Japrazz? – Jazz-Rap!
Text/Bilder: Monthy
Ein Name ist Programm – Mit einem bisschen Buchstabenvertauschen lässt sich nämlich aus dem Bandnamen ganz einfach den Musikstil ermitteln- Aus Japrazz wird Jazz-Rap. Frontmann Phil aka "Phil the ill lyricist" stimmt dem sofort zu: "Das ist richtig. Wir sind ein Ensemble von Jazzmusikern mit MC vorne dran." Dabei betont er die Band, wozu ich ihn mit meiner fast an den MC persönlich gerichteten Frage erst animiert habe. Trompeter Aurel fügt schmunzelnd an, dass man Phil zu dieser Darstellung der Dinge genötigt habe. Rap ist halt nun einmal ein Spielplatz für Egoisten wozu sich schlussendlich auch der Japrazz-Lyriker bekennt: "Ich heisse ja Philthilllyricist und die Band heisst absichtlich anders. Damit dies auch nach aussen kommuniziert wird. Im Genre gibt's halt viele Egomaniacs und ich bin doch auch einer…" Nur pflegt er sich halt, etwas gewählter auszudrücken.
Zum Musikstil von Japrazz, eben Jazz-Rap, passt durchaus auch ein wenig Stil. Auch die Referenz-Band, die ich jetzt erwähne bringt viel davon mit. Wenn man den Sound Japrazz' anhand einer anderen bekannten Band erklären will, bietet sich eigentlich überhaupt nur eine an: Buckshot Lefonque! "Das ist ein grosses Kompliment für uns", bedankt sich Phil und bestätigt meinen Volltreffer, "Als ich begann, Musik zu machen, war ich sechzehn und Buckshot hat mich dazu inspiriert. Das war die Musik, die ich damals gehört habe und ich halte sie für eine der besten Mischungen aus Jazz und Rap überhaupt. Wir versuchen nicht, gleich zu sein wie sie, aber der Vergleich ehrt uns." Unterschiede sind natürlich vorhanden – während Buckshots musikalisches Mastermind Brandford Marsalis beispielsweise auch noch singt, beschränken sich die jungen Schweizer auf Rap über Jazz. Phil: "Ja, ich kann nicht singen… Man darf sich da vom Namen nicht täuschen lassen. Wir machen nicht fifty-fifty Jazz und Rap.Wir sind eine Rapband, die auf Jazzessenzen aufbaut."
Und Aurel konkretisiert diese "Jazzessenzen" folgendermassen: "Ich würde sagen, etwa 10% Jazz und 90% Rap…Essenzen finde ich, ist ein sehr schöner Ausdruck." Wir schmunzeln gemeinsam. Genauso wenig sollte man nun voraussetzten, dass Japrazz' Sound wegen dieser Jazz-Basis nun besonders ruhig und langsam ist. Das dürfte dem Burgdorfer Publikum spätestens beim letzten Song des Konzerts aufgefallen sein, als Phil und seine Hintermänner ein wahres Schlussfurioso auftischten. Aurel: "Erstens umfasst Jazz ein sehr weites Gebiet. Da gibt es viele Strömungen in Richtung Pop und Rock. Es kann recht heftig sein. Zweitens haben wir nicht nur Jazz-Einflüsse sondern sind allgemein offen für jegliche Musikstile. Zum Teil spielen wir auch Konzerte mit Streichern, was dann eher ein klassischer Einfluss wäre…"
A propos Bugdorf. Wie einleitend erklärt, steckt der Musikstil von Japrazz ja eigentlich schon im Bandnamen. Das hielt aber die Veranstalter des Punkfestivals (!) Pogoschütz auf der Burgdorfer Schützenmatte nicht davon ab, Japrazz zu buchen. Haben die das nicht mitgekriegt oder was? – Phil: "Ich sage da einfach mal 'Dankeschön' an Tom von 081, unseren Booker, der uns diesen Gig organisiert hat… Aber wir haben gerne gespielt und es war auch relativ dankbar vor 150 Punkernasen zu spielen. Aber der Veranstalter hätte sich das vielleicht zweimal überlegen sollen – ich weiss nicht…" Der grosse Unterschied zu den übrigen anwesenden und echten Punkbands war übrigens ein Kompliment für Japrazz – die anderen mussten nämlich teils vor 20 bis 50 Nasen spielen, wenn auch im kleineren Zelt. Phil findet den Crossover-Touch, der dadurch entstanden ist, auch ganz gut – "Wir erleben es immer wieder, dass wir Leuten eine Freude machen können, die überhaupt nicht auf Hiphop stehen – oder Jazz… Wir haben durchaus das Potential für ein recht breites Publikum. Gerade wenn Aurel mit der Trompete abdrückt oder bei unserem Drumsolo – das kommt auch bei headbangenden Langhaarrockern durchaus an."
Auf den ersten Blick erstaunte es – aber tatsächlich hatten die Punks keine Berührungsängste, abgesehen von einzelnen vielleicht. Passiert es der Band eigentlich öfter, dass sich Leute, die sie nicht kennen, falsch einschätzen? Jazz hat in der Schweiz zwar durchaus Tradition, allerdings nicht die Fusion Jazz-Hiphop. Die ist hier eher unbekannt. Verunsichert das die Leute?– Phil nutzt erstmal die Gelegenheit, mir ein Kompliment unterzujublen: "Was in Interviews oft passiert –bei dir wohlgemerkt nicht… - ist, das immer gesagt wird, Jazz sei eine nationale, ruhige Musik und Hiphop das Gegenteil. Und das ist ein generelles Missverständnis, wie wir ja vorhin schon bemerkt haben. Zwischendurch sind die Leute an den Konzerten schon ein wenig überfordert mit unserer Mischung. Dann bringen wir jeweils unser Medley mit bekannten Beats, damit die Leute vom Hiphop eine engere Bindung zu uns aufbauen können. Damit sie etwas kennen. Das ist unser Pinguin - zum Eis-Brechen…" In diesem Medley finden sich unter anderen Tracks von Nas oder Los Delinquentes oder ein Sample von KRS One.
Ungewöhnlich an Japrazz ist auch, dass Phil mir ein Interview in breitem Schweizerdeutsch gibt, auf der Bühne aber englisch rappt. Das ist im Hiphop eigentlich nur dann erlaubt, wenn der kulturelle Background nicht rein schweizerisch ist. Denn bei der Wortfülle des Genres kann man als "Sprachtourist" eigentlich nur in Fettnäpfchen treten. Wie steht's also bei Phil mit den Wurzeln? – "Ich bin im Ausland aufgewachsen, Englisch ist meine Muttersprache. Deshalb rappe ich in englisch. Soviel zum internationalen Bezug, den wir haben. Ich habe aber auch das Gefühl, dass wir dadurch ein internationales Potential mitbringen würden…" Könnte Phil nicht in Englisch rappen würde er wahrscheinlich gar nicht… - "Nichts gegen schweizerdeutschen Rap, aber ich kann und will das gar nicht. Ich bin glücklich mit meiner Muttersprache. Ich finde, englisch ist auch eine viel dankbarere Sprache zum Rappen." Reaktionen gibt es gerade hinsichtlich oder wegen der Sprache viele. Häufigste Feedbacks sind erstens, dass Phil in Interviews englisch angesprochen wird, und zweitens: "Wow – so was kommt aus der Schweiz?" Aurel sieht das allerdings nicht nur positiv – "Tendenziell ist es in der Schweiz einfacher ein Publikum mit schweizerdeutschem Hiphop zu begeistern." Und das kommunizieren die Fans manchmal selbst während den Konzerten. Phil: "Als wir vor kurzem in Schüpfheim waren, standen etwa 20 Mini-Homies in der ersten Reihe und schrien: ' Mach mal einen in schweizerdeutsch!'…" Der Erfolg solcher Aktionen allerdings ist bescheiden. "Das liegt leider nicht drin", gibt sich der Jazzrapper in dieser Frage dickköpfig…