Kaktus – Rocking Blood
Text: Dino
Bild: Cover
Wir schreiben das Jahr 2024. Spricht der Sohnemann zu Vati: „Was ist denn das für eine CD, die du dir da die ganze Zeit reindröhnst?“ Entgegnet Vati mit nostalgisch geschwellter Brust: „Ha! Das ist Musik aus der Zeit, in der du noch in die Windeln gemacht hast, Timbaland! Der hat sich Honeys aus der Szene unter den Nagel gerissen, sag ich dir! Brandy, Nelly Furtado, unglaublich dieser Typ! Der helle Wahnsinn!“ Vati bemerkt nicht, dass der Sohnemann ihm gar nicht zuhört und seinen Blick längst Grossvati zugewendet hat. „Grosspapa, und das hier?“ Grossvati drückt die Stopptaste auf seinem angegilbten Discman und neigt seinen Kopf zum Jungen, und flüstert ihm zu: „Das ist eben noch Musik aus der Zeit, in der du im Sandkasten gespielt hast auf dem Mondhousi…“, und pinselt ein ausgelassenes Grinsen auf seine Lippen. Der Junge brennt vor Neugier, reisst Grossvati die CD aus seinem schmucken Interdiscount-Player heraus, schmeisst sie in seinen portablen I-Tunnelvisionrider und setzt sich auf die Couch. Die Band, die er da hört, singt von kochendem Blut, schwarzem Regen und davon, dass diese Band eine Rockband sei. Beim ersten Lied sieht er zwei Boxer, die sich unter frenetischem Beifall durch die Menge heizen und adrenalinaufgeplustert den Ring besteigen. Dann hört er Musik, von der Vati manchmal verächtlich redet, weil er sie in seiner Jugend bis zur Vergasung gehört hat und dazu jedes Wochenende mit seinen Freunden, die jetzt nicht mehr seine Freunde seien, auf ihre Harleys gestiegen ist, den Brünig und den Gurnigel heraufgeheizt war, um am Abend schliesslich mit diesen Kerlen im MC-Club einen oder auch sieben über den Durst zu schütten. Ja, das ist der Highway zur Freiheit, von dem Vati immer herablassend geredet hat, dachte er leise. Mehrstimmige Refrains, bluesige Schleppereien, dreckige Lederklamotten, treibende Hot Wheels, der Geruch von Chromstahlmechanik und Benzin…die Stimme in der Musik tönt wie Mike Vescera, der mal bei einem berühmten Gitarristen namens Roland Grapow gesungen hat, der seinerseits einmal im Dienste einer „Pioniergruppe in Sachen klassischer Metal“, wie es Grossvati ohne Stolz aber mit gutem Gewissen sagte, mitspielte. Plötzlich hört die CD auf zu spielen und der Junge öffnet seine Augen: „Vati?“ „Na was denn? Du hast jetzt tatsächlich fast eine Stunde lang Grossvatis Rockerkram angehört!“ Sagt der Junge wie aus der Pistole geschossen: „Immer noch besser als dein Timbaland mit seinen tausend Huren, hundert Millionen Dollars und zehn Knarren! Lass dir deine Haare wachsen, ich hole unterdessen schon Mal die zerknitterte Ami-Fahne aus der Garage und bringe unser verstaubtes Baby auf Vordermann! Alles klar?“ Alles klar. Und Timbaland lass mal Zuhause.