Kutti MC – Der helle Engel
Text: Debi
Bilder:
PartyGuide.ch
Kutti MC ist ein Illusionist, wie es David Copperfield nicht besser sein kann – mal konsequent, mal weniger. Ein Mann wahrlich vieler Worte. Einer, der sagt, was ihm über die Leber kriecht und es ausspuckt, was ihm auf der Zunge tanzt. Einer, der sich gegen das System wendet. Einer, der sich, wie er sagt bei MusicStar nicht hat etablieren können. Dafür hat er mit „Dark Angel“ ein neues Album vorgelegt; der Jürg Halter, wie er mit bürgerlichem Namen heisst. Und mit „St. Helvetia“ einen Song, der sich als Nationalhymne empfiehlt, wie er sagt. Ein Gesprächsprotokoll vom Openair Val Lumnezia.
Ich: Kutti, wie viel Deutschschweizer respektive Schweizerdeutscher steckt in Dir?
Kutti MC: Ich bin sozusagen Modellschweizer.
Ich: Was zeichnet den aus?
Kutti MC: Also, ich bin natürlich trotzdem kein Modellschweizer. Ich bin es drum, weil ich hier geboren bin und hier lebe. Ich bin Schweizer, bin nicht so krass drauf, dass ich sage, ich wäre Europäer.
Ich: Das ist eine politische Durchsage.
Kutti MC: Ja. Was ist schon politisch? Ich bin kritisch, sagen wir kritisch. Politisch ist, wenn ich sage: Fuck Blocher, wie dies andere tun. Aber das was ich sage, das muss ich ernst nehmen und zu dem muss ich auch stehen können.
Ich: Also bist Du ein kritischer Mensch, ja?
Kutti MC: Also ich bin ja kein Parteipolitiker. Das Leben ist voller Widersprüche. Und ich habe nun mal eigene Wertvorstellungen.
Ich: Was für welche?
Kutti MC: (lacht) Das kann ich jetzt hier nicht einfach auf der Stelle so sagen. Die entstehen auch aus Situationen heraus.
Ich: Du fragst in St. Helvetia, dem Song von dem wir sprechen: „Isches das gsi?“ Hast Du eine Antwort darauf gefunden?
Kutti MC: Nein, das löst sich nicht auf. Es geht dabei um das Gefühl vom Schweizersein, um dieses Fernweh – so typisch schweizerisch - das alle packt, und gehen tut doch niemand, weil ihnen der Mut fehlt.
Ich: Das sind dann richtige Schweizer?
Kutti MC: Ja, das sind dann die richtigen Schweizer. Es fehlt ihnen an Mut. Erst wenn sie sich damit beschäftigen, werden sie sich ihrer Privilegien bewusst.
Ich: Was für Privilegien geniesst Du denn?
Kutti MC: Es funktioniert einfach alles. Das ist in vielen Ländern nicht so. Verspätet sich ein Zug um eine halbe Stunde, herrscht auf dem Perron Weltuntergangsstimmung.
Ich: Höre ich da ein wenig Stolz raus?
Kutti MC: Eigentlich nicht, nein. Das ist einfach Teil von mir, auch wenn ich mich immer wieder gegen das System wende.
Ich: Und trotzdem sagst Du, es geht Dir um Musik, nicht um Ideologie?
Kutti MC: Ja… Mich stört nun mal, wenn man über Musik so plakative politische Äusserungen macht, sozusagen, nur weil man in der Öffentlichkeit steht, sich berufen fühlt, zu urteilen… sich aber gleichzeitig mit seiner eigenen Meinung zuwenig auseinandersetzt und sich selbst gegenüber zuwenig kritisch ist. Ich meine, all diese Künstler wie Madonna, die sich im Privatjet chauffieren lässt, aber bei „LiveEarth“ mitmacht und von Umweltbewusstsein spricht.
Ich: Und wo ist da Deine Ideologie?
Kutti MC: Ich bin nicht ideologisch. Aber ich denke beispielsweise, die Gewaltdarstellung in Filmen hat einen Einfluss… Was mich auch extrem stört, ist die Musik von Gangsta Rappern, die Gewalt, die da herrscht. Und was sagen sie dann?
Ich: Was denn?
Kutti MC: Das sei alles völlig falsch aufgefasst worden, das sei Interpretationssache.
Ich: Ach so.
Kutti MC: Es gibt nun mal Sachen, die kann man nicht interpretieren.
Ich: Was denn?
Kutti MC: Wenn an einem Reggae-Konzert die bekifften wohlstandsverwahrlosten Kids die Peace-Fahne schwingen und denken, sie seien an einem Verschwörungsanlass, weil der Künstler auf der Bühne lauter rassistischen Scheiss erzählt.
Ich: Ich sehe schon, Du bist ein Mensch, der in einem eigenen Universum lebt.
Kutti MC (überlegt, sieht sich um): Nein, ich bin ja an diesem Tisch.
Ich: Aber Du lebst es über Deine Geschichten.
Kutti MC: Ja klar, ich suche ja auch nach einem eigenen Ausdruck. Ich mache einfach, was ich machen will und woran ich Spass hab.
Ich: Wachst Du auch in anderen Körpern auf – oder passiert das bloss bei Deinem Vater?
Kutti MC: Manchmal ja, in einer leeren Bierdose.
Ich: Und dann?
Kutti: Dann fällt sie um.