Hemlock Smith steht im Regen
Text: Eve
Bilder: Eve, Cover
Hemlock Smith’s neues Werk ist fertig – endgültig und unwiderruflich. Monthy hat die Entstehung des Albums über die letzten zwei Jahre verfolgt und mächtig in die Tastatur gehauen, um euch immer auf dem Laufenden zu halten. Schon 2004 schrieb er über Projekt „F = 0“, schilderte etwas später „Projekt 2005 - die Rohversion“ und berichtete schlussendlich über „Status: In a coma“. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass er sich gerade zur Taufe der endgültigen und besiegelten Version „Umbrella Fitz & Gerald“, nicht frei machen konnte. Und wieder einmal sprang Notnagel Eve, mit Kamera und Minidisc bewaffnet in den Zug, diesmal Richtung Lausanne. Als ich dort angekommen war und, welch Wunder, sogar „Le Bourg“ gefunden hatte, war es zwar bewölkt, aber trocken. Auch war das Konzert alles andere als unter freiem Himmel. Dessen ungeachtet, standen mehrere riesengrosse, beleuchtete Regenschirme verteilt auf der Bühne. Als ich den Sänger und Projektleiter Michael Frei fragte, ob er im Regen stehe, lachte dieser: „Stimmt schon, gewissermaßen. Auch auf dem Cover bin ich ja mit einem Schirm. Wir fanden das einfach lustig, gerade weil das Foto aus purem Zufall entstanden ist. Wir wollten dann diese Idee eben auch auf der Bühne umsetzen.“
Das Konzert selber war außergewöhnlich. Eine kleine Bühne, gedämpftes Licht (der Fotograph in mir fluchte) und im Hintergrund eine Leinwand mit Visuals und kleinen Filmen. Die meist ruhigen, feinen Stücke trugen Michael und seine Band mit einer Energie und Innbrunst vor, dass ich Hühnerhaut bekam. Die schnelleren Stücke gingen durch und durch. Dass Stühle und Tische herum standen und man im Sitzen in den Klängen schwelgte, störte nicht im geringsten, bei Hemlock Smith’ Musik muss man zuhören um sie zu verstehen. Damit meine ich nicht unbedingt die Texte, jedenfalls nicht nur, dazu ist mein Englisch nicht ausreichend. Aber die Songs sind so lebendig und Michaels Stimme und die Instrumente erzählen Geschichten für sich. Und mit den Filmen im Hintergrund wuchs die Plattentaufe beinahe zu einer modernen Operette. Im nachfolgenden Talk gestand mir Michael: „Es hat mir wirklich gut gefallen. Vor allem weil ich denke, dass die Zuhörer verstanden haben, was wir ausdrücken wollen. Für mich ist es aber immer auch eine Frage der Perfektion und es war auch heute Abend nicht perfekt. Ich möchte es jeden Abend besser machen.“
"Umbrella Fitz & Gerald" ist der zweite veröffentlichte Tonträger der Gruppe. Im Gegensatz zum Erstling sind bedeutend weniger Loops und Effekte eingebaut. Die Songs wurden live aufgenommen und auch wenn sich Michael selber als „Nichtmusiker, eher Projektleiter“ bezeichnet, so klingts doch eigentlich unerhört gut. Die Schuld daran gibt er den Leuten im Hintergrund, der Band und dem Mischer. „Die neuen Songs würde ich eher in Richtung Pop oder vielleicht sogar Folk einordnen. Es war doch die Idee, 'wirkliche!' Songs zu schreiben, Songs die klassisch gemacht sind. Klassischer Pop“, beschreibt Frei seine Musik und fügte ganz bescheiden hinzu: „Was ich gerne machen würde, ist noch bessere Songs schreiben. Und besser singen...“ Während der Entstehung des Albums gab es mehrere potenzielle Titel für das Gesamtwerk. Einer davon, F=0 (Future amounts to nothing), wurde später zum „nur Song“ degradiert. „Das ist ein Song, der gar keinen Sinn macht vom Text her. Es ist eher so ein Kindergeschichtlein. Aber die Idee dahinter ist, dass das Leben als solches ziemlich absurd ist und man es nehmen sollte, wie's kommt.“
Wortspiele sind ganz im Sinne des Texters und Zweideutigkeiten und Verzerrungen sein Ding. Das beweist auch der zum Schluss gewählte Titel der Scheibe. "Umbrella Fitz & Gerald" ist ein zusammengewürfeltes „Ella Fitzgerald“, eine fantastische Jazzsängerin, und „F. Scott Fitzgerald“, einem amerikanischen Schriftsteller. "Umbrella Fitz & Gerald" ist Ambient-Pop der eine unglaublich vertrauliche, persönliche Stimmung aufkommen lässt. Feiner und gedämpfter Schall umspielt mit ungehobelter Zartheit die innige, einträchtige Stimme von Michi. Und doch klingt nicht alles wie aus einem Guss, was ja einschläfernd wirken würde. Die wenigen technischen Effekte sind erlesen und dezent, aber präzise und wirkungsvoll platziert. Mit reinen, puren Lauten, besinnlichen Worten und bezaubernden Storys formt Hemlock Smith ein außergewöhnliches und bedeutendes Werk und schreibt damit Popgeschichte. Einzige Kritik: Zu viele langsame Stücke, zuwenig Temperament. Es hätte noch mehr Power-Songs mit mehr Tempo gebraucht, um flüssiger zu werden. Ganz besonders und originell ist allerdings „The Moondog Suite“. Die Storys von vier Liedern, die Michael quasi getrennt vom Rest der Scheibe in eine eigene Suite stellt, widmet er diversen Musikgrössen, vor allem aus dem Jazzbereich. „Allesamt Musiker, die zwar unglaublich talentiert waren, aber nie glücklich wurden und die traurige Enden mit Alkohol und Drogen fanden.“ Mein ganz persönlicher Favorit und natürlich temporeichstes Stück der Scheibe ist „Blues is dead“, geschrieben zur Geburt seines Sohnes und Schlussstrich unter betrübte Zeiten. „Der Blues ist tot. Das war und ist immer noch ein sehr wichtiger Song für mich...“
Das der Lausanne-Zürcher Musik machen MUSS, nicht des Geldes oder Ruhmes wegen, sondern für sein Seelenheil, hört man dem fertigen Produkt auch an. Auf der Bühne lebt Michael regelrecht mit den Sogs, unterstreicht sie mit Bewegungen und Mimik. „Ich sehe mich ja nicht auf der Bühne, wenn ich aber etwas auf Video sehe, finde ich es immer ziemlich grauenhaft...“, lachte dieser zum Thema. Wie auch immer, wir überstanden das Konzert ohne Regen. Was die Kleider der Musiker wohl eher feucht machte, davor konnte kein Regenschirm der Welt sie bewahren. Ich, für meinen Teil trocken, beanspruchte gerne die Gastfreundschaft des zweifachen Vaters und übernachtete im schönen Lausanne. Der Weg von Michael führt auch weiterhin immer nur vorwärts. Ruhelos, wie Künstler wohl so sind, spuken schon neue Ideen in des Musikers Haupt, denn auf Lorbeeren ruht sich Hemlock Smith nicht aus. „Ich habe im Kopf schon wieder neue Songs und denke, die könnten noch besser werden...“ Trespass hält euch sicher auch weithin auf dem laufenden. Vorerst könnt ihr den Radio-Talk, bei dem ihr mehr erfahrt und hier angeschnittene Themen ausführlicher erklärt bekommt,
live am 2. Oktober 06 zwischen 20.00 und 22.00 Uhr bei Radio Emme mitverfolgen oder euch später hier im Archiv die Sendung downloaden. Wetterfeste Kleider nicht vergessen...