Von Wellen, Wolken und Wiedersehen...
Text: Piggy
Bilder: Andrea/Piggy
Scherzhaft hatte sich Sina schon bei ihrem Auftritt auf dem Thunersee-Liveschiff über den Wellengang beklagt. Im Interview danach gab ich ihr Gelegenheit, etwas mehr über eine Bühne zu berichten, die nicht ganz so fix verankert ist, wie es normal wäre. "Auf der Bühne habe ich es nicht gespürt - vorher und nachher aber relativ stark", verrät Sina zum Thema Seegang, "Ich hatte eine Umkleidekabine im dritten Untergeschoss ohne Fenster neben der Frauentoilette. Dort habe ich es am stärksten wahrgenommen. Weil man keinen Punkt in der Ferne sehen und sich daran orientieren kann. Aber ich bin nach dem letzten Rock-Cruise ja geeicht. Mir kann da gar nichts passieren..." Michael von der Heide, der vor Sina auf der Bühne stand, empfand das Hin- und Herschaukeln traditionell als angenehm: "Ich war eben - vielleicht - in einem früheren Leben ein Seemann. Während des Konzerts habe ich nichts bemerkt. Aber mein Gitarrist glaubte zu sehen, dass das Publikum Seegang hat. Ich war eben in meiner Jugend sehr viel mit den grossen Schiffen auf dem Meer unterwegs und mag das sehr. Ich kenne weder Seekrankheit noch Flugangst."
Hat man erstmal auf einem Schiff gespielt, muss man als Künstler schon etwas erreicht haben. Doch der schwimmende Glaspalast auf dem Thunersee oder der noble Mittelmeer-Kreuzer sind nicht die einzigen unorthodoxen Bühnen, auf denen man die Schweizer Musikprominenz von Zeit zu Zeit aufzutreten nötigt. Auf Schienen hat Sina nämlich auch schon live gespielt. "Auf den Waggons bei der Diax-Show, genau..." - Bliebe noch das Flugzeug... Sina: "Wir haben bereits einmal Abklärungen getroffen, wie das wäre, für eine Gesellschaft in der Luft zu spielen. Aber das hat sich aus organisatorischen Gründen bisher nicht ergeben. Ich würde es aber gerne machen. Da könnte man die Leute dann einfach rausschmeissen, wenn sie blödeln..." Eine Möglichkeit, die auch auf dem Liveschiff bestanden hätte, zu welcher man aber glücklicherweise nicht greifen musste. Dafür war ich als wandlende Provokation mit schwimmuntauglichem, aber wie immer äusserst hübsch arrangiertem Outfit ganz besonders dankbar.
Obwohl Sina an ungewöhnliche Bühnen also schon fast gewöhnt ist, war der Auftritt auf dem Schiff doch speziell. "Vor allem der Akustik wegen, die je nachdem wo man stand, nicht ganz ideal war. Das Inir-System funktioniert zwar auf der Bühne gut, hier hat es aber einfach überall Scheiben, die den Ton zurück werfen. Abgesehen davon war das Konzert aber wie gewohnt gut", resümiert die Wallisserin nüchtern. Von der Schifffahrt selbst allerdings hat die zeitweise Matrosin praktisch gar nichts mitgekriegt - "Ich konnte mir nur auf einem kleinen Rundgang einen Überblick verschaffen und habe gleich gemerkt, dass es sehr schön ist. Ich mache das ja regelmässig auf dem Hallwylersee und kenne es daher. Eine Schiffahrt bei Regen hat auch etwas Romantisches. Es hat dann nicht so viel Leute... Hier war heute aber mein Arbeitsplatz, von dem her also logischerweise weniger Genuss." Dass es regnete, dafür waren unter anderem schon auch die Künstler verantwortlich - Sina's aktuelles Album heisst "In Wulche fischä" und auch das frisch gepresste VonderHeide-Werk versprüht eher den Charme von Hamburg im Regen denn Ballermann auf Mallorca...
Natürlich stehen nun also eigentlich die neuen Songs auf dem Live-Programm und wollen den Leuten in die Ohren gespielt werden. Acts wie Sina oder MvdH allerdings stehen auch hinsichtlich Vergangenheit in der Pflicht. Ein Sina-Konzert ohne den Sohn eines Pfarrers? - Für die meisten Konzertbesucher absolut undenkbar. Wie hält es Sina betreffend Programm, eigenem Geschmack und Konzessionen ans Publikum? - "Auf der einen Seite bin ich da, um die Leute zu unterhalten, also will ich auch etwas bieten und sie bedienen. Auf der anderen Seite habe auch ich meine Ansprüche an so eine Show und da kommen auch Songs mit rein, bei denen ich von Anfang an weiss, dass die Leute weniger hinhören. Das ist bei einem Publikum mit einer Bar in der Nähe eher schwierig, aber ich muss auch einen guten Abend haben können. Wie eine Jukebox einen Gassenhauer nach dem anderen raus zu hauen, ist nicht mein Ding. Heute mussten wir zudem von normalerweise 2 Stunden auf 90 Minuten Programm reduzieren und dafür ziemlich viele Songs streichen. Timingmässig waren wir jetzt schon gefordert. Den Pfarrersohn dürfte ich zwar schon streichen, aber es würde die Leute doch ein bisschen enttäuschen. Ich spiele den Song auch ganz gerne und würde niemandem eine Freude machen, wenn ich darauf verzichten würde - weder dem Publikum noch mir. Der gehört einfach dazu..." Michael von der Heide profitiert auch davon, dass er ein grosses Repertoire hat und gibt preis: "...ich hatte es heute eigentlich anders geplant und habe dann kurzfristig entschieden, einen Song wegzulassen und einen anderen zu spielen. Das halte ich je nach Stimmung sehr spontan." Sina wirft ein: "Das kannst du vor allem dann machen, wenn du deine Musiker, das Publikum und dich selbst gut kennst. Vor 13 Jahren durfte ich nicht einen Song weglassen, nur weil ich es so abgemacht hatte. Da wirst du mit der Zeit auch grosszügiger dir selbst gegenüber."
Als Sina ihr Album vorstellte, sprachen wir schon über die Songs und ihr Verhältnis zu ihnen. Wie fischt es sich nun nach ein, zwei Monaten in den Wolken, beziehungsweise wie hat sich dieses Verhältnis verändert? Sina: "Das Material ist mittlerweile durch die Interaktion mit der Band verändert worden. Und es wird sich bis zum Ende der Tour weiter verändern. Ich finde diesen Prozess sehr schön. Es gefällt mir, dass es nicht konzeptionell passiert, sondern man sich dieser oder jener Idee hingibt. Vielleicht verwirft man sie dann wieder, aber man kann einem Song so erst die Möglichkeit geben, sich weiter zu entwickeln. Und er wird ja immerhin rund 80zig mal gespielt auf einer Tour. Ich erhoffe mir also sogar eine Veränderung." Am besten bemerkt man dies natürlich bei den Radiosongs, die man ja bei der Arbeit öfter mal im Ohr hat. Auf dem Liveschiff fällt mir die Tanzbarkeit der Sina-Rhythmen erst wieder richtig auf - ein wichtiges Anliegen von Sina? - "Ich bin ein totaler Melodien-Fan. Für mich muss es einfach grooven. Und das tut es bei den Songs auch. Es ergibt sich eigentlich ganz von selbst - wenn ein Song gut ist, schafft er's in die Top 11, ansonsten nicht. Da gibt's gar kein Konzept. Live wird der eine oder andere Song dann schon noch ein wenig aufgepeppt." Sina kann da sehr gut abschätzen, welcher Song wieviel Groove braucht, denn... - "Ich tanze selbst sehr gerne, habe das von meinem Bruder gelernt. Das ist bei uns im Wallis noch so - da geht man nicht in einen Tanzkurs sondern lernt es von Brüdern, Schwestern, Onkeln oder Tanten. Du gehst also nie alleine tanzen, sondern immer mit Partner. Und dann ergibt sich alles von selbst - so lernt man in der Mehrzweckhalle Gampel Tanzen..."
Die Gelegenheit des gemeinsamen Auftrittsortes nutzten Sina und Michi selbstredend für ein Duett - das lassen sich die befreundeten Künstler nicht nehmen. Sina: "Ich habe sogar drei Songs gestrichen, weil ich unbedingt wollte, dass er noch auf die Bühne kommt." Der Chansonnier und die Wallisserin finden sich dabei beispielsweise im Französischen. Michi: "Aber ich habe auch schon 'angewalliserdeutscht' mit ihr gesungen... Wir haben ja beide einige französische Songs auf unseren Alben." Ansonsten trifft man sich auf den regelmässigen Szene-Events... oder wie? Michi: "Das ist nicht wahr. Wir sind ja eben auch befreundet, treffen uns zwar nicht täglich, sind aber telefonisch in Kontakt." Sina präzisiert: "Wir sind telefonisch super und im Treffen-Wollen sind wir auch sehr gut. Manchmal klappt es dann auch tatsächlich. Früher waren wir oft im Schober, aber ich bin ja als Aargauerin abtrünnig geworden..." Und zu Michi gewandt fragt sie: "Eröffnet nicht bald im Bellevue wieder einer? - dann wohl kommt eine neue Ära..."