Jollys "seeseitige" Bringschuld
Text/Bilder: Monthy
Seit Bestehen des Hergiswiler Lakeside Festivals versuchen die Organisatoren desselben, die Local Heroes Jolly and the Flytrap zu verpflichten. Im sonst so verflixten siebten Jahr hat es nun geklappt. Ob das dann fast schon eine Bringschuld sei, will ich von Bandleader Richi Blatter, gemeinhin als El Ritschi bekannt, vorneweg wissen. Ritschi: "Genau. Ich habe ja früher beim Radio 3fach gearbeitet und hatte viel mit dem Lakeside Festival zu tun. Wir wussten also, dass die gut sind. Aber Jolly and the Flytrap spielen eben nur wenige Openairs. Wir sind vielmehr eine Club-Band. Dieses Jahr haben wir uns fest vorgenommen, auch einige Festivals zu machen und das Timing hat geklappt. Es ist halt einfach sehr schwierig uns zu verpflichten, wenn man uns einen festen Termin vorgibt. Die Chancen, dass wir genau an dem Wochenende alle Zeit und Lust haben, sind eher gering. Das Lakeside hatten wir uns aber vorgemerkt und jetzt konnten wir es einrichten, am selben Wochenende auch noch am Woodrock zu spielen."
'Club-Band' ist eine Bezeichnung für die Jollys. Im Zusammenhang mit der soeben erschienen CD vergriffener Lieder und bewegter Bilder aus 20 Jahren Jolly and the Flytrap bringe ich den eigentlich ketzerischen Begriff 'Feierabend-Band' ein, den Ritschi selbst aber durchaus für legitim hält. "Wir sind es ja auch", meint er mit dem Feuer in den Augen wie am ersten Tag, "Das ist einfach unser Hobby und so wie andere in die Ferien fahren, gehen wir Songs schreiben. Da ist sehr viel Feierabend-Groove dabei. Und wenn man das den Liedern später auch noch anhört, umso besser. Gerade auf dieser CD vergriffener Lieder passt das doch wunderbar"
Die CD ist gespickt mit Trouvaillen aus der Geschichte der Jollys. Stücke ab Kassette und ganz frühe Live-Aufnahmen oder Singles. - "Es sind alles Produkte, die wir irgendwann einmal veröffentlicht hatten. Die älteste Kassette war 'D Murmeli schlafit' aus dem Jahr 1986. Wir haben damals die Demos aus dem Proberaum an unsere Hardcore-Fans verkauft. Den Song 'Let's Go' gibt's auch nur in dieser Version. Weil wir früher so Musik gemacht haben... Wir gingen in den Keller, haben den Kassettenrekorder angestellt und gespielt. Und wenn's gut getönt hat, haben wir es uns danach angehört. Wir konnten es allerdings selten reproduzieren." Der Liebhaberwert dieser Stücke ist natürlich enorm und man hört es ihnen auch so ein bischen an. Ritschi: "Wir haben viele dieser Songs mit Herzblut eingespielt und auch wenn sie technisch nicht immer passen, werden sie heute immer noch nachgefragt. Ich hatte selber eine Scheiss-Freude, die Songs in ihrer Chronologie aufzuarbeiten und dabei zu hören, wie wir selbst früher getönt haben."
Ein Album vergriffener Songs macht man zwar eindeutig für die Fans, allerdings tönt es, als ob die Jollys selbst auch etwas davon hatten. Oder wie war das genau, Ritschi? "Ursprünglich haben wir es eigentlich für uns machen wollen. Denn wir haben mittlerweile alle Familie und ich möchte meinen Töchtern später zeigen können, was der Papa so gemacht hat. Dabei ging es vor allem um die VHS- und Super8-Bänder, die verloren zu gehen drohten. Deshalb wollten wir alles digitalisieren. Pascals Frau ist Filmemacherin und hat sich dem Material dann professionell angenommen. Daraus ist ein wunderbarer Film entstanden und unsere engsten Fans wollten alle auch eine Kopie. Wo wir schon dabei waren, haben wir uns dann entschieden, auch alle Songs, die nicht mehr erhältlich sind, erneut zu publizieren. Aber eigentlich war es ursprünglich für uns gedacht." Auf dem Film ist übrigens und unter anderem auch der Guerilla-Einsatz eines jungen Szene-Reporters beim Jollys-Konzert in der Luzern-Stans-Engelberg-Bahn anlässlich des "Halt auf Verlangen"-Festivals 2003 dokumentiert...
Musikalisch beweisen Jolly and the Flytrap damit vor allem, dass und wie sie sich entwickelt haben. Heute steht der Name wie kein anderer in der Schweiz für World- und Ethno-Musik. Ursprünglich war da allerdings auch viel Punk mit drin. Ritschi: "Das ist absolut richtig. Wir waren eine Punkband, weil wir einfach absolut nicht spielen konnten. Wir mögen Bands wie The Pogues, die auch sehr punkig sind, oder Les Negresses Vertes. Wir waren ursprünglich eine Folk-Punk-Band und mit diesem Herz schreiben wir heute noch Songs. Wir versuchen immer, es einfach zu halten. Auf den Punkt zu schreiben. Das ist für mich Punk." Will man die Musik der mehrbesseren Engelberger "Gugge" mit international bekannten Acts vergleichen, kommt einem unweigerlich ein Name in den Sinn: Madness! Die Erwähnung der englischen Punk-Reagge-Truppe lässt Ritschi einen halben Meter aus seiner Sitzposition hochschnellen. "Madness mit den Bläsern und dem Ska, genau. Was mich immer erstaunt hat, ist wie tanzbar das Zeugs ist. Das war für uns das wichtigste - dass die Leute tanzen. Wir wussten zwar jeweils nicht genau, warum sie es tun, aber sie haben getanzt. 'Nightboat to Cairo'... - Madness ist für mich auch eine wichtige Band, ja."
In der Schweiz sucht man ein bisschen länger, wenn man jemand finden will, der im gleichen Ton musiziert wie Jolly and the Flytrap. Der Klezmer-Touch durch die Bläser und das Flair für Strassenmusik allerdings verbindet die Innerschweizer im Geiste mit Patent Ochsner. Gibt es sonstige Verbindungen? Ritschi: "Nein. Es gibt eine. 1992 hat mich Dan Bömle vom DRS 3 angerufen und gesagt, Patent Ochsner hätte er jetzt berühmt gemacht, jetzt seien wir dran. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass wir eine Feierabend-Band seien und dass so etwas uns kaputt machen würde. Ich rief ihn an und erzählte ihm dabei auch, dass ich jetzt zweieinhalb Monate auf Reisen sein würde. Als ich zurück kam, wurde ich angesprochen, ob wir in Australien und Indonesien gespielt hätten. Dänu Bömle hat herumerzählt, wir wären dort auf Tournee... Patent Ochsner ist eine tolle Band, halt einfach Mundart und deshalb mit wenig Berührungspunkten. Eine Band aus dem Berner Kuchen, mit denen wir mehr zu tun hatten, sind Stop the Shoppers. Das passt schon von den Typen her. Sie haben es auch nie geschafft... Das macht uns einander sympatisch." Weitere Szenekontakte pflegten die Jollys zu Bands wie den Aeronauten, Hösli, The Ventilators - "Alles Bands, die auf dem Ska-Sampler von 1993 mit drauf waren, das weiss ich noch", plaudert Ritschi aus dem Nähtäschchen.
Das neue Material ist nun für Live-Gigs eher suboptimal geeignet, zumal die Jollys einige der Songs nach eigener Aussage ja gar nicht mehr spielen können. Wie gedenkt man nun, in dieser Sache zu verfahren? Ritschi: "Wir machen ja immer ein Best-Of im Sinn von: Was uns selbst am besten gefällt. Wir haben auch neue Songs geschrieben, aber noch nicht aufgenommen. Die spielen wir heute Abend. Auf der DVD sind davon auch zwei zu hören. Und wir nehmen sowieso in jedes Programm ein, zwei alte Songs rein. Was funktioniert, spielen wir noch für ewig und einen Tag live... Das sind ein paar wenige Evergreens. Erstaunlicherweise aber nicht die Songs, die oft am Radio gespielt werden. Die alten ziehen halt beim Publikum, wobei wir nie die Songs spielen, die sie hören wollen. 'Albany' ist so einer, den wir fast nie spielen, weil ich auch den Text nicht besonders gut kann. Die Gefahr, zu nostalgisch zu sein, ist immer vorhanden. Aber es ist teils so lange her, dass es uns Spass macht, unsere alten Sachen zu covern. Wichtiger ist aber schon das aktuelle Material und nicht diese Sammlung zu unserem 20jährigen. Jetzt sind wir ja auch schon wieder im einundzwanzigsten Jahr." Dass die CD also eigentlich zu spät erscheint, verwundert im Umfeld der Jollys kaum jemanden. Ritschi: "Das ist immer so. In unserem aktuellen Programm gibt es beispielsweise einen Song namens 'Electric Polka'. So hiess auch unser letztes Album. Nur damals hatten wir den Song noch nicht. Unser Graphiker Märt ist uns da immer ein bisschen voraus. Das fordert uns dann jeweils wieder..."