Bonjour Madame möchten tiefgründiger werden
Text: Ko:L
Bilder:
ursarnold.ch
Was seufzet
Was seufzet? Fleht? Und stösst dir
hinterrücks den Dolch ins Mark?
Horch! Was horten die in ihrem Schrank?
O! Ei! S’ist wunderlicher Kunstliedpunk!
Caroline von Radebühl
„Alles ist Rolle“, sagt Eva nach dem Konzert. Eva, die eben noch die kokette, die scheue, die unscheinbare, die verliebte, die rachsüchtige, die unberechenbare Lolita gemimt hatte; Madame, begleitet von Baptiste alias Christov, mit ihren Chansons, irgendwo auf dem Grat zwischen Kleinkunst und Rock'n'Roll, an der Grenze zwischen Schlager und Poesie, am Scheideweg zwischen Theater und Arztromanze. Und dann schränkt sie doch ein: „Natürlich kann ich nicht eine Rolle spielen, die keine Aspekte von mir enthält.“ - „Schutz“, sei dieses Rollenspiel auch; vor allem aber, weil „die Lieder förmlich danach schreien“, hätten sie beide Bonjour Madame ins Leben gerufen. Als Duo, das hochdeutsche Lieder über Liebe, Lust und Leben, Freude, Frust und Freunde ebenso wie Feinde zum besten gibt.
Neu sei diese Zusammensetzung, Gesang und Piano, manchmal Gesang und Gitarre, nicht, sagt Eva. „Zumindest nicht in diesem Kontext. Aber ich finde es gerade eben lustig, dieses Konzept auch auf solche Bühnen zu bringen.“ Bühnen, wie jene am B-Sides Festival auf dem Sonnenberg ob Kriens meint Eva damit. Rock-Bühnen sind Madames Bühnen, in der Boa etwa oder im Café Kario in Bern. „Da bin ich daheim, da will ich Musik machen.“ - „Und weil das Szene-verschoben passiert, ist Bonjour Madame etwas neues für die Leute. Das ist spannend“, fügt die blonde Sängerin an, die auf der Bühne so zerbrechlich scheint und im Gespräch so resolut wirkt und so genau weiss, was sie sagen will und was nicht.
Seit drei Jahren musizieren Eva und Christov zusammen, seit zwei Jahren sind sie als Bonjour Madame unterwegs. „Angefangen haben wir mit diesen Chansons, bei denen alles auf Charme aufgebaut ist“, erzählt Eva. „Jetzt sind wir daran, ein neues Programm auf die Beine zu stellen – und das ist schwierig, weil die Stimmung umschlägt.“ Madame ist nicht mehr einfach kokett und nett, Madame kann auch mal traurig sein – oder das fiese Biest rauslassen, das unmissverständlich Klartext reden kann. Eine Eigenschaft, die auch Eva offenbar nicht gänzlich fremd ist. Angesprochen auf die Welt der Kleinkunst, die Acts wie Bonjour Madame zweifelsohne mit offenen Armen empfangen würde, sagt sie: „Ich verachte die Kleinkunst“.
Wohingegen Christov im Brustton der Überzeugung sagt: „Ich liebe Kleinkunst.“ Wobei auch er weiss: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in diese 'Comedy-Ecke' gedrängt werden.“ Und Eva anerkennt im Verlauf des Gesprächs: „In dieser Szene haben wir natürlich die Aufmerksamkeit, die so textlastige Sachen halt verlangen. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht noch etwas pubertär, aber ich kann die vierzigjährigen Hornbrillenträger mit Cüpli einfach nicht ausstehen.“ Eine Sichtweise einer blonden Schein-Lolita, die einer, der sich täglich in der selbst ernannten Schweizer Kleinkunststadt bewegt, gut nachvollziehen kann. Eva bringt ihr Zielpublikum dann aber doch auf einen relativ klaren Punkt: „Solange die Leute uns holen, wir nicht das Dessert an einer Hochzeit sind und eine anständige Bühne haben, finde ich das in Ordnung.“
Wer weiss, vielleicht hilft die neue Ausrichtung, an der Bonjour Madame derzeit wie oben bereits erwähnt arbeiten, ein Profil zu finden, das auch ein noch ansprechenderes Publikum anzusprechen weiss. „Eva kann sich mit gewissen dieser Schlagersongs nicht mehr so recht anfreunden“, erklärt Christov. Denn wer weiss: „Je nach Stimmung und Publikum kann das ganze ausgestellt wirken.“ - „Für mich steht in solchen Momenten nicht mehr die Musik im Vordergrund“, ergänzt die Angesprochene, „und das find ich blöd.“ Und dann kommt natürlich der künstlerische Aspekt als Antrieb hinzu, noch mehr eigene Kompositionen ins Repertoire aufzunehmen. „Wir möchten tiefgründiger werden – aber haben im Moment das Problem, dass wir viele traurige Lieder haben. Und wir möchten nicht, dass das Publikum am Ende den Saal tieftraurig verlässt“, umschreibt Christov die Zwickmühle, in der sich das Duo derzeit befindet. Welcher Weg sie allerdings da raus führt, wissen weder Madame, noch Baptiste. Und Eva und Christov schon gar nicht. Drum weiss Christov: "Wir haben einiges an harter Arbeit vor uns - die vor allem daraus besteht, mehr und mehr eigene tiefgründige Lieder zu finden, aber die heiteren Aspekte nicht zu verlieren. Das ist also ein normaler künstlerischer Entwicklungsprozess."