Stephan Imobersteg und die Gegensätze
Text: Ko:L
Bilder:
musicbild.li/Cover
Er ist in Berner Oberland aufgewachsen, anstatt in Tennesse. Sein Album hat er in Adelboden aufgenommen, anstatt in Nashville; gemischt wurde „Changing Lanes“ in Gurzelen, anstatt in Austin. Gemastert wurde in Interlaken, anstatt in New Jersey; die Plattentaufe fand vor 150 Leuten im rappelvollen Rustico-Pub statt anstatt in einer 15'000-er Arena im mittleren Westen. Aber abgesehen von diesen Unzulänglichkeiten sind die Unterschiede zwischen dem Giel aus dem Berner Oberland und einer in den USA hoch gefeierten Americana-Grösse praktisch nicht wahrnehmbar – weder live, noch ab Konserve. Das Banjo in „I will smile, when I'm gone“ würde gewiss genauso gut in eine dürre Steppe passen, wie das Örgeli von der saftigen Schweizer Matte Steff Sound an der Plattentaufe abrundet.
Imobersteg ist ein Mann, der aus Gegensätzen Kreativität schöpft. Sein Solo-Debut „Why we hang dreams“ hat seine Wurzeln im idyllischen Berner Oberland – aufgenommen hat er es im pulsierenden Berlin. Der Zweitling „Changing Lanes“ ist genau umgekehrt entstanden. Er beherrscht ihn, den Spurwechsel. An der Plattentaufe steht Imobersteg zuerst alleine auf der Bühne. Dann zu zweit mit Celina Hurni, dann mit Örgeler Stülpe und Pianist Chlous – und im zweiten Teil des Abends mit ausgewachsener Band mit Emre Aydin am Bass, Jean Claude Reusser an den Drums und Orlando Demont an der Gitarre. Country, Texmex, Americana, Indie-Folk – alles wären Tags, die Imobersteg stehen würden. Aber jedes einzelne für sich würde dem Berner Oberländer mit der Ami-Seele schlicht nicht gerecht werden. In „Highway to nowhere“ zeigt sich Imobersteg von seiner zerbrechlichen Seite, ruhig und introvertiert – bloss, um im nächsten Song, „Fever of a restless break“ in Punk-ähnlicher Manier mit slidender Steel-Guitar loszurocken wie ein Berseker...
Auch wenn es dann und wann deftig krachen darf und kann bei Imobersteg: Er ist kein Mann der lauten Töne, er ist keiner, der das Rampenlicht sucht. Bevor er an der Plattentaufe selber die Bühne betritt, überlässt er die Bretter, welche auch im kleinen Rahmen eine grosse Welt bedeuten, die Bühne anderen; Clod aus dem Emmental und Tom Lee aus Thun. So wie er schon unzählige Male die Bühne anderer nutzen durfte, um einen nächsten Schritt auf seinem Weg nach oben zu machen. Jetzt nimmt er andere mit. Denn oben, oben ist Imobersteg noch lange nicht... Ruhm, Ehre und Rampenlicht sind noch weit entfernt, für die grosse Masse ist Imobersteg ein Newcomer. Für seine Freunde und Fans, die gekommen sind, um die Plattentaufe zu feiern, ist er aber ein Weltstar. Weil er schon einiges von dieser Welt gesehen hat. Und gehört. Und beides zusammen zu einem Sound vermengt, der nicht nur von Welt ist, sondern auch ready ist, für die Welt. Für die grosse Welt und für die grossen Bühnen.
Gewiss, er würde sie spielen, die grossen Bühnen. Und er würde sie füllen, mit Sound. Mit Präsenz. Und mit Charisma. Bestimmt. Aber Stephan Imobersteg sucht weder die grossen Bühnen bewusst, noch das Rampenlicht. Das Video zum Song „Invisible Bridge“ ist sinnbildlich: Viele Drehorte, die Steffs Vielseitigkeit eindrücklich dokumentieren. Aber er steht nie im Mittelpunkt. Er hält sich diskret im Hintergrund, unauffällig, aber dafür umso wirkungsvoller. Sein ist Imoberstegs Ding. Nicht Schein. Egal, wie oft er noch Spur wechseln mag: Dieser wird er treu bleiben.