Kid Ikarus bringen Menschen zum Weinen
Sphärische Instrumentalmusik klang am Samstagnachmittag von einer der Bühnen am Stonehill Festival in Alterswil im Kanton Freiburg. Kid Ikarus (Manu, David, Manu und Patrik) aus Zürich lösten beim Publikum grosses Staunen aus. Die Leute hörten konzentriert zu; es wurde kaum mehr ein Wort gesprochen. Beim anschliessenden Interview erklärte Patrik (git.) das Phänomen Kid Ikarus. „Wir unterscheiden uns von anderen Bands nicht nur, weil wir keine Stimme haben, sondern weil die Strukturen der Songs ganz anders sind“, sagt er und findet, dass Gesang nicht zu ihrer Musik passen würde und es gut sei, wenn alles auf das Nötigste reduziert werde. Vor vier Jahren, als alles mit Kid Ikarus begonnen habe, hätten sie Songs mit Gesang gehabt. Die ganze Band habe aber angefangen, vermehrt Musik ohne Stimme zu hören – und sich dann entschieden selber auch nicht mehr zu singen. Und das wird laut Patrik so bleiben, obwohl alle Bandmitglieder singen könnten. „Eine Band ohne Sänger hat noch weitere Vorteile“, betont der Gitarrist. Die Band arbeite mit dem Ziel, dass jeder gleichviel beitrage und niemand eine besondere Rolle habe. Zusammen werden Songs entwickelt, einander vorgespielt, ergänzt – alles sei ein langsamer, schleichender Prozess. „Mich stört an Bands mit Gesang der Fokus auf dem Sänger und dass dem Rest der Musiker nicht wahnsinnig viel Beachtung geschenkt wird.“
Als ich Patrik auf die Reaktionen des Publikums anspreche, meint er prompt: „ Das Publikums ist uns eigentlich egal, denn wir möchten in erster Linie uns selber befriedigen.“ Es gebe Leute, die anfangen zu weinen, weil sie Kid Ikarus' Musik so schön fänden. Anderen gefalle es gar nicht, vor allem weil der Gesang fehle. „Vielen Leuten fehlt der Zugang zu unserer Musik, weil sie zu sehr an Gesang und Strophe/Refrain-Strukturen gewöhnt sind. Ausserdem sind wir keine Stimmungsband zu der man Party machen könnte. Man muss sich also wirklich auf die Musik einlassen, sonst kann man damit wahrscheinlich nicht viel anfangen. Uns ist klar, dass wir nie im Radio gespielt werden oder im Fernsehen auftreten können. Aber live konnten wir bereits in verschiedenen kleinen Clubs auftreten und spielten heute am zweiten Festival“, sagt der Gitarrist.
Obwohl Kid Ikarus auf der Bühne keine eigentliche Show bieten und stattdessen vorwiegend sitzen und konzentriert auf den Boden schauen, ist Patrik überzeugt: „Unsere Musik hat Substanz, die Leute, welche unsere Musik mögen, bleiben auch dabei. Wir erzeugen kein Wegwerfprodukt, denn die emotionale Ebene ist bei uns im Vordergrund.“ Und bereits arbeiten Kid Ikarus an einem neuen Album. Oder müsste man besser sagen, schuften? Fürs erste Album brauchten die Vier fast dreieinhalb Jahre. Und die zwei neuen Songs entwickelten sie in einem Jahr. „Wir arbeiten nach dem Prinzip `work in progress`. Manchmal stresst es uns schon, dass alles so lange dauert, aber es geht nicht anders“, sagt Patrik. Sie hätten einfach viel Material und zu wenig Zeit alles abzubauen. Denn bereits ist eine Deutschland-Tour in Vorbereitung – nicht zuletzt im Hinblick auf das neue Album...