Biggles' Neue - "Oh my God!"
Text/Bilder: Monthy
Schon nur weil sich das letzte Biggles-Album inhaltlich um Moby Dick drehte, war ich immens gespannt. Wie würde Biggles' Neue CD daherkommen? Die Möglichkeit, dies zu erfahren, bot sich früher als gedacht. Weil nämlich Biggles angefragt wurde, im Montagslokal den ganzen Dezember hindurch Resident des El Lokal zu sein, entschloss er sich, die ersten beiden Termine für ein Live-Prelistening der neuen Songs zu nutzen. Vorher durfte ich ihn auch noch dazu ausfragen und liess mich selbst inspirieren - nämlich vom St. Nikolaus. Zwei Tage vor dem 6.12. fühlte ich Biggles auf den Zahn, ob er denn sein Promo-Sprüchlein schon aufsagen könne. Der Antwort glaubte ich entnehmen zu können, dass er es sich gerade in diesem Moment überhaupt erst einfallen liess... Biggles: "Es ist ein Album voller Sterne, heisst ja auch 'Oh my god - it's full of stars'. Wir haben es im Land der Sterne aufgenommen, genauer in Brooklyn, mit tollen Leuten. Es ist Space-Rock at its best - eine grosse Sache. Muss man gesehen haben!"
Wie bereits angedeutet halte ich Biggles für einen, der sich viel zu seinen Songs überlegt und sein gewähltes Konzept auch durchzieht. Kennern von Stanley Kubricks Werk dürfte bereits aufgefallen sein, dass der Titel eigentlich eine Textzeile aus "2010 - Space Odyssey" ist. Zu meinem Glück - ich kann mit Kubrick einfach nichts anfangen - hat sich Biggles aber sehr facettenreich mit dem Thema auseinandergesetzt. - "Es hat sich eigentlich mehr herauskristallisiert. Nach der MobyDick-Geschichte hatte ich auch gar keine Lust mehr auf so einen konkreten Leitfaden. Es sollte mal wieder etwas anderes werden. Dann hat es sich entwickelt. Als roter Faden stellte sich schliesslich heraus, dass die Songs sehr spacig sind. Dieses Element war auch schon in meinen früheren Songs drin, aber auf dieser Platte ist es speziell hervor gehoben. Es gab auch viele Zufälle, die mit Space und Sternen zu tun hatten. Wir haben die Aufnahmen beispielsweise mit einem amerikanischem Bassist und Drummer gemacht, die zuvor in einer Band namens Space Hog spielten. Dann ist in Amerika das Sternenbanner omnipräsent und einige Songs drehen sich auch noch ums Weltall. Das ist effektiv der Kern der Platte und hat sich auch auf die Aufnahmen ausgewirkt. Es sollte alles sehr spacig werden."
Biggles und Weltall - Wer das Liedergut des fast ein wenig unscheinbaren Biggles kennt, stellt sich dazu "Lost in Space" vor oder ein ähnlich beklemmendes Gefühl vor. Denn die grosse Stärke des kleinen Zürchers ist im Besonderen die Gefühlspalette zwischen neurotisch und paranoid. Welche schrecklichen Schicksale erwarten denn nun die Protagonisten von "Oh my God - it's full of Stars"? Biggles: "Es hat auch diesmal einige paranoide Songs, klar... Aber es gibt auch positivere Ansätze. Songs, in denen es um eine Geborgenheit im Weltall geht. Wenn du mal in einer dunklen Nacht tief in die Sterne guckst, stellt sich eine kosmische Harmonie ein. Das Gefühl, ein kleiner Teil von etwas Grossem zu sein. Das hat auf der Platte auch seinen Platz."
Bevor sich Biggles rechtfertigen muss, will ich doch den Grund für mein derartiges Empfinden von Biggles' Musik benennen. Auf Biggles' Debut-Album fand sich ein Song namens "Bring your own Knife, Baby" mit der angenehm klinischen Atmosphäre eines OP-Raums. Da ich persönlich eine Messer-Phobie habe, schnitt der Song vielleicht bei mir etwas tiefer als normal. Und seither bin ich Biggles-geschädigt und er hat den Stempel. Was er allerdings gar nicht so schlecht findet: "Das hat ja auch sein Gutes. Es ist ein guter Stempel. Das ist definitiv ein Teil meiner Musik. Daneben gibt es aber eben auch diese Geborgenheit."
Geborgen fühlt sich Biggles auch im El Lokal, wo er den ganzen Dezember hindurch als Resident amtet und jeden Montag mit anderen Musikern ein ziemlich freies Programm zum Besten gibt. "Ursprünglich geht das alles auf Victor, den Chef vom El Lokal zurück. Er fragte mich an, ob ich Lust auf eine Residency hätte. Es hat sich dann so ergeben, dass es zeitlich perfekt passt. Ich wollte sowieso mit der Band auftreten und die Proben sind gerade soweit fortgeschritten, dass diese Testläufe vor Publikum zum idealen Zeitpunkt kommen. Wir werden jetzt sehen, welche Songs wir wollen, welche eher nicht, wo wir noch Arbeit investieren müssen. Das Publikum ist unser Meerschweinchen und wird getestet. Und dann haben wir nächsten Montag gleich nochmals die Möglichkeit mit einem bereits angepasstem Programm zu proben."
Die Songs sind zwar für die Platte bereits gemastert und werden wohl nicht mehr verändert. Der Live-Test bezieht sich also aufs Live-Spielen des neuen Programms. Man könnte auch sagen, dass Biggles die Plattentaufe einfach vorverlegt hat. "Live ist natürlich alles offen. Ich finde es auch gut, wenn man live andere Versionen spielt als auf der Platte. In Stein gemeisselt ist ja sowieso nichts, das wäre schnell langweilig." Der gefühlsmässige Unterschied ist für Biggles beträchtlich, wobei Musiker wohl immer genauer auf die Publikumsreaktionen hören, wenn sie neue Songs vorstellen. Biggles: "Es ist sehr anders verglichen mit einem Gig mit gefestigtem Programm. Man ist einfach an einem anderen Ort im Schaffensprozess. Es herrscht eine gewisse Unsicherheit, die man auch positiv umsetzen kann mit Improvisieren oder Ausprobieren. Die Freude am Experimentieren ist normalerweise grösser. Wobei wir eigentlich nie ein Konzert genau gleich wie das vorherige spielen. Nur sind's heute elf neue Songs statt einer. Und wir haben keine Ahnung, wie die Leute reagieren. Klatscht wohl einer? Das weisst du eben nie genau vorher..." - Nun ja, den einen konnte ich leichten Herzens garantieren. Aber ich sollte nicht der einzige Klatscher bleiben an diesem Montagabend.