Karaoke from Hell
Text: Eve
Bilder: Debi, Flyer
Der Boden hatte sich aufgetan und aus den tiefsten Tiefen der Hölle, umhüllt von giftigen Schwefelschwaden, traten letzten Samstag vier Musiker aus Zürich im Mokka auf die Bühne, um den Thunern das fürchten zu lernen. Oder besser gesagt das singen! Willst du dir mal die Seele zum Leib herausschreien? Fühlst du dich als James Heatfield oder Brain Jones und willst deinen lautesten, brachialsten Lieblingssong zum besten geben, oder einfach mal im Mittelpunkt stehen und dich vor Publikum am Mick versuchen? Host Martin "Ain" Stricker, Boris Müller an der Gitarre, Elrich von Vader am Bass und Siro Müller an den Kübeln, also die Jungs von „Karaoke from Hell“, machen’s möglich. Ich traf die „Teufelskerle“ kurz vor ihrem Auftritt.
Auf dem Flyer von Karaoke from Hell hält sich der Teufel die Ohren zu. Eine Geste, die Martin und seine Jungs durchaus nachfühlen können... „Ja, dass geht uns manchmal auch so, definitiv. Es gibt alles, es gibt gute Sänger/innen und schlechte, und manchmal können sie eben wirklich nicht singen. Was aber weiter nicht schlimm ist, im Gegenteil. Es ist wichtig, dass nicht alle gut singen, weil sonst trauen die sich plötzlich nicht mehr. Es passiert aber auch immer wieder, dass wir positiv überrascht sind von einer Stimme.“ Was, wenn sich aber nun mal wirklich niemand auf die Bühne wagt? „Dann macht Martin, der Host, irgendwie ein paar Sprüche und versucht, das Publikum zu motivieren und das macht er doch recht gut!“ Um die Hemmschwelle zu senken ist Alkohol ein bewährtes Mittel und sich Mut antrinken ist bestimmt einfacher, als nüchtern vor Publikum zu singen. Wie sehr gehören Promille einfach dazu und welcher Pegel ist, wenn überhaupt, erwünscht? „Wenn Alkohol im Spiel ist, ist das zur einen Seite sicher hilfreich. Aber es braucht immer eine gewisse Zeit, bis die Leute genug getrunken haben und meistens kommen sie leider erst dann, wenn sie schon zuviel getankt haben. Das ist in der Regel so in der zweiten Hälfte oder gegen Ende der Show der Fall. Und plötzlich hast du dann eine Reihe von Leuten, die den ganzen Abend gedacht haben: ich würde gerne, trau mich aber nicht, die stehen dann dort und wollen plötzlich singen. Oft sind sie dann schon zu betrunken, um sie auf die Bühne zu lassen und das ist dann auch nicht mehr lustig. Aber Alkohol ist sicher ein wichtiger Faktor und ist zumindest förderlich für den Umsatz der Location, weil die Leute verhältnismässig mehr trinken.
Seit Februar 2004 treten sie jeden Dienstag ab 23 Uhr im Mascotte in Zürich auf und begleiten mit ihren Instrumenten jeden, der sich auf die Bühne traut. Und nicht selten kommt, wer es mal gewagt hat, wieder und immer wieder. „Ja, wir haben sogar heute Abend ein paar `Stammsänger` hier. Fünf Leute, die extra von Zürich hergekommen sind und die oft im Mascotte singen. Aber aufgepasst, es darf nicht zu fest in so einen Fluss kommen oder einen regelmässigen Ablauf kriegen, sonst wirkt es nicht mehr echt, sondern wie eine Show. "Wenn also zu oft gewohnte Sänger/innen auftreten, verliert es an Natürlichkeit und dass gilt es für die Band zu brechen. „ Das Karaoke-Element ist eben sehr wichtig und da gehört eine gewisse Spontanität und Unberechenbarkeit einfach dazu.“ Das Repertoire der Zürcher umfasst rund achtzig Songs von Punk, über Rock bis hin zu Metal. Und es sind nicht unbedingt die Balladen oder Wiegenlieder der bekanntesten, harten Bands, sondern vorwiegend deren gröbste Kracher. „Wir haben miteinander diskutiert, welche Songs und wie das Material aussehen muss. Wir sind von der Truppe her schon eher rock-lastig und das war von Anfang an der Ansatz. Darum auch Karaoke from Hell, wir wollen Punk, Rock und Metal machen und nicht irgendein Musicstar oder Open-Mic. Wir wollen uns ganz klar abheben von dem Pop-Mutzack der den Leuten tagtäglich eingetrichtert wird. Wir versuchen wirklich, den Rock`n`Roll auf die Basis zurückzubringen. Es ist eben auch ein bisschen die Punk-Attitüde die da reingehört. Einfach mal machen, rangehen, wagen und nicht irgendwie jahrelang üben, sondern spontan drauf los.“
„Wir haben aber auch zwei, drei doch recht kommerzielle, popige Stücke, die wir aber mehr so ins Repertoire genommen haben, weil wir wussten, das sind Hits. Die sind mehrheitsfähig und helfen vielleicht mal, wenn man nicht vor Stammpublikum spielt, weil die Leute eben die Songs kennen müssen um mitzusingen. Wir haben versucht, von ganz neuen Super-Hits bis zu irgendwelchen obskuren Songs aus den 70er/80er-Jahren alles hineinzupacken.“ Zugegeben, es klingt den Vorbildern recht ähnlich, aber dann doch auch wieder nicht... „Grundsätzlich versuchen wir schon, die Lieder möglichst nahe am Original zu spielen, aber gewisse Bands spielen im Quartett, haben zum Beispiel zwei Gitarren oder ein Keyboard und da halten wir uns eben an die Grundarrangements, müssen vielleicht etwas ändern, damit es passt und wir nicht dauernd die Instrumente umstimmen müssen. Metallica zum Beispiel ist eine klassische Zwei-Gitarren-Band, die viel im Wechsel spielt und da ist bei uns der Bass rhythmustechnisch halt sehr wichtig.“
Was ist es denn, was die Leute auf eine Karaoke-Bühne treibt? „Ich glaube, es ist die selbe Motivation wie bei den Leuten, die regelmässig auf der Bühne stehen und das professionell oder aus Leidenschaft betreiben. Leidenschaft ist eigentlich das magische Wort. Es hat sicher seinen Reitz, auf der Bühne zu stehen, vor Publikum zu singen, Applaus zu bekommen und im Mittelpunkt, im Rampenlicht zu stehen.“ Für die Zukunft gilt es, das Repertoire noch zu ergänzen, vielleicht sogar mal was ganz eigenes zu machen. „Karaoke ist ja Songs singen, die es schon gibt und die man kennt. Von dem her ist es schon die Idee, jetzt, nach zwei Jahren, eventuell auch mal ein oder zwei eigene Songs zu machen. So ein Karaoke from Hell-Song den man integrieren könnte, aber im Moment ist es noch nicht so weit. Ziel wäre, dass wir im Herbst etwa auf neunzig Songs sind.“ „Die grössten Hits von Sepultura, AC/DC, Iggy Pop, Nirvana und Kompanie, haben wir ja eh schon im Program.“