Hemlock Smith: „Eigentlich bin ich sehr scheu!“
Text: Ko:L
Bilder:
ckphoto.ch
Ist dieser Mann Gast oder Gastgeber? Mit Hut, Veston und Koffer „bewaffnet“ betritt Michael Frei die Bühne, präzise ausstaffiert, wie auf dem Cover des jüngsten Albums „Keep the devil out of Hillsboro“. Seeine vier Mitmusiker haben die Regie im Intro übernommen, nachdem ganz am Anfang irgendwelche Radio-Wellen ab Band rauschten. „Dasch mal es geils Intro“, entfährt es einem Konzertbesucher. Es ist bald klar: Hemlock Smith, die Band um den Wahl-Lausanner Michael Frei, steht auf LoFi. Analog ist Trumpf, alte E-Pianos, Kontrabass, Akkordeon, Mundharmonika, viel Steel- und wenig E-Gitarre und ein Drum sind die Instrumente des Vierers um Frontmann Frei. Frei, der die Bühne betritt, höflich den Hut gegen das Publikum hin gewandt zieht, seinen Koffer abstellt und loslegt…
„Ich bin eher der Studiomensch“, hat der Sänger und Songscheiber wenig vorher im Interview gesagt. „Ich beginne erst, vermehrt live zu spielen. Eigentlich bin ich sehr scheu.“ Die Anforderung, eine Rampensau zu sein, erfüllt indes nicht nur der Frontmann nicht. Die fünf Mannen, die tief unter Berns Altstadt-Gassen irgendwo zwischen Salon-Punk und Anarcho-Pop umher(schw)irren, gehen in ihrem Sound auf, und nicht in der Show oder der Effekthascherei. Wenn Frei aber gegen Konzertende schier ins Fliegen kommt, dann wird offenbar, welches Potential in dieser Band stecken würde; in jenem Moment, in dem die Energie frei gelassen wird – egal, ob als unbeschreiblich schöner Popsong „Dunkirk/Jerusalem“ oder als kraftvoll neu interpretierter Hemlock-Klassiker „Bedtime Stories High“.
Das Set ist aus Songs aller fünf Alben, die Hemlock Smith seit 2002 herausgegeben haben, zusammengestellt. Im Grund der Dinge sind die Nummern vor allem eines: Wunderschöne Popsongs. „Ich habe das Rezept für einen Hit noch nicht gefunden“, sagt Michi zwar vor der Show – und beweist Galgenhumor. Doch wenn er auf der Bühne steht, taucht er ein eine Welt, die vor allem in Moll geformt ist – und die von fesselnden Melodien und Stimmungen geprägt ist. Dass keine von ihnen bisher zu einem Hit geworden ist, dürfte in Freis Liebe zum Exzentrischen liegen. Sind die Songs nicht im bewusst schlichten Kleid gehalten wie „Haunted Weekend“, sind sie oppulent und laut arrangiert und immer wieder mit Tempo-Wechseln versehen. Seien wir ehrlich: Zu viel des guten für Otto Normalmusikkonsument.
Mit drei Alben in den letzten 18 Monaten hat sich Michael Frei schier kapput gearbeitet. „Das war definitiv zu viel“, sagt er, „das mache ich nie wieder.“ Aber manchmal sei das halt so, dass in extrem kurzer Zeit extrem viele Songs entstehen. „Doch in Zukunft werde ich lieber den einen oder anderen aufbehalten für ein späteres Album“, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen. So wie „Dunkirk/Jerusalem“: Den hat der Wahl-Lausanner ganze zwanzig Jahre mit sich rumgetragen. „Er wurde bisher nie fertig – doch jetzt habe ich einen Abschluss gefunden und ihn aufs Album nehmen können.“ Zum Glück. Denn er ist definitiv eines der Highlights – nicht nur auf „Keep the devil out of Hillsboro“, sondern auch live. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Hemlock Smith es Schaffen, derartige Perlen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Den Weg dahin hat Songschreiber Frei schon eingeschlagen. „Ich ertappe mich immer mehr dabei, wie ich versuche, die Songs sehr reduziert zu schreiben. Gitarre oder Piano und Gesang. Mehr nicht. Wenn ein Song so nicht funktioniert, funktioniert er gar nicht.“