Freie Sicht für Michael von der Heide
Text: Piggy
Bilder: Cover/Andrea
In Jahren musikalischer Tätigkeit hat sich Michael von der Heide ein gewisses Image geschaffen. Der Chansonnier hat Flair und weiss aufzutreten. Etwas Glanz, ein bisschen Glamour, Show und Tatütata. Daran hat man sich genauso gewöhnt wie an seine Chansons. Mit dem neuen Album "Freie Sicht" lässt Michael von der Heide aber hinter diese Maske sehen, präsentiert sich ungeschminkt, manchmal nachdenklich, zumeist unspektaktlär - jedenfalls unerwartet. "Für mich ist es natürlich nicht überraschend, ich kenne ja diese Gedankengänge von mir", gibt sich Michi im Interview am Pressetag überrascht von meiner Überraschung. "Unerwartet sagst du?", fragt er entwaffnend nach, "Reaktionen aus meinem Freundeskreis besagten auch: 'Endlich kommt dieses Album von dir, darauf haben wir lange gewartet...'" Ob es denn mehr ein Cliché sei, dass er oft gerne Clichés entspreche, will ich nicht locker lassen und entlocke Michi, dass er ihnen gerne entspreche solange es mehrere seien. "Aber nur einem alleine, Nein..."
"Freie Sicht" ist - wie der ralxte Michi noch während der Frage nach den Gründen für diese Offenheit feststellt - ein Kontrastprogramm zu meinem Auftritt in weiss und pink. Der Verzicht auf jeglichen Glamour war demnach auch ein Konzept der Platte. "Ich denke, das kann man auch akustisch hören...", setzt von der Heide an, um sich dann selbst zu fragen ob man eigentlich auch visuell hören könne, "Die Richtung war schon vorgegeben, auch der Wunsch mal ein Album zu machen, das einen roten Faden in sich hat. Ich bin ja mittlerweile bald 37..." Und das hört man dem Album auch an. Es ist definitiv nicht das Frühwerk eines Künstlers sondern setzt eine gewisse Reife voraus. Michi: "Vielleicht gibt es Künstler, die das könnten - ich nicht... Ich hatte bisher auch gar keine Lust dazu. In letzter Zeit war ich allerdings viel akustisch mit meiner Band unterwegs und dabei hat sich auch etwas verändert. Nicht dass du Angst haben musst, ich würde jetzt nie mehr etwas mit Glamour machen. Aber ich wollte eine Platte machen, die man von der Stimmung her einfach durchhören kann. Man hat mir auch oft gesagt, die Musik sei ja schon gut, aber man müsste immer mal wieder einen Song skippen. Ich selbst mag eben auch Platten, die man einfach durchhören kann."
Der Titel des Albums "Freie Sicht" geht auf den Opener zurück, ist aber irgendwie auch Programm der CD. Durchschnaufen, Tapetenwechsel - solche Sachen eben. Ich frage Michael von der Heide, wo er denn aufgenommen habe und stelle mir Hamburg oder London vor, jedenfalls einen trüben, grauen Ort wie auf dem Cover. - "Es ist vor allem in Berlin entstanden, teilweise auch in der Schweiz, die akustischen Instrumente, und wurde bei Oli Bösch in Bern gemischt. Es ist also eine deutsch-schweizerische Freundschaftsproduktion. Es ist ein Winter- oder Nachtalbum und sicher nicht unter gleissender Sonne entstanden. Obwohl ein Song eigentlich in Ibiza geschrieben wurde..." Die Songs von "Freie Sicht" sammelte Michael von der Heide während rund zwei Jahren. Die Stimmung war also nicht durchgehend so wie das Endprodukt. "In dieser Zeit habe ich natürlich auch noch andere Songs aufgenommen. Es wäre ja noch schöner, wenn ich zwei Jahre lang nachdenklich gewesen wäre. Aber während den Aufnahmen hat sie sich dann schon in mich hineingebohrt. Man muss sich ja schon in einen Zustand versetzen, welcher dem Gefühl der Musik und den Texten entspricht." Diese Seite von Michi kennt man zwar nicht so, es gibt sie aber natürlich trotzdem. MvdH: "Die ist sogar sehr stark, aber vor allem wenn ich alleine bin. Wenn Leute um mich herum sind, bin ich gerne lustig und extrovertiert, aber ich liebe diese Melancholie und die ruhige Seite. Ein Mensch hat ja eben auch solche..." Dass man sie als Künstler betont, halt ich für nicht alltäglich. Auch weil es offensichtlicheres gäbe. Michi: "Die Themen sind halt so einfach... Ich glaube, man kann die Platte auch noch in zehn Jahren hören."
Musikalisch passen dazu natürlich die leisen Töne bestens, was einfach gesagt aber schwierig bewerkstelligt ist. Auffallend - Chansonnier von der Heide gäbe auch einen guten Jazzmusiker ab, oder? Er lächelt, als ob er sich das schon mal überlegt hätte: "Ja, das ist mein Altersprojekt... Die echten Jazzmusiker würden mich zwar jetzt lynchen, aber ich kann ja immer noch etwas üben und lernen. Schöner, leichter Jazz passt schon sehr gut zu diesen Songs." Michael von der Heide hat in seiner Karriere von traditionellen Schweizerliedern bis hin zu Rap mit bösen Berner Buben eigentlich schon alles gemacht. Wie fand er nun zum Sound für dieses leise Album? War es mehr Kopf- oder Bauchsache? - Michi: "Beides wohl... Ich habe ja schon länger kein Album mehr gemacht. Ich musste mich von den Schweizer Liedern zuerst auch lösen, wollte ein echtes Album machen. Das hat Zeit gebraucht." Diese Echtheit nimmt man ihm denn auch jederzeit ab, was nicht selbstverständlich ist, wie Michi anregt: "Die Menschen denken ja oft, das Ausgeflippte müsse in jedem Fall auch aufgesetzt sein und das Ruhige müsse echt sein. Das ist es in ganz vielen Fällen aber nicht. Ich kenne ganz viele, die das Ruhige nur spielen." Inbegriff der neuen CD ist für mich der Track "Leise" - Ist es für einen Michael von der Heide, der oft auch mit Provokation kokettiert, vielleicht fast mutiger, so etwas persönliches heraus zu geben? MvdH: "Ja vielleicht... Ich weiss nicht, ob mutig das richtige Wort ist. Ich merke das vor allem live, wo ich momentan zuerst die neuen Songs spiele. Man muss es ertragen... Man kennt das ja mit der Gefallsucht. Ich bin auch relativ sensibel auf der Bühne. Es kostet mich nichts, schnell noch etwas Flappsiges zu sagen, aber man muss die Songs auch mal stehen lassen und in einem Gefühl verweilen. Mutig... schön wenn du das so siehst. Mir kommt es manchmal vor, als ob ich vor einem halben Jahr mal mutig war und jetzt hat mich der Mut verlassen. Aber schön, dass es schon gemacht ist."