht mehr wusste, wie weiter. Darum bin ich jetzt umso zufriedener mit dem Ergebnis – und stolz es in Händen zu halten und den Leuten zu zeigen.“
Ein anderer Grund für Gustavs Freude über das fertige Album ist womöglich der Umstand, dass er einmal mehr auch ein Stück von sich selber präsentiert. „Die Figur Gustav und der Mensch Gustav sind einander mittlerweile sehr nahe“, sagt der Musiker, und erklärt: „Früher war ‚Gustav’ mehr noch eine Kunstfigur. Heute sagen wir sogar meine Tanten Gustav.“ Seine Musik sei für ihn eine Art Psychotherapie geworden. „Früher, als Teenager, habe ich eine Menge Scheiss gebaut“, sagt der Freiburger. „Heute ist die Musik mein Ventil – und zwar das Verarbeiten von Erlebnissen beim Schreiben von Songs genauso, wie das Gas geben und Sau rauslassen auf der Bühne.“ Entlädt sich dieses Ventil, können Nummern wie „Thujahaag“ entstehen – „Der ist durchaus auch an mich selber gerichtet, weil ich mich selber immer wieder dabei erwische, wie ich mich dahinter verstecke.“ –, oder die gnadenlose Abrechnung „Saftsack“. Und selbst das „Requiem (für an aarrma Huun)“ ist eine erlebte Geschichte. „Ich musste damit rechnen, dass ich darauf angesprochen werde“, weiss Gustav, „aber ich spreche nicht gerne darüber.“ Er verrät aber, dass es sich um einen verstorbenen Freund dreht, dem auch das ganze Album gewidmet ist. „Solche Erlebnisse verarbeite ich in meinen Liedern“, sagt er. „Ich erfinde nicht. Ich empfinde.“
So emotional seine Musik ist, so rational geht Gustav derweil bei der CD-Produktion zur Sache. „Ich habe bisher bei jedem Album nach einem Konzept gearbeitet“, erklärt Gustav. „Das ist für mich sehr wichtig. Weil ich und meine Musik so viele Facetten haben und so vielseitig sind, besteht die Gefahr, dass das ganze ausufert und sich verzettlet.“ Gustav, der Einsichtige und Selbstkritische. „Logisch, schliesslich steht mein Name vorne auf dem Album und ich bin der, der es dann in Gesprächen wie dem jetzt vertreten muss.“ Und so waren es für „666“, sein sechstes Album, die Gegensätze, von denen er sich hat leiten lassen. „666 und 999, Himmel und Hölle, Dunkel und Hell, das sind Dinge, die gut zum Album passen.“ Und so war auch schon im vornherein klar, dass sechs deutsche und sechs französiche Songs auf der CD Platz finden werden. „Mit diesen Konzepten stecke ich den Rahmen meines Spielplatzes ab“, erklärt Gustav. „Dann kann ich auf diesem abgesteckten Spielplatz machen, was ich will.“ Wenns sein muss – wie bei „666“ – ist eines der Spielzeuge auf diesem Spielplatz dann auch der Zeichentisch, sodass Gustav die Illustrationen fürs Cover auch gleich noch in Eigenregie anfertigt.
Sein erklärtes Lieblingsspielzeug auf diesem Spielplatz ist am Ende die Bühne. „Ja, live spielen ist der Lohn für harte Arbeit“, meint er mit einem Grinsen im Gesicht, anderthalb Stunden bevor er die legendären Bretter im Kultlokal vor den Toren Berns betritt. „Eine CD produzieren, ist harte Arbeit“, sagt Gustav, „die ich gewiss gerne mache. Aber auf der Bühne fühle ich mich viel mehr daheim, als im Studio.“ Und er liess den Worten Taten folgen, präsentierte sich gutgelaunt und energiegeladen – und fand gewohnt rasch den Draht zum Publikum. So blieb am Ende des Abends die Erkenntnis: Je mehr Gustav seine Gegensätze auslotet, desto eher scheint er zu sich selber zu finden. Und Musiker, die sich selber gefunden haben, werden geliebt für ihre Authentizität und Ehrlichkeit.