Biggles wird zu BIGgles
Text/Bilder: Monthy
Mit seinem Album Colossus plustert sich Biggles auf zu BIGgles und wird wohl trotzdem nicht zum grossen Star. Dafür ist sein Sound ganz einfach zu individuell, zu selbstständig und vielleicht auch zu tiefgründig. Ich nahm die Gelegenheit bei der Taufe des kolossalen Werkes zum Anlass, Biggles konkrete Fragen zu acht seiner zwölf neuen Songs zu stellen. Angefangen mit dem Opener "Hellvédère" und einem Wortspiel, wozu Biggles meint: "Wortspiele vermögen die Aufmerksamkeit der Leute zu packen und man kann Inhalte vermitteln. Ein guter Titel - eines Songs oder eines Buches - muss den Inhalt auf den Punkt bringen. Von dem her lässt sich eine gewisse Vielschichtigkeit so auch gut transportieren. Und man kann es sich merken, weil es ein Wortspiel ist." Seine persönliche Hölle hat Biggles also nicht im Belvédère erlebt. "Das funktioniert so wie eine Totale am Anfang eines Films, man sieht über eine Stadt und sieht die kleinen Menschen herumlaufen. Dieser Aussichtspunkt - gleichzeitig schön und die Hölle - das ist das Belvédère."
Fast noch besser klappt das "Karmageddon", sozusagen die letzte Schlacht um die Seele, und ich bemerke, dass ich es gut finde, dass Biggles diese musikalisch ausgefochten habe. Er grinst: "Ja, das Karma ist ja die Bestimmung. Und manchmal gibt es Situationen im Leben, da kommt es einfach wie es kommt und man weiss es und möchte, dass es schon durch ist. Dann wünsche ich mir so ein Karmageddon, um mir diese Wartezeit zu ersparen." Der Song ist übrigens alles andere als düster und hat Radio-Potential. Die darin versteckte Aussage ist auch schon fast wieder ein Wortspiel, jedenfalls sehr inspiriert: Karmageddon - get on - get on.
Im Song "Applebite" geht es um den Biss in den sauren Apfel, ums Einnachten und irgendwie drückt eine Liebesgeschichte durch. Da kann man sich aber bei Biggles ohne Nachfrage nie ganz sicher sein, weil er einen nur so weit blicken lässt, wie er das will. - "Ich finde es gut, wenn ein Song genau genug ist, um den Leuten eine Vorstellung zu geben, aber trotzdem ungenau genug, um sich ein eigenes Bild machen zu können. Meistens weiss ich schon sehr genau, was ich meine, aber ich will das nicht so exakt mitteilen, dass der Zuhörer dazu gezwungen wird, das genau so hören zu müssen. Eher so, dass er die Emotion des Songs aufnehmen und für sein eigenes Leben benutzen kann. Als Werkzeug..." Ob man denn genau herausfinden kann, was Biggles meint, hake ich nach und erhalte zur Antwort: "Das weiss ich am allerwenigsten. Es ist noch nie jemand vorbeigekommen und hat mich gefragt, ob ich mir das und das bei diesem Song gedacht habe und ich sage ja oder nein. Mir selbst fehlt die Distanz dazu, das beurteilen zu können. Ich glaube schon, es gibt Songs, die so zugänglich sind, das man den Inhalt einfach so auf Anhieb mitbekommt. Ob es so ist, weiss ich nicht so richtig..."
In "Cityburning" wird Biggles dann wieder mehr zum Provokateur im Stil seines letzten Videos "Bring your own knife Baby". So im Sinne von: Vergiss nicht, den Föhn mit ins Bad zu nehmen... Musikalisch mischt ein sonores Blasinstrument den Song auf. Versucht Biggles eher die Aussage eines Songs mit der Musik zu verstärken oder kontrastieren diese beiden Elemente oft? - "Normalerweise entspricht der Inhalt eigentlich der Musik. Ein bösartiger Song tönt auch etwas böser und ein lieblicher Text ist eher fein gehalten. Auf der anderen Seite - warum nicht mal anders? Man muss immer etwas Neues ausprobieren. Das Blasinstrument kommt übrigens daher, dass wir gerade enorm viel David Bowie hörten - Scary monsters - und auch das Geschrei am Schluss kommt aus dieser Inspiration. Eine Wahnsinns Platte, übrigens. So negativ ist das Lied dann auch nicht. Natürlich geht es mit Gasherd anstellen und Föhn mit ins Bad nehmen und am Schluss mit Zigaretten essen, um destruktive Dinge. In der Bridge wird das ganze aber aufgelöst und besagt. Wenn du einfach dein Leben lebst und dir nicht zu viele Gedanken darüber machst, dann sind solche Dinge eben gar nicht nötig."
Natürlich lasse ich mir jetzt nicht einen Song erklären, aber zumindest eine Songzeile, den Chorus des Songs "Monsoon" - "Don´t let the monsoon consume you - lass dich nicht vom Monsoon konsumieren" - interessiert mich. Biggles: "Ist dir die eingefahren? Es ist eigentlich einfach. Manchmal wird man im Leben ja so von einem Wind getragen und es geht darum, keine Angst zu haben davor. Es ist ja auch schön, wenn es im Leben Turbulenzen gibt. Man darf sich einfach von diesem Sturm nicht absorbieren lassen. Es gibt immer ein Pro und ein Contra - man soll sich darauf einlassen, was das Leben einem an Überraschungen bietet, aber nicht allzu sehr."
Nicht umsonst schreibt die Bio des neuen Werkes, dass Biggles es meisterhaft versteht, schwermütigen Pop leichtfüssig darzubringen. Im Song "Blackcaptain" steckt genau das in einer Begegnung. Ich versuche zu ergründen, ob diese real oder fiktiv war - "Es bezieht sich effektiv auf eine Begegnung aus dem realen Leben, aber nur sehr vage. Ich habe diese Begegnung dann aus dem realen Zusammenhang herausgelöst und etwas Neues daraus gemacht. Es wurde so fast ein bisschen metaphysisch, man kann den Blackcaptain als Todesengel sehen. Du hast das aber gut erfasst, die Begegnung fand sogar genau hier drin statt, im El Lokal..." - Zufallstreffer...
Zum Titelsong "Colossus" lautet meine Frage: Wie würde das Werk heissen, wenn nicht Colossus? So erhalte ich auch gleich die erhoffte Erklärung, warum es denn so heisst. Biggles erklärt freimütig: "Das Album hat eine Geschichte, ist ein loses Konzept-Album. Ich habe nach den Aufnahmen zur letzten Platte ´Moby Dick´ von Hermann Melville gelesen, eigentlich ein altbackenes Buch, das mir aber wirklich eingefahren ist, weil seine Sprache so genial ist. Er konnte alles auf den Punkt bringen und die Themen waren auch nicht antiquiert. Ich sah mich selbst in seinen Figuren. Ich fand dann, das müsste man lose aufgreifen, nicht im Sinne eines Filmsoundtracks, sondern mehr als Inspiration der Erzählgewalt, der Themen und dieses maritimen Umfeldes. So habe ich angefangen und als es um den Titel ging, war eigentlich noch der Name Blackcaptain als Albumtitel vorgesehen. Den hatte ich lange vor dem Song. Colossus kam dann dazu und ist irgendwie der simpelste Titel - der Kampf David gegen Goliath - und das ist irgendwie der Kern des Buches und deshalb auch des Albums. Ich fand ihn zudem catchy."
Mein letzter Versuch, BIGgles zu verstehen, ist der Song "Bloodsucker". Frisch von der Leber und ins Korn geschossen, vermute ich: "Es geht um eine Mücke?" Biggles lacht erstmal und ich merke, dass ich noch üben muss. "Überhaupt nicht... Es geht natürlich um einen Mensch, der die Energie aus einem heraus saugt. Ich müsste vielleicht mal probieren, einen Song über eine Mücke zu schreiben. Ist eine gute Idee. Aber es geht um das Verhältnis zu einem Menschen, diesmal ohne konkreten Bezug zur Realität. Die Melodie kam zu mir, währenddem ich fern sah und ich habe gemerkt, dass muss ein wirklich böser Song werden. So ist es dann auch gekommen."