K, die Therapie und der Zirkus
„Ich bin berühmt“, sagt Nicolas, der sich K nennt, weil sein kleiner Neffe Nicolas nicht aussprechen konnte. Die Aussage, die scheinbar übersteigertem Selbstvertrauen zeugt, macht er am Chant du Gros in le Noirmont; auf die Frage, ob der Wunsch, berühmt zu werden, ein Grund gewesen sei, einst die Bühne zu besteigen. „Wir alle sind berühmt“, relativiert er dann; „berühmt im Sinn von etwas Spezielles oder etwas Besonderes.“ Sich selber als spezielle, besonders und wertvoll zu anerkennen, hat Nicolas nicht immer gekonnt. „Ich war als Kind sehr scheu.“ In der Theaterschule habe er dann gelernt, aus sich hinaus zu kommen und sich zu öffnen. Doch die Theaterbühne vermochte ihn nicht zu fesseln. „Es ist eine Show“, sagt er. Seine Musik hingegen bezeichnet er als „ehrliche Musik“. Auf stilistische Schubladen wie Pop oder Chanson will er sich nicht einlassen. Zu recht. Denn sein musikalisches Spektrum ist zu vielseitig, das Profil zu eigenständig, wie er nach dem Interview am Konzert im Jura eindrücklich demonstriert. Für all jene, die doch Schubladen brauchen, sollen die beiden genannten Wegweiser sein.
Das Auftreten auf der Bühne sei für ihn eine Art Therapie gewesen. „Wenn du mit einer Gitarre auf die Bühne steigst, kannst du die Sau rauslassen. Und das tut gut.“ Heute werde das Leben mehr und mehr zu einer Bühne für ihn. Deshalb – und weil ihn Begegnungen mit anderen Menschen „extrem faszinieren“ - träumt er davon mit „Menschen verschiedenster sozialer und ethnischer Herkunft“ zusammenzuarbeiten. „Du kannst es mit einem Zirkus vergleichen, was ich machen möchte. Mit Musik, Malerei, Gestaltung und und und“, erklärt er und plötzlich leuchten seine Augen; wenn er zu erzählen beginnt, wie er Immigranten kennengelernt hat und mit ihnen „lange und tiefgründige über die Lebensbühne“ geführt hat und jetzt mit ihnen zusammen auf diese Bretter steht, die auch für ihn die Welt bedeuten.
So kommt es, dass da älteste Lied auf „L'amour dans la rue“ bereits zehn Jahre alt ist, wenigstens Teile davon. „Ich fing vor zehn Jahren an, es zu schreiben und habs vor nicht allzu langer Zeit fertig gemacht“, erzählt Nicolas. „Als ich in Paris an der Theaterschule war, hat mich das Leben echt geprügelt. Als ich nach Hause kam, gings mir lausig; ich hatte auf überhaupt nichts mehr Lust. Erst als ich mich dann langsam auffangen konnte, wurde ich mir der Wichtigkeit meines Seins, Handelns, Denkens und Tuns bewusst un2d ich realisierte, dass ich so auch beeinflussen kann, wie sich die Welt um mich herum entwickelt. Mit meinen Lieder kann ich mein Leben zum Teil selber malen.“ Vorher sei er sich dessen nicht bewusst gewesen und habe einfach Emotionen weitergeben und verarbeiten wollen. Heute kreiert er sie selber – und wird so zum Musiker, Maler und sogar zu einer Art Magier in Personalunion.
Gefragt, was von den dreien er nun sei, sagt er: „Ich bin Magier“, und lacht wieder dieses herzlich herzhafte Lachen. „Ich glaube, wir haben alle einen Zauberstab in der Hand. Wir sind es uns nur nicht bewusst.“ Eine Aussage, die auf Nicolas' Erkenntnis fusst, dass es möglich ist, Gedanken, Träume und Visionen Realität werden zu lassen. „Die Frage ist jetzt einfach, was wir mit diesem Zauberstab anstellen.“ Sein Ansatz sei, nicht mehr nur an seine kleine Welt mit Nicolas, Familie und Freunden zu denken, sondern die grosse Welt. „Ich bin Teil des Lebens, des Universums, eines grossen Bewusstseins. Wenn ich im Sinne dieser grossen Welt lebe und handle, kann ich vielleicht der kleinen Welt noch mehr dienen.“ Deshalb die Idee des Zirkus. Um selber glücklich zu werden und dieses Glück ins eigene Haus hinein tragen zu können.
Gleichzeitig erzählt Nicolas, der sein aktuelles Album „L'amour dans la rue“ erst im letzten Frühling veröffentlicht hat, er habe „schon fast“ wieder ein neues Album parat. „Die aktuelle CD ist eine Neuauflage des 2005-er Albums“, erklärt er, „und seit damals sind schon wieder eine ganze Menge Lieder entstanden.“ Denn: Grundsätzlich sei er jemand, der sich für seine Arbeit gerne Zeit lasse. „Ich glaube, dass es wertvoll ist, sich Zeit zu nehmen, um Lieder zu schreiben, die wirklich dynamisch und druckvoll daherkommen. Gerade heute, wo sehr sehr viele CDs veröffentlicht werden, ist es mir wichtig, dass meine Musik den Leuten auch wirklich etwas mitgeben kann.“ Denn er weiss: „Im Publikum passiert immer was – selbst wen mich Leute warnen 'Oh, heute Abend wird schwierig, da sind viele aus dem Business im Publikum und die gehen gar nicht ab'. Bei uns gehen sie immer ab.“ Sagt's und lacht, herzhaft und ehrlich. Genau wie seine Musik. Deshalb wird jeder Song auf der Bühne ausprobiert, bevor Nicolas daran weiterarbeitet, um ihn auf ein Album zu bringen.