Brunch mit Hemlock Smith
Text/Bilder: MonthyChristo
Sonntag Morgen um die elf Uhr irgendwo in Lausanne. Ein gut vorbereiteter Michael "wosch grad es Kafi?" Frei empfängt mich lächlelnd zu ungewohnter Stunde. Das Gespräch gibt mir die Möglichkeit, dem Mythos Hemlock Smith auf den Grund zu gehen. - Soloprojekt oder ganz normale Band? hi tech oder low budget? - zwei Freaks bei der Lagebesprechung...
"Wir haben jetzt ein Management gefunden und machen uns daran, die nächste Scheibe vorzubereiten. Definitiv als ´Hemlock Smith´. Wie und wann ist noch unklar, sie erscheint aber eher 2005, denn 2004." Die Zukunft und schon seit längerem Live-Auftritte zeigen Hemlock Smith also mehr als Band, doch wie war das nun anhand der letzten CD "A Secret Life"? Wie wurde die nun eingespielt? "Alleine und doch nicht alleine", intoniert Michael die Story mysteriös, "ich bin ja im Prinzip kein Musiker, ich kann etwa vier Akkorde auf dem Klavier. Was ich gemacht habe, war die Songs in brachialer Form im Computer zu Demos zusammen zu basteln. Diese wurden dann von den Musikern zu Stücken arrangiert und in einem gemieteten Schulhaus live eingespielt. Wir mussten aber einsehen, dass das Endprodukt klanglich nicht bestehen konnte. Wir hätten das Material entweder entsorgen können oder zurück in den Computer damit, zerstückeln und wieder zusammenbauen. Das dauerte über ein Jahr und wurde für mich zur Studioplatte anhand einer Live-Aufnahme."
Diese Studioplatte glänzt durch Arrangements, die auch die Stimme miteinbeziehen und sehr durch deren Stimmungen mitgestaltet wird. "Wir haben ja schon seit Jahren entweder mit miesem Equipment oder in miesen Clubs gespielt, teilweise ohne PA und mit der Zeit spielen da immer alle lauter und lauter. Der erste der dabei untergeht ist logischerweise der Sänger. Er kann entweder resigniert auf Playback machen oder schreien. Ich wollte dann einfach mal eine Scheibe machen mit ´integrierter´ Stimme als Instrument, die sich ins Arrangement einfügt." Dass diese Bescheidenheit nicht falsch ist, sondern der Hemlock sich eben einfach nicht so wichtig nimmt, ist unverkennbar. "Es ist ja so, wenn du für ein Projekt einen sehr guten Sänger hast, dann versteckst du ihn eben nicht. Bei mir war es so, dass ich mich nicht primär als Sänger verstehe, sondern als der, der seine Texte umsetzen will, sie auch selber vorbringen will, aber sängerisch nicht so sehr der Profi ist." Es heisst ja nicht umsonst Singer/Songwriter... "ich bin da in guter Gesellschaft. Singen zu können ist nicht so wichtig." flachst Michi und fragt besorgt: "no es Kafi?"
Man könnte da auch widersprechen, jedoch nicht beim Kaffee. Die Stimme ist jedenfalls facettenreich und interessant. Alles andere ist bekanntlich Geschmackssache. "Die Leute sagen mir, dass meine Singstimme sich stark von meiner normalen Stimme unterscheidet. Auf ´Secret Life´ wurde sie nur bei etwa vier, fünf Songs massiv verändert." Die Reaktionen auf solche Experimente sind gespalten: "Das ist bei einigen Leuten gut angekommen, anderen sind die Effekte suspekt." Deshalb lässt man sich bei Freis aber noch lange nicht aus der Ruhe bringen. "Ich habe schon immer gewusst, dass meine Stimme gewöhnungsbedürftig ist und habe mich deshalb entschieden, das auch wirklich durchzuziehen, also die Stimme als Gestaltungselement des hemlockschen Stimmungsbildes einzubeziehen. Denen, die es mögen, gefällt es heute besser als früher."
....und den anderen gefällt´s eben nicht. "Man hört ja selbst auch Platten und wenn etwas Müll ist, dann sagt man das auch. Damit habe ich kein Problem. Was ich nicht gut finde, ist wenn jemand kritisiert, es sei nicht kommerziell oder so." Dreinreden lässt Michael sich sowieso nicht - weder in Sachen Band noch in Sachen Songs. "Songwriting ist für mich eine emotionale Sache. Ich sitze oft am Klavier und lasse mich einfach treiben, schreibe die Worte auf wie sie kommen, ohne sie gross zu ordnen. Darunter sind dann auch Sachen, die irgendetwas an sich haben und dort frage ich nach: ´was ist denn das?´ Manchmal weiss ich sofort, warum und wieso, aber manchmal weiss ich es selber lange nicht und muss erst herausfinden, worum es in meinem Song geht." Dieses Vorgehen drückt sich dann auch in den Texten aus. "Ich sitze also nicht hier und denke: ´ich muss jetzt einen Song über den Irak-Krieg schreiben.´ Bei mir ist es auf der persönlicheren Seite. Die Texte sind etwas skurriler, nicht so durchsichtig. Aber ihr könnt ja selbst herausfinden, obs klick macht oder nicht..." Und zwar in der VIP-Lounge, wo ein neuer Hemlock-Song namens "John O´Hara" extra für Euch übersetzt wurde. Beste Chancen also...
Damit wäre erstmal das meiste gesagt, vielleicht bis auf... "Kafi?" - ich nicke und suche einen würdigen Abschluss für den mit frühesten Artikel meiner bisherigen Laufbahn. Michael Frei alias Hemlock Smith hilft mir mit einer Tasse feinsten Espressos und einer kleinen Studio-Anekdote abermals aus der Patsche: "Ich habe da mal eine 80er-Jahre-Drummaschine (siehe oben) gefunden mit furchtbarem Sound und hatte die Schnapsidee, dass die halt zum Tönen gebracht werden muss. Komm ich also ins Studio und steck sie an, dann machts WOOOOO und alle drehen sich um und fragen ´Schpinsch???´ und ich sage ´Du - es muess...´ Der Techniker war dann zwei Monate am Basteln bis irgendwas Hörbares dabei rauskam..."
John O´Hara (Michael Frei, übersetzt von Monthychristo)
John O´Hara built a boat
on Erie Rivers it would float
to see the sun and the moon and the rest of it
John O´Hara baute ein Boot
um auf den Erie-Flüssen zu fahren
Sonne, Mond und Sterne anzuschauen
Niagara was a drop
but O´Hara couldn´t stop
he stumbled on till he found the edge of the world
and fell off
bei Niagara kam der Fall
O´Hara konnte nicht mehr bremsen
und stolperte kopfvoran bis zum Tellerrand
und er fiel hinab
in outer space he turned to moss
clinged to meteors and rocks
and learned to grow into something unacceptable (quite)
in den Weiten des Alls wurde er zu Moos
und krallte sich an Meteorenflesen fest
und wuchs und wuchs ins (gar) Unmögliche
and even black holes came to nod
solar systems called him god
and so he came back with a vengeance and a grin
and a laser gun (run)
selbst schwarze Löcher kamen ihn zu huldigen
und Sonnensysteme drehten sich um ihn
und als er wiederkehrte, mit Rache und mit Lust
und einem Lasergewehr (rennt!)
the movie industry was rude
paid to print him in the nude
but left him out to dry like Chaney in a cardboard shrine
die Filmindustrie war zu ihm gemein
zahlte, nur um ihn nackt zu sehen
doch liess ihn verdursten wie Chaney* in einem Kartonsarg
his heart and soul a living wreck
cheep seats - cheap special effects
he plays to kids in a slimy B-movie theatre
up north in Canada
sein Herz, die Seele abgewrackt
auf billigen Plätzen, so abgef***t
spielt er nun Kasperletheater
irgendwo in Kanada
John O´Hara
John O´Hara
John O´Hara
where are you?
I see myself in you
John O´Hara
wo bist du?
ich seh mich selbst in dir
the way of things is quite a scheme
and even space it circumvenes
as if someone had a way of telling us
don´t go anywhere
der Dinge Lauf bedingt einen Plan
der selbst das All umschliesst
als ob irgenetwas uns sagen wollte:
geh nirgendwo hin
we don´t go anywhere
wir müssten nirgendwohin gehen
* Anm. Michael Frei zum Verständnis: LON CHANEY WAR EIN USA SCHAUSPIELER DER IN DEN 40ERN JAHREN IN SCHLECHTEN HORRORFILMEN GESPIELT HAT, ALSO IN DEKORS AUS KARTON (CARDBOARD) UND IN SAERGEN (SHRINE) FUER MIESE VAMPYRFILME