Kassette will live spielen
Text: Ko:L
Bilder:
musicbild.li
Zierlich, feminin, zurückhaltend. Das sind Attribute, die man(n) im ersten Moment der Begegnung mit Laure aka Kassette in Verbindung bringt. Und wenn sie noch ihr braunes lockiges Haar über die Schultern wirft und ihre kastaninenbraunen Rehaugen aufschlägt, scheint die Frau gegenüber definitiv, als wäre sie eine Botschafterin aus einer anderen Welt. Einer heilen Welt. Von leichtfüssigem Pop ist denn auch oft die Rede im Zusammenhang mit Kassettes Debut „Chambre 4“, von Intimität und viel Tiefgang. Die Frage im Talk vor der Show am Rock oz Arènes in Avenches liegt denn auch auf der Hand: Was ist in diesem Zimmer Nummer 4 alles vorgefallen, dass es als Titelgeber für das Album der Westschweizerin hinhalten musste? „Viel“, antwortet Laure und fügt lachend an: „Auch musikalische Sachen.“ Der Albumtitel habe viel mit der Entstehungsweise der CD zu tun, fährt sie dann fort. „Ich habe alle Songs in meinem Wohnzimmer gemacht und verbrachte manche Woche alleine daheim. Es war mir wichtig, diese Atmosphäre der Verinnerlichung zu transportieren.“
Ganz allein, abgeschottet von der Welt, an ihre Songs zu werkeln, sei keineswegs beschwerlich, erklärt Laure. „Es ist ein kreativer Prozess, wie wenn andere Leute schreiben oder Bilder malen; einfach eine Art, sich auszudrücken.“ Womöglich falle ihr sogar leichter, ganz für sich alleine zu arbeiten. „Weil ich sehr persönliche Themen behandle.“ Live hingegen wolle sie unbedingt andere Leute mit auf der Bühne haben. „Es ist mir sehr wichtig, auch mit anderen teilen zu können.“
Live entfaltet die zierliche Westschweizerin denn auch die ganze Bandbreite ihres Schaffens. Und plötzlich wird traumwandlerische Leichtigkeit zu grollendem Stampfen, leises Plätschern wird zu bleiernem Fluss, schlichte Intimität wird zu offenherzigem Ausbruch. Während ein Gitarrenloop drohend von der Bühne rollt, beweist Laure, dass sie es sowohl als Sängerin, als auch als Gitarristin ganz doll krachen lassen kann. Dieses Selbstvertrauen, das nötig ist, um vorne auf die Bühne zu stehen und die Sau rauszulassen, habe sie nicht immer gehabt, gesteht sie: „Ich hatte echt Schiss vor meinem ersten Gig.“ Dies trotz der live Erfahrung als Gitarristin in der Girlgroup Skirt. „Aber zum Spielen noch singen, das ist etwa Anderes“, ist sich Laure bewusst. Doch der Gig in Avenches bewies, was sie zuvor sagte: „Ich fühle mich immer wohler auf der Bühne, zumal wir auch in der Band immer besser zusammenspielen.“
Einen genauen Plan, was als nächstes kommen soll, hat Laure nicht. „Ich werde nächstes Jahr für eine Weile in Berlin leben, und dort sicher neue Songs schreiben.“ Aber damit hat sich's auch schon. „Ich weiss wohl, dass ich live spielen will“, sagt sie, aber sie sei nicht die Musikerin, die DIE grossen Ambitionen hege und genau wisse, dass sie noch genau Dies und genau Das erreichen wolle. „Das war ich nie.“ So ist auch „Chambre 4“ erst entstanden, als sie die Songs, welche sie daheim, nachdem sie zwei Jahr gar keine Musik gemacht hatte, zusammengezimmert hat, einem Kollegen und Produzenten zeigte. „Er meinte, die seien gut, daraus sollte man was machen.“ Also sassen sie zusammen und verfeinerten das Material zu dem was es heute ist: Einer Schweizer Alternative zu P.J. Harvey.
Erlebt man Laure auf der Bühne, fällt es schwer zu glauben, welche Schwierigkeiten sie hatte, ihre Songs rauszubringen. „Alles daheim im geschützen Rahmen entstanden und ich hatte wahnsinnig Respekt vor den Reaktionen, als ich das Material erstmals meinen Freunden zeigte. Weil es das erste Mal war, dass ich Freunden solche persönliche Sachen präsentierte.“ Doch auch wenn sie sich anfänglich kaum traute, ihre Songs anderen zum hören zu geben – jene die sie hörten, hätten positiv reagiert, versichert Laure. „Viele waren fast enthusiastisch“, erinnert sie sich mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und nun lieben nicht nur Freunde Laures Musik, sondern auch die Kritiker. „Tatsächlich hatten wir sehr viel positives Echo“, sagt die Musikerin bescheiden, „was ich nie erwartet hätte und was mich auch erstaunt.“ - „Mais c'est cool“, fügt sie dann doch noch lächelnd an – um dann gleich wieder ganz bescheiden zu erklärten: „Die positiven Kritiken freuen mich vor allem, weil sie mir helfen, Konzerte zu finden. Und das ist es, was ich will: Live spielen.“